Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 121
Weniger Kaufkraft, mehr Freiheit
Von Barbara Hein
Markt: Neuzugänge in Hamburgs Galerien-Szene
Es ist die besondere Atmosphäre hier auf dem Kiez", sagt Anton Kunze auf die Frage, warum er ausgerechnet im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli seit zwei Jahren die Galerie "Hafen + Rand" betreibt. Er betrachtet sie als ein "offenes Plattformprojekt", das heißt offen für jede zeitgenössische Kunstrichtung und für jede Art von Publikum: "Um die Ecke sind die Luden und ihre Mädels, dazwischen die Touristen und das Partyvolk - es stolpern oft Leute herein, die nichts mit Kunst zu tun haben." Manchmal muss er zwar seine Exponate vor Betrunkenen verteidigen, aber generell empfindet er es als "spannend", mit Menschen zu reden, die keine Routine im Kunstdiskurs haben.
Anton Kunze ist nicht allein:
In der Gegend zwischen Hafen und Reeperbahn siedeln sich immer mehr Galerien und Projekträume an. "Hier ist zwar weniger Kaufkraft, dafür aber umso mehr Freiheit", sagt Petra Lohmann von "Linda". Sie ist eines von 13 Gründungsmitgliedern, die ihre Räume nach einer bedrohten Kartoffelsorte benannt haben - ein Grün der ist Bauer. Die anderen stammen aus den Bereichen Fotografie, Gestaltung, Verlagswesen und Journalismus. Sie bezeichnen sich selbst als "Paten" und organisieren die im Zwei- Wochen-Takt stattfindenden Ausstellungen abwechselnd.
Auch in den angrenzenden, lange in Sachen Kunst und Leben vernachlässigten Stadtteilen, tut sich einiges. Man braucht nur an der Elbe entlang bis in die Altstadt zu gehen. Dort veranstaltet Nils Grossien gegenüber der alten Nikolai-Kirche in seiner Galerie "White Trash Contemporary" seit anderthalb Jahren ein spannendes Programm mit internationaler Fotokunst, Video, Installation, Skulptur und Malerei. Seine Eröffnungen - mal mit "mobilem Blues Club", mal mit temporärer "American Bar" - haben legendären Ruf. Und auch Museumskuratoren von ortsfremden Häusern wie dem Kunstmuseum Stuttgart oder der Kunsthalle Wien machen hier Entdeckungen.
Jetzt zieht die Galerie, die 2004 in New York gegründet wurde, ins Kunstquartier auf der Fleetinsel um.
Ein Stück stromaufwärts entwickelt sich das nächste kommen de Viertel: Rothenburgsort.
Der zwei S-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernte Stadtteil an der Elbe war früher einmal ein quirliges Ausgeh- und Wohnquartier, verwaiste aber nach den im Zweiten Weltkrieg erlittenen Zerstörungen. Langsam siedeln sich - dank leerer Lofts und günstiger Mieten - in dem noch recht unwirtlichen Industriegebiet Künstler und Galeristen an.
In einem tristen Klinkerbau an der Autobahn betreibt Christopher Müller mit drei Freunden den Kunstraum "Oel-Früh". Anfang des Jahres zog Diane Kruse aus Berlin-Mitte hierher und eröffnete in einer alten Garnfabrik ihre Galerie "Tinderbox". "Der Ortswechsel ist schon etwas gewöhnungsbedürftig", räumt die 30-jährige Galeristin ein, "aber in Hamburg herrscht zur Zeit eine unglaubliche Aufbruchstimmung - die will ich auf gar keinen Fall verpassen."
Neue Ausstellungsräume in Hamburg.
St. Pauli: Hafen + Rand, www. hafenrand.com; Kunst- und Kulturverein Linda e.V., www.chezlinda.de; Trottoir, www.trottoir-hh.de; Helium Cowboy Artspace, www.heliumcowboy.com Fleetinsel: White Trash Contemporary, www.whitetrashcontemporary.com Rothenburgsort: Tinderbox, www. tinderbox-art.com; Galerie Oel-Früh, www.oelfrueh.org
