Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 96
Auf den Abfallhalden der Moderne
Von Gerhard Mack
Der schottische Künstler zeigt im Centre d'art contemporain seine Installationen GENF: MARTIN BOYCE
Ein paar bunte Sonnenliegen stehen auf dem Boden, daneben strecken sich zwei Gebilde aus Metallstangen und Neonröhren, die sowohl an Sonnenschirme wie an das dürre Geäst von Bäumen im Winter denken lassen, zur Decke des Galerieraums. Die Installation "We Are Resistant, We Dry Out in the Sun", die Martin Boyce im Genfer Centre d'art contemporain zeigt, ist bitter und witzig zugleich. Sie zitiert die Billigwaren, mit denen wir unseren Strandurlaub erleichtern, spielt mit dem reduzierten Design der Moderne à la Charles und Ray Eames und unterlegt dem allem eine Tristesse, wie sie aus den Inszenierungen des irischen Dramatikers Samuel Beckett bekannt ist. Das geduldzehrende Bräunen im Süden ähnelt in seiner Leere dem vergeblichen Warten auf den nie erscheinenden Godot.
Martin Boyce (Jahrgang 1967) besuchte in seiner Heimatstadt die Glasgow School of Art, ging 1996 für ein Jahr ans California Institute for the Arts in Los Angeles. Wie die großen Entwürfe im industriellen Alltag des Massenkonsums angekommen sind, was sie dabei verloren haben und vielleicht doch noch einen Rest ihrer einstigen Kraft in sich tragen, ist sein großes Thema. Dabei profiliert Boyce sich besonders durch eine Verbindung von schottischer Direktheit und kalifornischer Lust am Spiel, an der schnellen Assoziation. Der soziale Wohnungsbau interessiert ihn genauso wie Autobahnübergänge, Stadtplanung und öffentliche Parks. In einer ersten Werkserie, die 1997 nach der Rückkehr aus Kalifornien entstand, baute er Eames-Regale mit kaputten Sperrholzschildern nach, auf denen man Sätze wie "Keep Out", "Residents Only" und "Private Property" lesen konnte. Wo die Eames nach dem Zweiten Weltkrieg voller Optimismus preisgünstigen Wohnraum für alle bauen wollten, bestimmten in den neunziger Jahren Angst und die Zäune abgeschotteter Wohnanlagen das Lebensgefühl.
Die Verlassenheit, die damit einhergeht, legt sich fast unheimlich über den Alltag. Martin Boyce inszeniert sie in künstlichen Landschaften, die Übergangsräumen gleichen. Dazu verwendet er in Genf schiefe Papierkörbe, Roste und Gitter.
Oder Muster, die er von den Deckeln von Lüftungsschächten ableitet und in Metall realisiert. In einem großen Haus sind durch die Entlüftung nämlich die unterschiedlichsten Räume und Benutzer miteinander verbunden. Martin Boyce schafft so eine "schwarze Romantik". Damit wird er auch bei den Skulptur-Projekten in Münster (siehe Seite 78) zu sehen sein.
Termin: 25. Mai bis 5. August. Katalog: JPR Ringier Kunstverlag, 60 Franken/40 Euro. Erscheint Januar 2008. Internet: www.centre.ch
