Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 102

Das Grauen hat kein Gesicht

Von Stefan Lddemann

DÜSSELDORF: GREGOR SCHNEIDER "WEISSE FOLTER"

Der deutsche Installationskünstler hat im K21 ein Labyrinth aufgebaut - ein eisiges Nichts, das den Besucher zutiefst erschrecken kann. Nüchtern betrachtet hat Gregor Schneider ins Souterrain des K21 ein Karree aus Fluren nebst einigen Türen sowie dazu gehörenden Nebenräumen eingebaut. Die "Weiße Folter" lässt sich jedoch nicht nüchtern betrachten, sondern nur höchst angespannt erleben. Denn der Künstler, der derzeit mit seinem schwarzen Kubus vor der Hamburger Kunsthalle provoziert, liefert mit der Düsseldorfer Installation das schneidend präzise Sinnbild einer Zeit, die mit dem Terrorismus die Angst als Waffe im Kampf der Kulturen hervorgebracht hat - und die Folter in Namen des Rechtsstaats als deren Spiegelbild.

Der Ausstellungsbesucher erwandert eine grauenhaft saubere Welt, in der hinter jeder Tür der neutralen Behördenflure die Todeszelle oder ein Käfig für die Isolationshaft warten kann. Zudem macht manche ins Schloss fallende Tür den Rundgang zum Weg ohne Wiederkehr, der in einer finsteren Kältekammer sein eindrückliches Finale findet. Dass die Rauminstallation nicht zur oberflächlichen Erlebniswelt verrutscht, in der man beim Probesitzen im vorgespiegelten Guantánamo den politisch korrekten Schauder spürt, verdankt sie ihrer technischen wie konzeptionellen Perfektion.

Denn Schneider inszeniert keinen Mini-Gulag, sondern Räume von kalter Gleichmütigkeit, deren propere Funktionalität ebenso doppeldeutig ist, wie die Titel gebende Nichtfarbe Weiß. Die kann uns als plüschige Unschuld in Gestalt des Berliner Eisbärchens Knut entzücken - oder eben als eisiges Nichts zutiefst erschrecken.

Schneiders Installation, die man sich angesichts ihrer Brisanz kaum als begehbare Skulptur schönreden darf, entlarvt die Glätte des White Cube als lebensfeindlich und das Ordnungsprinzip des 90-Grad-Winkels als subtilen Terror. Michel Foucaults Horrorvision des Gefängnisses als einer Maschine unentrinnbarer Sichtbarkeit wird hier ebenso still wie atemberaubend überholt - mit der perfekten Illusion einer Haftanstalt, in der der Mensch nur durch eine Tür gehen muss, um im schalltoten Raum der Welt für immer abhanden zu kommen.

Termin: bis 15. Juli. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 24,80 Euro.

Internet: www.kunstsammlung.de.

STEFAN LÜDDEMANN