Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 90-91

Kabale und Liebe in Kassel

Von Frank Nicolaus

"Es bringt viel, mit ihm zusammenzuarbeiten" sagt Roger M. Buergel vieldeutig: Der Theatermann und Hobbytorwart Bernd Leifeld führt bei der Documenta die Geschäfte

Angst beim Elfmeter kennt Bernd Leifeld nicht. Das weiß die Documenta-Stadt Kassel seit Jahren. Als seine Mitarbeiter ihm das Schild "goal keeper" an die Bürotür hängten, revanchierte sich der ehemalige Torwart einer sauerländischen A-Jugend-Mannschaft mit einer Fußballweisheit fürs Leben:

"Die anstehenden Probleme sehen, ihre Richtung und Geschwindigkeit einschätzen, prompt und sicher reagieren und - vor allem - den Kasten sauberhalten." Mit diesen Keeper-Qualitäten hat der 57-Jährige Karriere gemacht.

Elf Jahre, länger als jeder Vorgänger, amtiert Bernd Leifeld als Documenta- Geschäftsführer im Fridericianum.

Ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer im zweiten Stock. Ein Computer, ein Telefon, ein paar Bücher. Nur ein einziges Bild hängt an den weiß getünchten Wänden: ein Foto des Gemäldes "Porträt Arnold Bode" (1964) von Gerhard Richter. Geschäftsführer Leifeld hat sich den 1977 gestorbenen Documenta-Gründer zum Mahner erkoren.

Jedesmal, wenn er das Foto ansieht, hört er in Gedanken die ungeduldige Bode-Stimme: Wann geht's endlich weiter?

"Ich bin verantwortlich für den finanziellen und organisatorischen Rahmen der Ausstellung", sagt Leifeld.

"Ich mische mich in keinerlei künstlerische Fragen ein, sondern versuche lediglich, die Vorstellungen der künstlerischen Leitung zu realisieren." Offenbar ein erfolgreiches Programm.

Der aus Nigeria stammende New Yorker Okwui Enwezor, Ausstellungschef der Documenta 11, erinnert sich gerne an die Zusammenarbeit: "Leifeld hält, was sein stahlharter Händedruck verspricht. Er packt die Probleme beherzt an und lässt nicht locker, bis sie gelöst sind." Der Manager ist Autodidakt. Weder kann er mit einem einschlägigen Studium aufwarten noch saß er jemals in einem Führungsseminar. Als er im Winter 1995 den Documenta- Vertrag unterschrieb, kam er geradenwegs aus dem Theater. Nach dem Abitur hatte er Germanistik und Pädagogik studiert. Neben dem "Brotstudium" belegte er aber auch Theaterwissenschaften.

Und in diesem Fach reüssierte er mit seiner wahren Begabung:

Bernd Leifeld erwies sich schnell als Meister der Kommunikation.

Noch als Student arbeitete er als Regieassistent am Renaissance-Theater in Berlin, begleitete dann die berühmte Schauspielerin Elisabeth Bergner als Abendspielleiter auf einer Tournee. Später, als Chef der Tübinger Landesbühne gründete er unter anderem ein Kinder- und Jugendtheater, initiierte ein Frauentheater- und ein Tanztheaterfestival.

Ein Hans Dampf in allen Gassen?

Nein, eher ein Mann für schwierige Fälle. Seine Qualitäten als "Troubleshooter" (Leifeld) bescherten ihm 1980 ein Ticket nach Kassel. Am Staatstheater der Documenta-Stadt regierte damals der hochinspirierte, aber auch sehr eigenwillige Giancarlo del Monaco.

Schauspielhaus und Rathaus lagen permanent miteinander in Fehde.

Bernd Leifeld, offiziell als Dramaturg engagiert, sollte als Krisenmanager den Stadtfrieden retten. Er beruhigte düpierte Kommunalpolitiker und versöhnte das genervte Publikum mit dem Starintendanten.

15 Jahre später - nach erfolgreichen Theaterengagements in anderen Städten - bekam Bernd Leifeld wieder einen Hilferuf aus Kassel. Dies mal sahen die Stadtväter das Gelingen der anstehenden Documenta 10 gefährdet.

Der Konflikt: Die künstlerische Leiterin, die Französin Catherine David, erlebte die Zusammenarbeit mit dem damals amtierenden Documenta- Geschäftsführer als "très difficile".

Leifeld, noch Schauspieldirektor am Theater Basel, bezog mit seiner griechischen Ehefrau Ekaterini eine Mietwohnung in der Kasseler Innenstadt und übernahm am 1. Januar 1996 offiziell das Büro des Geschäftsführers der "Documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungsgesellschaft".

Und Catherine David atmete - deutlich vernehmbar für die Medien - erleichtert auf.

Bernd Leifeld tritt an das kleine Bürofenster. Während der Documenta wird er hier oft stehen und auf den Vorplatz des Fridericianums hinabschauen.

"Je turbulenter es dort unten zugeht, desto ruhiger werde ich nachts schlafen können", prophezeit er. "Bisher hatte jede Documenta mehr Besucher als ihre Vorgängerin. Zuletzt kamen 650 000 Menschen zur Weltkunstausstellung nach Kassel. Ein Rekord.

Wenn die Documenta 12 auch nur einen einzigen Besucher mehr verbuchen kann, will ich zufrieden sein." Eine geschickt inszenierte Genügsamkeit, hinter der sich ein aus geprägter Ehrgeiz verbirgt. Bernd Leifeld agiert lieber im Hintergrund. Gleichwohl möchte er sich "in Kassel ein Denkmal setzen". Unter seiner Ägide soll das von ihm konzipierte "Arnold-Bode-Haus" errichtet werden - ein Documenta- Zentrum mit großem Ausstellungsarchiv, einer Verwaltungsetage und einer Documenta-Akademie für junge Kunststipendiaten aus aller Welt.

Sein Documenta-Vertrag läuft Ende 2010 aus. Was dann? Bernd Leifeld denkt nach, schaut kurz zum Bode- Bild, wiegt den Kopf: "Es könnte mir Spaß machen, irgendwann einmal Schillers ,Kabale und Liebe' am Hamburger Thalia-Theater zu inszenieren", sagt er und ergänzt: "Aber jetzt gibt es für mich nur die Documenta." Das Glück des Torwarts beim Elfmeter.