Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 44-55
Verwandlungen im Pixelpark
Von Gerhard Mack
Auf den Bildern des Künstlers Yves Netzhammer ist alles im Fluss: Körper von Menschen und Tieren verschmelzen mit Gegenständen, alles ist eine Frage des Aggregatzustands. Als einer von vier Künstlern bespielt der Metamorphosen-Meister nun den Schweizer Pavillon SCHWEIZ
Welche Tür soll man nehmen? Zwei identische Eingänge warten auf den Besucher im obersten Stockwerk eines Zürcher Mietshauses. Keiner hat ein Namensschild. Da streckt zum Glück Yves Netzhammer den Kopf heraus und erklärt: "Hier waren einmal zwei Wohnungen, aus denen eine gemacht wurde. Wir haben die beiden Türen gelassen." Und schon ist man mitten drin in der Kunst des jungen Schweizers, der ohne viel Aufhebens europaweit ausstellt und dieses Jahr die Schweiz bei der Biennale in Venedig vertritt. Die Räume, die er mit seiner Partnerin, der Designerin Zuzana Ponicanova, teilt, könnten kaum nüchterner sein. Da reiht sich eine Front von Flachbildschirmen auf Tischen, dort stehen die üblichen Metallregale aus Studentenbuden vor einer Wand, der Kaffee schmeckt unverdächtig stark. Und doch schiebt sich Unsicherheit in diese Schweizer Normalität.
Auf den Animationen, die Netzhammer hier bereithält, lösen sich Finger von der Hand und fahren als Unterseeboote durchs Bild. Füße und Arme werden zu Pferdeköpfen, die Wasser saufen. Ein Lichtschein kriecht als Schnecke aus einer Lampe und schleimt dem Benutzer über den Kopf. Man hat schnell das Gefühl, bei den schmucklos neutralen Puppenfiguren seiner Zeichnungen, Videos und Installationen ist die Playmobilwelt aus dem Kinderzimmer ins Labor eines Dr. Jekyll geraten. Tiere sind wie Kaugummi miteinander verwachsen.
Aus Hirschgeweihen sprießen Bäume. Ein Wald wurzelt im Blutkreislauf eines Toten unter der Erde. Selbst Dinge und Menschen sind in permanenter Mutation miteinander verbunden.
Kissen und Bettdecke werden zu Schläfer und Schwan, der als tonnenschwerer Alptraum auf der Brust des Träumers sitzt. Mit solchen Bildern war der 1970 in einem Schaffhauser Ingenieurshaushalt geborene Künstler dazu prädestiniert, in den späten neunziger Jahren Bilder für die Gefahren der Gentechnik zu liefern. Populäre Medien wie das Magazin des Zürcher "Tages-Anzeigers" illustrierten mit seinen Darstellungen Hefte zu Zukunft und Technologie.
Und so ganz falsch ist das auch nicht. "Eigentlich ist alles, was wir denken und fühlen, in den Körper eingelagert", sagt Netzhammer. Wie dieses Gedächtnis Bilder schafft, ablagert und verschiebt, wie es Erinnerungen und Gefühle weckt und dabei die Ordnungen und Schranken umgeht, mit denen der Kopf gerne die Welt ordnet, will der Künstler zeigen. Der Körper sieht, was die Sprache des Kopfes nicht wissen will, und bringt es, falls nötig, auch mit Krankheit, Zerstörung und Mutation zum Ausdruck. Zwei echte Totenschädel stehen als Memento mori auf dem Regal.
Also beschäftigt sich Netzhammer mit dem Körper. Und er tut es auf die denkbar unkörperlichste Weise, am Computer. Auf dem flachen Bildschirm zeichnet er das Vokabular seiner Welt.
Wer frühe Arbeiten betrachtet, sieht jedoch, dass das Handwerk des Zeichnens weit wirksamer ist als die Lust zum Kommentar besorgniserregender Zeitläufte. Das Gerät - hier die Zeichenprogramme und ihre Fehlstellen - erzeugt bei Netzhammer Bilder. Wenn man die Flächen eines einfachen Würfels nach innen verschiebt, entsteht ein Haus mit klaustrophobisch engen Räumen. Wenn man die Koordinaten eingibt, an denen ein Punkt Flächen berühren soll, springt ein schwarzer Ball bedrohlich durch einen Raum. Da auf dem Bildschirm alles Fläche ist, kann diese Fläche auch jede Bedeutung annehmen. Das immaterielle Licht kann zum schweren Sand oder gar zum belebten Körper werden, die Fußgängermarkierung über eine Straße zu einem Wall aus hohen Mauern anwachsen.
Mit diesen einfachen Mitteln erzählt Yves Netzhammer Geschichten.
Sie tragen Titel wie "Die überraschende Verschiebung der Sollbruchstelle eines in optimalen Verhältnissen aufgewachsenen Astes" (2003), und sie zeigen sehr allgemein, wie eine Figur sich die Welt erschafft, indem sie um sich schaut, oder wie sie einsam durchs Leben geht, Kontakte schließt und wieder verliert. Aber die Bilder erzählen diese Geschichten nicht wirklich; der Künstler stellt nur Figuren und Situationen zur Verfügung, die sich wie Bausteine zusammenfügen lassen und wieder auseinander fallen. Ein Hund verliert seine Zunge und rückt sie wieder an ihren Platz im Mund. Eine Gliederpuppe fliegt über leere Buchseiten, die geblättert werden, eine andere fällt endlos hin, und eine dritte dreht Pirouetten. Da glaubt man Bilder für die endlosen Mühen des Alltags zu erkennen, wie der französische Schriftsteller Albert Camus sie mit dem antiken Mythos des Sisyphus für die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben hat.
Yves Netzhammer sitzt in einem schwarzem T-Shirt und mit kahl geschorenem Kopf fast ebenso bleich am Tisch wie seine animierten Figuren. Er muss gleich zwei Anfragen gerecht werden:
In Venedig tritt er zusammen mit der jungen Malerin Christine Streuli im Schweizer Pavillon auf. In Kassel bespielt er im Rahmenprogramm zur Documenta die Karlskirche. Vor ihm liegen einige CDs, Pläne und Raummodelle.
An beiden Orten will er neue Arbeiten zeigen, wovon sie handeln, weiß er trotz der Zeitknappheit allerdings bestenfalls in Ansätzen.
Die Bilder und Klischees, die wir von Afrika mit uns herumtragen, treiben ihn um. Wie man so etwas in animierter Form zeigen kann, ohne platt zu werden, weiß er noch nicht. "Das Medium ist da sehr gefährlich. Sobald ich mit Schwarz und Weiß arbeite, was zeichnerisch nahe läge, produziere ich Klischees." Netzhammer will aber Bilder von einer Welt, in der alles möglich und mit allem verbunden ist und in der nichts von Dauer ist oder so ist, wie es scheint.
UNGARN Ein Österreicher wurde diesmal ausgewählt, die Ungarn in Venedig zu vertreten. Der 1977 in Wien geborene Andreas Fogarasi behandelt in Installationen, Videos und Malerei die Veränderung von Stadträumen und deren Nutzung durch Bewohner. Im Pavillon wird seine Videoarbeit "Kultur und Freizeit" gezeigt; sie beschäftigt sich mit einer Reihe von Kultur- und Bildungshäusern in Budapest. Seit den fünfziger Jahren wurden sie flächendeckend über die Stadt verteilt, hier spielte sich "offizielles" sozialistisches Kulturleben ab, es waren aber auch Treffpunkte der Dissidenten-Kulturszene.
UKRAINE Das übliche Konzept des Länderpavillons als Schaufenster eigener kultureller Leistungen wird im ukrainischen Raum diesmal umgedreht: Das Land hat sieben Künstler eingeladen, sich mit der Frage zu beschäftigen, worin heute die ukrainische Indentität besteht. Der Witz ist nur: Neben Künstlern des Landes sind darunter internationale Stars wie der deutsche Fotograf Jürgen Teller und die britische Medienkünstlerin Sam Taylor-Wood, die bisher noch nicht durch spezifisch ukrainische Themen aufgefallen sind. Man darf gespannt sein.
FRANKREICH Sie nähert sich der Wirklichkeit mit detektivischer Neugier, und sie hat das Private und Indiskrete für die Kunst erschlossen. Sophie Calle vertritt Frankreich mit einer Arbeit von 2007, die in ihrer Mischung aus Exhibitionismus und konzeptioneller Strenge typisch für die 1953 geborene Künstlerin ist. Den Trennungsbrief eines Mannes, der mit den Worten "Pass auf Dich auf" endet, legte sie 104 Frauen vor. Sie sollten ihr helfen, den Inhalt, den sie selbst nicht begreifen konnte, zu entschlüsseln oder zu interpretieren. Eine Psychoanalytikerin war darunter, eine Schauspielerin, eine Anwältin. Die Expertisen sind nun im französischen Pavillon zu lesen.
ARGENTINIEN Der 1961 geborene Maler und Zeichner Guillermo Kuitca ist seit vielen Jahren im internationalen Kunstbetrieb erfolgreich. Doch einen solchen Auftritt hatte er noch nicht: In diesem Jahr vertritt er Argentinien mit vier großformatigen Gemälden im Pavillon; zugleich ist er in Robert Storrs Ausstellung "Think with the Senses, Feel with the Mind" mit 38 Bildern aus seiner Serie "Diarios" ("Tagebücher") präsent.
Kuitca hatte sich zuletzt intensiv mit Architektur und Kartografie auseinander gesetzt - für seine Venedigbilder verlässt er dieses Terrain und wendet sich klassischer Abstraktion zu.
ISRAEL Mit filigranen Mitteln füllt die 37-jährige Künstlerin Yehudit Sasportas mitunter große Räume. Ihre Zeichnungen von Landschaften, die oft in abstrakte Formen übergehen oder von ihnen kaum unterscheidbar sind, baut sie zu Installationen aus; mal sind Wandarbeiten dabei, dann wieder arrangiert sie ihre Bilder zu riesigen Collagen am Boden. Ihr handwerklicher Reiz und ihre zauberhaften Bilderfindungen haben Sasportas zu einer der erfolgreichsten israelischen Künstlerinnen gemacht. Sasportas studierte in Jerusalem und New York, erhielt ein Atelier am Berliner Künstlerhaus Bethanien; sie lebt in Berlin und Tel Aviv.
ITALIEN Es war der heimliche Hit der letzten Venedig-Biennale:
Francesco Vezzoli drehte den Trailer zu einem nicht vorhandenen "Caligula"-Film, und seine elegante Mischung aus Trash und Stilwillen amüsierte die Biennale- Besucher königlich. In die sem Jahr vertritt der 35-Jähri ge Italien zusammen mit dem Arte-Povera- Veteranen Giuseppe Penone.
Der 60-Jährige gilt bereits als Klassiker der Kunst mit "armen" Materialien. Vor zwei Jahren widmete ihm das Pariser Centre Pompidou eine Werkschau.
ISLAND Man könnte den 1954 in Reykjavik geborenen Künstler Steingrimur Eyfjörd wohl einen Geschichtenerzähler nennen. Seine Quellen sind alte isländische Sagen und Modemagazine, religiöse Mythen und Comicstrips - und er verwandelt seinen Stoff in komplexe, oft auch ironische Installationen, bei denen er von Video über Malerei und Zeichnung bis zur klassischen Skulptur kein Medium grundsätzlich ausschließt.
Neben seiner Arbeit als bildender Künstler betätigte sich Eyfjörd in den letzten 25 Jahren auch als Magazinherausgeber, Lehrer, Schriftsteller, Kurator und Comiczeichner.
LATEINAMERIKA Der südliche Teil des amerikanischen Kontinents tritt in Venedig geschlossen auf: Im Lateinamerikanischen Institut sind 15 Länder vertreten: Bolivien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Kuba, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru und die Dominikanische Republik. Irma Arestizabal hat die Schau kuratiert, die weniger mit den anderen, meist monografischen Länderpavillons zu vergleichen ist als mit der Sonderschau zu Afrika, die Robert Storr an seine Ausstellung "Think with the Senses, Feel with the Mind" angeschlossen hat.
Grafik:
Videostill aus der installativen Arbeit "Die überraschende Verschiebung der ..." von 2003
Diese am Computer gezeichnete Studie gehört zu den Vorarbeiten für Netzhammers Arbeit, die im Schweizer Pavillon gezeigt wird
Yves Netzhammer, existenzialistisch schwarz gewandet, in seinem Zürcher Atelier (Foto:
Tom Haller)
Mit einfachen Mitteln erzählt Yves Netzhammer Geschichten, denen die Handlung abhanden gekommen ist
"Alte Narben um frische Verletzungen", eine
Installation aus dem Jahr 2001 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen
Detail aus einer Videoinstallation, die aus vier Filmen besteht, aus dem Jahr 2003
Videostill aus der Arbeit "a machine for" (2006); Andreas Fogarasi untersucht Räume und ihre kulturelle Funktion
Standbild aus Fogarasis Biennale-Arbeit "Kultur und Freizeit" von 2006
Ein typisches Foto von Jürgen Teller: "Gisele Bündchen, London 2005". Nun wird er sich mit der Ukraine beschäftigen
"Pass auf Dich auf", Kommissarin
Buchhalterin
Philosophin
Latinistin
Stylistin
Ein Tondo aus der Tagebuch-Serie: "Diario (1 de diciembre 2004 al 24 de mayo 2005)", Durchmesser 120 cm
Um das Matterhorn herum komponiert Sasportas frei eine Landschaft: "Vaters Tränen" (2006, 150 x 200 cm, Tusche auf Papier)
Trailer für einen nicht vorhandenen Film: Still aus "Caligula" (2005)
Eyfjörd baut einen Schafstall im isländischen Pavillon nach: Detail aus der Arbeit "The Sheep Pen" von 2007
Der peruanische Beitrag:
Standbild aus der Videoarbeit "Dein ist das Reich" (2007) von Patricia Bueno
Der Beitrag aus Ecuador: Gemälde aus der 70-teiligen Serie "Allende" (2007, 36 x 60 cm) von Pablo Cardoso
