Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 123

Nur eine Mogelpackung

Von Kerstin Schweighfer

Architektur II: Braunschweigs Schloss-Arkaden

Historisierende Rekonstruktionen sind ein notwendiges Übel, ohne das unzählige europäische Städte wie Münster oder München kein Gesicht mehr hätten. Selbst Puristen haben gelernt, damit zu leben - vorausgesetzt, es geschieht sorgfältig, historisch korrekt und die Nutzung passt. Gelungene Beispiele sind die Dresdner Frauenkirche oder die Brücke in Mostar - beide für die jeweiligen Bürger zudem wichtige Identifikationspunkte.

Braunschweig kann sich mit seinen Schlossarkaden auf keines dieser Argumente berufen.

Das Architekturbüro Grazioli und Muthesius (Zürich, Berlin) hat dafür gesorgt, dass sie sich wieder in der Innenstadt erheben: monumental aus goldgelbem Sandstein, mit Säulen und Skulpturen - genauso wie das zwischen 1831 und 1838 entstandene Original, ein wichtiges Werk des deutschen Spätklassizimus von Carl Theodor Ottmer. Sein Welfen schloss wurde 1944 durch Bomben schwer beschädigt. Übrig blieb lediglich eine Ruine. Obwohl die Stadt Braunschweig bereits viel historische Bausubstanz verloren hatte, beschloss der damalige Stadtrat 1960 den Abriss - mit zwei Stimmen Mehrheit. Seitdem diente das brachliegende Gelände notdürftig als grüne Lunge in der Braunschweiger City, umgeben von den Bausünden der fünfziger Jahre.

Kein Wunder, dass sich die Stadtväter wieder nach etwas Glanz sehnten. Bloß: Was sie bekommen haben, ist keine Rekonstruktion, sondern eine Attrappe.

Denn zur Finanzierung des Projekts musste Braunschweig mit der Hamburger ECE Projektmanagment GmbH kooperieren, einem Schwesterunternehmen der Otto-Gruppe und Europas größtem Betreiber von Einkaufszentren. Folge: Hinter den Schloss- Arkaden macht sich, dreimal so groß auf 30 000 Quadratmetern, ein modernes Einkaufszentrum aus Stahl und Glas breit.

Kaum ist der Besucher durch das Hauptportal getreten, landet er, nur zehn Meter weiter, zwischen Windeln und Waschpulver.

Da hilft es wenig, dass fast 600 Originalsteine, die nach dem Abriss 1960 aufbewahrt worden waren, in die Fassade eingebaut werden konnten. Auch pochen Befürworter des Projekts immer wieder darauf, dass auch Teile der Schlossflügel wieder aufgebaut wurden mit Kulturamt, Bibliothek und Schlossmuseum.

Aber erstens handelt es sich dabei um Neubauten mit zusätzlichen Geschossen und einer völlig anderen Raumabfolge, die mit dem Original kaum etwas zu tun haben. Zweitens ändert das nichts daran, dass sich hinter den Arkaden kein Schloss befindet, sondern ein Kaufhaus. Von einer Rekonstruktion kann also keine Rede sein. Hier handelt es sich schlicht um eine Mogelpackung.

Kasten:

Das deutsch-schweizerische Architekten-Duo Wieka Muthesius (links), 40, und Alfred Grazioli, 66, arbeitet seit sieben Jahren zusammen, mit Büros in Berlin und Zürich. Mit ihrem Entwurf für das Braunschweiger Einkaufszentrum samt rekonstruierten Fassaden wurden sie 2004 Wettbewerbssieger. Zu den wichtigen Projekten der beiden gehören unter anderem der kürzlich eröffnete, viel gelobte Erweiterungsbau für das Museum Rietberg in Zürich sowie der Umbau eines Bürogebäudes in der Friedrichstraße in Berlin.

KERSTIN SCHWEIGHÖFER