Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 12
Sind Babys nicht absolut Tabu?
Von
Peter Joch, 44, Direktor der Kunsthalle Darmstadt, erzählt, warum er sich in der Schau "Baby Body" (bis 24. Juni) mit der Rolle des Säuglings in der Kunst beschäftigt. INTERVIEW
Säuglinge tauchten bis ins 19. Jahrhundert nicht in der Kunst auf, weil sie konturlos sind, keine Physiognomie, keine Lebensgeschichte haben und dabei aber symbolisch völlig überfrachtet sind. Inwiefern?
Sie stehen für Hoffnung, Unschuld, Zukunft, Leben, Fruchtbarkeit - aber auch Vergänglichkeit und Tod.
Wie passt das zusammen?
Das hat mit dem Jesuskind zu tun. Es steht für die christliche "felix culpa", die glückliche Schuld. Vereinfacht gesagt besteht die menschliche Urschuld in Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies.
Die aber bewirkte letztendlich den glücklichen Umstand von Jesu Geburt. Leben und Tod, Verdammnis und Erlösung - alles sehr dicht beieinander hier.
Wann tauchten die ersten Baby-Porträts auf?
Um 1400 wurden Babys wie Mini-Erwachsene gemalt, um die Erbfolge zu zeigen. Wenn's die Familienähnlichkeit erforderte auch mit Hakennase.
Wann änderte sich das?
Um 1800 während der Romantik. Philipp Otto Runge stellte Kinder erstmals als Ursprung des Lebens, als Keim der beseelten Natur dar.
Was veranlasst nun Sie zu dieser Schau?
Wir wollen die Schwelle zwischen Alltagskultur und Kunst aufheben, und dieses Thema lässt niemanden kalt. Jeder ist ja biografisch damit durch die eigene Geburt verbunden. Das ist hochemotional!
Brechen Sie heute noch ein Tabu?
Manche Künstler tun das, indem sie das Kindchenschema brechen und uns böse Babys zeigen.
Haben Sie Kinder?
Nein, noch nicht - aber vielleicht schon bald.
