Ausgabe: 07 / 2007
Seite: 8
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MINI-REPORTAGE Man vermisst Modergeruch in diesem fensterlosen Keller. Er steht fast leer, nur einige kaum verblasste Inschriften an den getünchten Wänden erzählen davon, dass dieser Raum einmal die erste Kunstadresse der Stadt war. Hier, am Burgplatz 12 in der Düsseldorfer Altstadt, lebte und arbeitete von 1970 bis 1972 der belgische Künstler Marcel Broodthaers (1924 bis 1976). Während dieser zwei Jahre hatte er dort die "Section Cinéma" seines imaginären Museumsprojekts zum Thema Adler eingerichtet. Düsseldorf hat leider wenig Interesse, diesen legendären Raum zu bewahren - und so ist es möglich, dass hier demnächst Erdbeerbowle ausgeschenkt wird. Die Hauseigentümerin möchte nämlich endlich einen Partykeller.
KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (3)
Horror Vacui: (lat. "Furcht vor der Leere") tief verwurzelte Angst des Künstlers vor der weißen Leinwand. H. V. hemmt die zur Berufsausübung essentielle ?Schaffenskraft, was in Ex tremfällen zu lebensbedrohlichen ?Sinnkrisen führt. Die Mechanismen, eine Blockade zu durchbrechen, reichen von Verlagerung des Arbeitsraums (Edvard Munchs Freiluftatelier) über Drogen (diverse) bis zu körperlichem Extremverhalten (Wiener Aktionisten).
Akut von H. V. Betroffene reagieren mit Depressionen (Vincent van Gogh), Autoaggressionen (Vincent van Gogh), Exzessen (jüngstes Beispiel: Dash Snow, Seite 16) oder Totalverweigerung (Bas Jan Ader, seit 1975 spurlos verschwunden).
Service wird in Japan groß geschrieben. Das fängt mit dem Beruf der Begrüßungsverbeugerin vor Kaufhauseingängen an und hört - vorerst - bei der neuen Handykunst auf. Wem Museumsbesuche zu anstrengend und Ölgemälde zu teuer sind, kann für umgerechnet etwa zwei Euro ein Monatsabo abschließen und sich digitale Minikunstwerke aufs Display schicken lassen. Leider bisher nur in Japan. Weiterführende Webseiten: http://gengei.peex.jp und www.gignosystem.com
Aufrecht und hochgewachsen mit starken Wurzeln und belaubten Ästen:
Der Baum ist der Inbegriff des Lebens und der Natur. Nicht so bei den Skulpturen des US-Künstlers Roxy Paine. Bei seinen Bäumen aus Edelstahl verschmelzen organische Form und industrielles Material zu einem Ganzen, das sich trotz Realitätsnähe von der Wirklichkeit abhebt. Und ziemlich schick aussieht. Bis 31.12.
Madison Square Park, New York.
Daniel Richter setzte unter sein Bild "E. R.": ein "Mit freundlicher Genehmigung, George Clooney". Ein Scherz, der auf "Emergency Room" anspielt, die Serie, die Clooney berühmt machte. "Frankfurter Rundschau" und "Die Welt" saßen dem Gag auf, sie nahmen es glatt als Beweis für Richters Ruhm. Zu sehen bis 5. August in der Hamburger Kunsthalle.
GAGA: DER PRESSETEXT DES MONATS "Übergangsräume - Potential Spaces" (bis 12. August im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart) zeigt Werke internationaler KünstlerInnen, die auf formal höchst unterschiedliche Weise das scheinbar Gegebene im Hinblick auf Mögliches öffnen. Nicht ein bestimmtes Thema steht dabei im Vordergrund, sondern der Umgang damit. Nicht die Frage, wie die Dinge wirklich sind oder waren, ist dabei relevant, sondern wie und dass sie auch anders sein oder gewesen sein könnten.
Making-of eines Hypes Dash Snow, 26, ist der meistdiskutierte Künstler der Saison - und das nicht aus Zufall 1. Familie. Perfekte Ausgangslage: Spross der Öl-Dynastie De Menil, die neben Dollar- Milliarden auch eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der USA besitzt. Hat angeblich mit seiner Familie gebrochen und sich seit einem Abstecher in den Knast mit 13 Jahren allein durch New York geschlagen.
2. Look. Starker Wiedererkennungswert, Stichwort: Lynyrd Skynyrd. Langes Haar, Mittelscheitel, Zottelbart und jede Menge Tattoos, zum Beispiel von Saddam Hussein.
3. Lifestyle. Lebt in Anarchie und Zügellosigkeit, oberste Priorität:
Drogen, Sex, Party. Keinen Respekt vor niemandem.
4. Kunst. Bestseller-Potenzial:
Kleine leicht herzustellende und zu verkaufende Collagen aus besamten Zeitungsschnipseln und Fotos von Nackten beim Saufen, Koksen, Anfassen.
5. Galerien. Firstclass-Vermarktung:
New York: Rivington Arms, Co-Ownerin ist It-Girl Mirabelle Marden, Tochter von Brice Marden, ihr wurden Geld, Kontakte und Kunstsinn in die Wiege gelegt.
London: The Saatchi Gallery, keiner erfindet Trends so gut wie Werber-Sammler- Milliardär Charles Saatchi. Berlin: Contemporary Fine Arts, die Berserker- Beauftragten vom Dienst sind auf Provokateur-PR spezialisiert 6. Presse. Der Durchbruch:
Man nehme ein renommiertes Magazin, eine Starautorin, tolle Bilder - fertig ist der Hype. Im Januar erschien im "New York Magazine" ein Artikel von Ariel Levy, der ihn sofort in den internationalen Kunst-Orbit schoss.
7. Party. Einmarsch in Berlin: Mitternacht im Grünen Salon. Eine Band spielt treibende Rhythmen, Leute tanzen sich in Trance, Bruno Brunnet lässt Champagner fließen. Gäste:
Rainald Goetz, Meese, Richter.
Snow im Anzug mit Engelshaar.
1 000 000 000 Dollar ist der Gesamtwert von mehr als 1000 Arbeiten, die 53 Sammler dem Seattle Art Museum zu seinem 75. Geburtstag 2008 überreichten - darunter Arbeiten von Constantin Brancusi, Edward Hopper, Ed Ruscha oder Richard Serra. Es ist die wertvollste Spende, die je ein Haus in der US-Museumsgeschichte erhielt.
Individualismus könnte man so definieren: Er manifestiert sich in der Auffassung, dass Interessen und Bedürfnisse des Einzelnen gegenüber seiner Umgebung vorrangig seien. Wer so denkt, sollte genug Geld verdienen, um ein Einzelhaus zu finanzieren. Was nämlich dabei heraus kommt, wenn Individualismus in Doppelhäusern ausge lebt wird, hat der Fotograf Andreas Machanek im Kölner Stadtteil Vogelsang festgehalten: www.andreasmachanek.de - leider noch nicht als Buch erschienen!
Grafik:
Hot Spots and Cool Places Es gibt über hundert Biennalen: hier sind die heißesten und kältesten
Ein sibirisches Dorf? Eine arktische Siedlung? Die Fotos von Thomas Wrede irritieren. In der Serie Real Landscapes hat Wrede Modelleisenbahnhäuschen aus kurzem Abstand in der Natur fotografiert. Kleine Hügel verwandeln sich so in große Berge. Bis 30. September im showroom 4.7 (Atelierhaus Speicher II) in Münster. Galeriekontakt in Berlin: www.herrmannwagner.com
Zu viel Realität. Der Schweizer Fotograf Michael von Graffenried fotografierte, was ihm bei seinem dreimonatigen "Artist in Residence"- Aufenthalt in Kairo begegnete: junge Frauen, Kamele, Polizisten.
Pressematerial, urteilten Kairoer Galerien, zu heikel! Und damit nicht ausstellbar. Graffenried organisierte kurzerhand selbst eine Eintagesschau auf einem Hausdach in Downtown. Dort sind die Slums der 15-Millionen-Metropole - und offensichtlich auch die Schlupfwinkel für die Kunst. Mehr zum Projekt: www.mvgphoto.com
Endlich Wolken berühren! Oder etwas, das so aussieht. Mehr als drei Millionen durchsichtige Strohhalme hat der japanische Designer Tokujin Yoshioka im Mailänder Showroom der Möbelfirma Moroso zu einer Himmelslandschaft gestapelt.
Natürliches Material lehnt er ab, Kunststoffe seien einfach viel faszinierender. Mehr dazu unter www.tokujin.com/en/main.html
Abteilung Adler: Eingang zu Marcel Broodthaers Keller in Düsseldorf
Roy Lichtenstein: Selbstporträt von 1978
Kunst fürs Display von 7th Brothers (oben) und Anamachy (Mitte, unten)
Silberne Äste vor grünen Kronen: Roxy Paines Baum-Skulpturen in New York
Clooney sammelt Daniel Richter?
Kunst am Bau: Doppelhäuser in Köln-Vogelsang
