Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 18-27

Buongiorno Tristezza

Von Dirk Schmer, Gerhard Zwickert

Am 10. Juni wird die 52. Biennale von Venedig eröffnet: Schöne Menschen, große Kunst, glanzvolle Inszenierungen - alles wird wie immer sein. Wie aber sieht es in den Giardini aus, wenn der Kunstbetrieb wegschaut? Eine Reportage aus der winterlichen Lagune

Die Giardini von Venedig fallen im Winter in einen tiefen Schlaf, dann sind die Touristen der Biennale wieder daheim, der Tross von Kuratoren, Galeristen, Künstlern, Journalisten ist weitergezogen zu neuen Events: Kassel oder New York, Paris oder Basel, Miami oder London. Und Venedig wird dann ohne den Fokus der Medien und der Bescheidwisser, was diese merkwürdige Bibersiedlung in der Lagune nach dem Untergang der Serenissma ohnehin geworden ist: eine beschauliche Kleinstadt mit rund sechzigtausend Einwohnern - etwa soviel wie Lippstadt in Nordrhein-Westfalen.

Während die Musik anders wo spielt, sperren Kuratoren im Kittelwinters das prachtvolle Gelände hinterm Arsenal zu. Und eine eisige Bora weht das Laub durch die Kieswege. Kein Leben, nirgends, und Trends, Mo den, Zukunft, Quirligkeit schon gar nicht.

Es gibt aber auch Leute, die den Winterschlaf der Giardini genau umgekehrt erleben. Das sind die Venezianer, die sich im Stadtsechstel Castello rund um das Kunstgelände eingerichtet haben. Diese Menschen halten keinen Winterschlaf und sind im Gegenteil gerade dann besonders kregel, wenn sie ihre Gassen und Parks, Cafés und Osterien wieder einigermaßen für sich haben. Viele, wenn nicht alle Omas, die sogar im Winter in Pantoffeln morgens ihre Brötchen holen, sind noch nie auf dem Gelände der Biennale gewesen, obwohl die Institution älter ist als die älteste Venezianerin.

Aber mit dem modischen Völkchen, das im Sommer auch noch in den leersten Sackgassen herumstreunt, können die alten Damen, die oft nur den venezianischen Dialekt (und kein ordentliches Hochtoskanisch, geschweige denn ein auch nur rudimentäres American english) sprechen, wenig anfangen. Man geht sich also besser aus dem Weg.

Im Winter ist es vielleicht zu kalt, auf den Bänken im Volkspark der Giardini gleich hinterm Bootsanleger der Biennale herumzusitzen, aber dafür spielen die Enkel - also die überraschend vielen nachwachsenden kleinen Venezianer - ausdauernd auf den Holzgeräten, Rutschen und in den Sandkästen, denn sie haben sonst nicht viel Auslauf im engen Viertel, das wegen seiner niedrigen, dichten Bebauung bei den Venezianern "Castello basso" - das niedrige Castello - heißt.

Darum sitzt selbst im kühlen Nieselregen manche Mamma mit ihren Bambini zwischen Winterlaub und kahlen Bäumen, damit der daheim ein - gesperrte Nachwuchs sich mal austoben kann. Das weiträumige Gelände der Biennale mit den Pavillons da gegen ist fürs Publikum dicht und wird - wenn die Nachtwächter nicht aufpassen - allenfalls von der wilderen, mutigeren Jugend nachts für verbotene Ausflüge genutzt. Aber für solche Exzesse sind selbst die Ragazzi von Castello meist zu träge, wir sind schließlich nicht in Mailand oder Turin. Und man hat in Venedig keine Mopeds, um vor der Polizei abzuhauen.

Wer an einem Wintertag zu den Pavillons durchdringt, weil ein Bauarbeiter die Pforte offengelassen hat, der wird begeistert oder wenigstens gerührt sein von der Ruinenästhetik all der nationalen Tempelchen für Neues und Zukünftiges. Uruguay, Frankreich und Brasilien - ohne Bespielung dösen die leeren Räume vor sich hin, als wären sie Wartesäle für die Einreise, Vorzimmer einer Party, die nicht beginnen will. Nur Handwerker dringen ab und zu aufs Gelände vor, wenn eine stolze Nation dringende Arbeiten an Kanalisation oder Klimatisierung aufbringt, wenn Wasser durch die Decke zu tropfen droht oder ein neuer Anstrich fällig ist. Da solche Erneuerungen aber in der Regel mit dem Frühjahrsputz - also in die warmen Maiwochen vor dem Biennale- Start - zusammenfallen, bleibt das Gebiet sich selber überlassen - und das in einer Stadt, in der Boden immens teuer und Platz ein allzu knappes Gut ist. Doch welche Nutzung sollten die Pavillons, die von ihren nationalen Besitzern zudem sorgsam gehütet werden, auch bieten? Da bleibt es, wenn überhaupt noch irgendjemand hinsieht, bei einem Seitenblick der Passanten, die vom Anleger durch den Nebel nach Hause eilen. Und die Jogger in der Morgen- oder Abenddämmerung, die jeden Meter Auslauf peinlich nutzen, biegen mit leeren Augen vor dem Haupteingang ab, trippeln etwas ratlos auf der Stelle und schnaufen dann weiter über die Brücke in Richtung Sant'Elena, von wo sie die Biennale aus der Rückperspektive sehen könnten, wären sie nicht auf den ausgetretenen Trampelpfad rund ums Inselchen konzentriert, den sich Hunde und Dauerläufer teilen.

Die alten Hallen des Arsenals, die Seilziehereien und Nagelschmieden, die uralten Trockendocks, die seit Jahrzehnten vor sich hin gerottet hatten, wurden überhaupt nur durch die Initiative der Biennale wieder zum Leben erweckt. Die Bröckel-Ästhetik der alten Backstein-Locations lässt sich im milden Winter besser nutzen als für die Kunst- oder Theaterleute im Hochsommer, denn da steht oft die Hitze unter den Ziegeldächern. Wenn die internationale Garde der Kritiker nicht zuguckt, dann beziehen die Venezianer die Hallen des Arsenals: Hier und da übt eine Laienspielgruppe, ein Gastspiel ausländischer Ensembles, das höchstens im lokalen "Gazzettino" angekündigt wird, tritt vor wenig Publikum - etwa beim Karneval - im Teatro alle Tese auf. Aber auch venezianische Lehrerkollegien zwingen die Elternschaft in die etwas zugigen Räumlichkeiten, weil nirgendwo besser als in der Halle das bunte Kindermusical vor Publikum aufgeführt werden kann.

Die Kleinen sind stolz, Eltern und Verwandte auch - und froh, wenn sie nach vier Abenden Gesang und Tanz ohne Erkältung davonkommen.

Im letzten Winter boten die Giardini sogar Stoff für die örtliche Blutchronik, die - anders als die Romane Donna Leons glauben machen - langweilig ist und dünn wie die eines Kurorts im Schwarzwald. Diesmal aber erstach hinter einer Bank beim Biennale- Tor tatsächlich ein Chinese einen Landsmann beim Streit um irgendwelche Gelder, deren Herkunft die Polizei nicht ermitteln konnte. Nur die bemoosten Denkmäler von Wagner und Verdi waren Zeugen, dennoch wurde der Täter schnell aufgegriffen.

Und die Venezianer mussten einer Realität von Kriminalität und illegaler Zuwanderung ins Auge sehen, vor der sie sonst gerne die Augen schließen.

Viel schöner ist's für die globalen Medien, urbanistische und gesellschaftliche Probleme via Kunst und Diskurs in Venedig durchzuspielen - auf einer durch und durch ästhetischen Insel der Seligen sozusagen, von wo die Sorgen des Planeten wie von draußen betrachtet werden können. Als würden - sommers wie winters - in den Hinterzimmern von Castello nicht längst die schwarzen Taschenverkäufer ohne Strom und Wasser gegen hohe Mieten hausen, als würden nicht immer mehr Bars und Pizzerien von Chinesen übernommen, von denen niemand weiß, woher sie kommen.

Das melancholische Idyll, das die Giardini im Winter bieten, ist nicht weniger trügerisch als das brausende Laboratorium des Wichtigen und Hippen, das hier im Sommer aufgebaut ist. Auf jedem Meter Kies und unter jeder Schicht von Laub spielt das Drama von Venedig, das sein Geld als Kulisse für Tourismus und Kunst verdient und zugleich durch Tourismus und Musealisierung ausgezehrt wird. Gäbe es die Biennale nicht - so wird der Bürgermeister und Philosoph Massimo Cacciari bei seinen winterlichen Spaziergängen in den Giardini denken - dann hätte Venedig unschätzbare PR und Dutzende Millionen Euro Einnahmen durch die Gäste aus aller Welt verloren. Aber wenn man die Stadt klug für kommende Generationen entwickeln wollte, dann wäre es vielleicht das Beste, hier den mehrmonatigen Leerstand ein- für allemal zu beenden und die Freifläche mit eben dem sozialen Wohnungsbau für Kinderreiche zu möblieren, der hier bei der Architekturbiennale für andere bedürftige Metropolen vorgestellt wird.

Aber dazu wird es natürlich nicht kommen, denn Untergänge werden hier allenfalls simuliert und geprobt für anderswo. Aber Venedig, das auch im nebligsten und nieseligsten Winter immer voller wird mit Hotelgästen und Tagestouristen, scheint während der biennalefreien Zeit ein wenig durchzuatmen und mal wieder vom Vergessen und Verfall zu träumen, wie man das der Stadt seit langem prophezeit.

Aber dürfen wir vom menschenleeren Venedig nicht ein bisschen träumen?

Wenigstens hier, wenigstens ab und zu, wenigstens im Winter.

Kasten:

Die Welt im Kleinen Am Anfang stand eine geniale Marketing-Idee des 19. Jahrhunderts: Bürgermeister Riccardo Selvatico erfand die Kunstbiennale, um seiner Stadt Venedig neuen Glanz - und vor allem mehr Touristen zu bescheren. Schon die erste Ausgabe 1895 fand in den von Napoleon Bonaparte angelegten "Volksgärten" im Südosten der Hauptinsel statt. Sie wurde prompt ein riesiger Erfolg, der den Ehrgeiz der Nationen weckte. Bald nach der Jahrhundertwende entstanden in den Giardini Pubblici die ersten festen Länderpavillons. Alle zwei Jahre werden diese quasi exterritorialen Kunstbotschaften zum Ruhm der Nation vom jeweiligen Biennalekommissar des Landes mit aktueller Kunst bestückt. Heute stehen auf dem Gelände rund 30 solcher Pavillons, errichtet zwischen 1907 bis Mitte1960. Länder, die hier keinen Platz gefunden haben, weichen auf Räume in ganz Venedig aus.

Ein folkloristisches Kleinod im Jugendstil: der ungarische Pavillon

Unter dem Vordach des skandinavischen Pavillons, Blick nach Russland

Rechts der japanische Pavillon, hinten die britische Vertretung aus den besten Zeiten des Empire. Unten: Beschallungsanlage des ägyptischen Pavillons

Im Café Paradiso treffen sich im Sommer die himmlischen Heerscharen der Kunst. Unten ein rätselhaftes Objekt: Minimal Art oder Ausstellungsmüll?

Frankreichs neobarockes Schlösschen wirkt beschmutzt. Unklar bleibt, wer den Müll abgeladen hat: Großbritannien und Deutschland sind die nächsten Nachbarn. Israel und Brasilien trifft keine Schuld

Mord im Kunstbezirk: Im letzten Winter boten die Giardini Stoff für die örtliche Blutchronik

Nach der Schau ist vor der Schau, aber etwas reiner hätte man sich den Tempel schon gedacht. Den Schlüssel zum deutschen Pavillon hat ein Architekt vor Ort, der ab und zu nach dem rechten sieht

Dirk SchümerGerhard Zwickert