Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 94-95
Flaggen, Köpfe und zahnlose Rosen
Von Boris Hohmeyer
Große Retrospektiven von Jasper Johns, Brice Marden, Robert Indiana, Chuck Close, Bruce Nauman und Richard Serra in Aachen, Basel, Berlin, Kleve, Turin und New York KUNSTSOMMER 2007: DAS DEFILEE DER GROSSEN AMERIKANER
Es steckt sicher keine Absicht dahinter, aber auffällig ist es schon: Im Documenta-Biennale-Skulpturen- Projekte-Sommer ballen sich die Ausstellungen amerikanischer Künstler aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die glänzendste Malerei ist sicher bei Jasper Johns (Jahrgang 1930) im Kunstmuseum Basel zu finden. Dort konzentriert man sich klug auf rund 80 der Zielscheiben, Flaggen, Ziffern und Wortbilder aus der Zeit von 1955 bis 1965 - auf jene Arbeiten also, bei denen dieser Vorläufer der Pop Art so virtuos und experimentierlustig, etwa durch seine selbst entwickelten Wachsmaltechniken, zu Werke ging wie kaum einmal später.
Brice Marden (Jahrgang 1938) konnte die Werke des Kollegen 1964 ausführlich studieren: als Wärter einer Johns-Ausstellung im New Yorker Jewish Museum.
Bald benutzte auch er Wachs für seine monochromen Gemälde - eine Art Farbfeldmalerei, bei der jedes Feld aus einer eigenen Leinwand besteht. In den achtziger Jahren ging Marden dann unter dem Einfluss asiatischer Kunst zu kalligrafischen Liniengeflechten über. Gleich zwei Häuser stellen seine Werke aus: Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt eine Retrospektive mit jeweils rund 50 Gemälden und Zeichnungen. Im Basler Kunstmuseum sind derweil Arbeiten auf Papier aus eigenem Bestand zu sehen.
Die quadratischen "LOVE"-Bilder mit dem gekippten O kennt auch, wer von dem Pop-Maler Robert Indiana (Jahrgang 1928) noch nie gehört hat. Dessen Umgang mit Ziffern und Buchstaben war nicht so subtil wie der von Jasper Johns, doch äußerst erfolgreich. Das Kurhaus Kleve widmet Indiana als erstes deutsches Museum eine Einzelausstellung.
Seit vier Jahrzehnten malt Chuck Close (Jahrgang 1940) seine riesigen Porträts.
Anfangs waren es frontal und wenig schmeichelhaft aufgenommene Schwarzweißfotos, die er auf die Leinwand übertrug, später erprobte er eine dem Druck entlehnte Vier-Farben-Technik, setzte die Bilder aus Papierstückchen oder Fingerabdrücken zusammen. 25 Gemälde zeigt das Aachener Ludwig-Forum. Die Malerei ließ Bruce Nauman (Jahrgang 1941) schon als junger Kunststudent hinter sich.
Er befasste sich statt dessen mit Körperlichkeit und mit Sprachspielen, mit Klängen und mit den Widersprüchen zwischen Wissen und Wahrnehmung. Seine experimentellen Plastiken, Konzepte und Performance-Videos aus den sechziger Jahren versammelt das Turiner Castello di Rivoli unter dem Nauman-Werktitel "Eine Rose hat keine Zähne", den der Künstler wiederum beim Philosophen Ludwig Wittgenstein entlehnt hat.
Ein großes Haus feiert einen großen Künstler: Das Museum of Modern Art in New York zeigt eine Retrospektive des 40- jährigen Werks von Richard Serra (Jahrgang 1939) von frühen Arbeiten mit Gummi bis zu drei neuen Stahlskulpturen, die noch nie gezeigt worden sind.
Jasper Johns: Basel, Kunstmuseum. Termin: 2. Juni bis 9. September. Katalog: Prestel Verlag, 60 Franken, im Buchhandel 99 Franken/59 Euro. Internet: www. kunstmuseumbasel.ch Brice Marden: Berlin, Hamburger Bahnhof. Termin: 12. Juni bis 7. Oktober. Katalog:
45 Euro. Internet: www.hamburgerbahnhof.de Basel, Kunstmuseum. Termin: bis 29. Juli. Katalog: 38 Franken.
Internet: www.kunstmuseumbasel.ch Robert Indiana: Museum Kurhaus Kleve. Termin: 10. Juni bis 4. November. Katalog: zirka 25 Euro. Internet: www. museumkurhaus.de Chuck Close: Aachen, Ludwig Forum. Termin: 26. Mai bis 2. September. Katalog:
25 Euro. Internet: www.ludwigforum.de Bruce Nauman:
Turin, Castello di Rivoli. Termin: 23. Mai bis 9. September.
Katalog: zirka 30 Euro. Internet: www. castellodirivoli.org Richard Serra: New York, MoMA.
Termin: 3. Juni bis 10. September. Katalog: 75 Dollar.
Internet: www.moma.org
Close: "Maggie" (1998/99, 183 x 152 cm)
Indiana: "Love" (1973, 91 x 91 x 46 cm)
Jasper Johns: "Zielscheibe mit vier Gesichtern" (1955, 85 x 66 x 8 cm, Wachsmalerei)
Brice Marden: "Studie zu den Musen (Hydra Version)" Ölbild (211 x 343 cm) von 1991-95/1997
Nauman: "Selbstporträt als Brunnen" (1966/1970, 50 x 60 cm)
Richard Serra: "Sequenz", Stahlskulptur (2006, Länge 20 m)
