Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 91
Kein Platz für den Menschen
Von Susanne Altmann
Ausstellung der Galerie Neue Meister, gezeigt im Lipsius-Bau DRESDEN: MARTIN KOBE
Auf spiegelglatten Schneisen schlittert der Betrachter in Martin Kobes Gemälde hinein. Mit schlichten zentralperspektivischen Tricks erzeugt der 1973 in Dresden geborene Maler beachtliche Sogwirkungen. Mit Präzision und Aggressivität produziert er immer wieder Architekturfantasien, die - trotz ihrer leuchtenden Farbigkeit - an Radierungen des Italieners Giovanni Battista Piranesi (1720 bis 1778) erinnern. Es ist also nahe liegend, dass in der aktuellen Dresdner Ausstellung die etwa 20 Leinwände Kobes von historischen Beispielen für Künstlerarchitektur begleitet werden. Auch Piranesis berühmter Grafikzyklus der "Carceri" (Kerker) ist dabei, jene fiktiven Verliese aus einschüchternden Gewölben, Treppen und Zugbrücken. Wie vorweggenommene digitale Virtualräume muten diese aus weglosen Kerker an und das verbindet sie mit den komplexen Schichtungen des Leipziger Akademie-Absolventen Martin Kobe.
Im Kreise seiner einstigen Kommilitonen wie Tim Eitel, Tilo Baumgärtel oder Matthias Weischer ist er wohl der Abstrakteste:
Garantiert menschenleer und ohne jegliche Erzählmomente kommen seine Werke daher.
Als unerschöpfliche Inspiration benennt er die gebaute Moderne, die Baukunst des 20. Jahrhunderts, die er dann beherzt in ihre Fragmente aufsplittert.
Psychologische oder existenzielle Deutungen behagen ihm gar nicht; es ginge ihm nur um Architektur. Trotzdem drängen sich Gedanken an die Besessenheit und Isolation von Computerjunkies geradezu auf. Dabei entwickelt der Künstler seine bodenlosen Labyrinthe gänzlich ohne digitale Hilfsmittel. Er beginnt mit Bleistiftvorzeichnungen in einer Bildecke und malt sich von da aus weiter voran.
Kobe arbeitet extrem langsam, analytisch und ohne Produktionsdruck. Neue Werke brauchen ihre Zeit. Insofern ist die Dresdner Ausstellung, die sich fast ausschließlich aus Leihgaben rekrutiert, wohl als Bestandsaufnahme zu verstehen. Erst im Herbst wird in der White Cube Galerie in London wieder eine aktuelle Werkgruppe von ihm zu sehen sein.
Termin: 2. Juni bis 16. September. Katalog: 16 Euro.
Internet: www.skd-dresden.de
