Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 78-87
Im Paradies der Kunst
Von Barbara Hein, Roman Mensing
Die "Skulptur Projekte" in Münster sind eine typisch deutsche Erfolgsgeschichte: Erst als auch das Ausland Beifall klatschte, verwandelte sich die anfängliche Empörung der Lokalbevölkerung in Akzeptanz und schließlich Stolz. Nun findet die größte Open-Air-Ausstellung Europas zum vierten Mal parallel zur Documenta statt - und das Bistum steht Kopf
Das Erste, was einem auffällt, wenn man aus dem kleinen Münsteraner Hauptbahnhof kommt, ist ein großer, zweistöckiger Bau aus Glas. Er läuft auf einer Seite spitz zu und ist fast durchsichtig, die Glaswände werden nur von schmalen Stahlstreben gehalten.
Auf die Frage, was das sei, sagt eine kleine drahtige Frau in Gore- Tex-Jacke und Mephisto-Schuhen, die über den Bahnhofsplatz marschiert:
"Unsere neue Radstation! Die hat der Bundesverkehrsminister eingeweiht." Das war 1999, und der Mann hieß Franz Müntefering. Auf die gut 280 000 Münsteraner kommen doppelt so viele Fahrräder, also mehr als eine halbe Million. Es gibt Fahrradwege, Fahrradampeln, Fahrradparkplätze, eine Fahrradpolizei und wohl nirgends weniger kaputte Rücklichter als hier im christlich-demokratisch regierten Bischofssitz.
Bereits in den fünfziger Jahren wurden diese Weichen gestellt, als sich die Stadt dem autofreundlichen Wiederaufbau-Trend widersetzte und den komplett zerstörten Stadtkern originalgetreu rekonstruieren ließ.
Mit anderen Worten: Vom Kleinkind bis zur Oma fährt hier jeder Rad - und alle zehn Jahre auch eine Gruppe weltberühmter Künstler.
Seit einigen Monaten ist es wieder soweit: Es radeln Größen wie Bruce Nauman, Rosemarie Trockel oder Guillaume Bijl durch die Straßen, auf der Suche nach geeigneten Orten für Kunstaktionen, denn ab 17. Juni finden wieder rund 100 Tage lang die "Skulptur Projekte" statt. Und obwohl sich die Macher nach wie vor dem Begriff der kalkulierten Reihe verwehren, ist das Konzept fast dasselbe wie schon 1977, 1987 und 1997:
Parallel zur Kassler Documenta werden ausgewählte internationale Künstler dazu eingeladen, sich vor Ort mit den architektonischen, historischen und sozialen Gegebenheiten der Stadt auseinanderzusetzen. Auch der Leiter ist noch derselbe: der gebürtige Münsterländer Kasper König - 1977 freier Ausstellungsmacher, 1987 Inhaber des Lehrstuhls "Kunst und Öffentlichkeit" an der Kunstakademie Düsseldorf, 1997 Rektor der Frankfurter Städel-Schule, 2007 Direktor des Kölner Museums Ludwig, dazwischen Organisator diverser bedeutender Ausstellungen und die ganze Zeit über Oberhaupt des internationalen König-Clans.
1977 hieß das Projekt noch schlicht "Skulptur" und folgte der Fragestellung, welche Art von Skulptur in einer Zeit möglich ist, die Reiterdenkmal und Zierbrunnen endgültig überwunden hat. Der Begriff "Kunst im öffentlichen Raum" wurde damals geprägt.
Im Nachhinein betrachtet, fallen darunter vor allem gefällige Plastiken, die etwa seit Ende der sechziger Jahre deutsche Parks, Behördenvorplätze, Sparkassen-Foyers und Krankenhausgärten überschwemmten. Skandale produzierten nur die allerwenigsten dieser Werke, die nicht im Schutzraum eines Museums ausgestellt wurden, sondern draußen in der Stadt.
In Münster löste eine abstrakte kinetische Skulptur des US-Künstlers George Rickey Mitte der Siebziger den Protest der traditionell konservativen Münsteraner aus. Das brachte das Landesmuseum auf die Idee, eine Ausstellung zur modernen Skulptur zu erarbeiten. Betreut wurde das Projekt vom damaligen Kurator Klaus Bußmann.
Der ursprüngliche Plan war eine Museumsrückschau von Rodin bis dato, die nach und nach - in Zusammenarbeit mit Kasper König - um Projekte im Außenraum ergänzt wurde.
Sie baten bedeutende zeitgenössische Bildhauer, sich mit der Stadt auseinander zu setzen, um zu erforschen, was für einen Stellenwert und was für Möglichkeiten die Kunst im öffentlichen Raum überhaupt hat. Neun Arbeiten kamen ins Freie - und sorgten für ordentlich Furore in Westfalen:
Claes Oldenburgs riesige Beton- Billardkugeln "Giant Pool Balls", die bis heute am Aasee-Ufer liegen, brauchten vor 30 Jahren sogar Polizeischutz, weil ein entfesselter Mob sie ins Wasser rollen wollte. Damals schrieb eine Lokalzeitung: "Eine Clique mit schizophrenen Kunstvorstellungen provoziert die Mehrzahl unserer empfindenden Bürger." Und "Der Spiegel":
"Die Partie zwischen Münster und der zeitgenössischen Kunst ist eröffnet." Joseph Beuys nahm sich einer "architektonischen Wunde" an, einem toten Winkel unter einer Fußgängerüberführung.
Er fertigte einen Abguss des Unorts aus 23 Tonnen Stearin und einer Tonne Rindertalg, der wochenlang erkalten musste. "Unschlitt" liegt heute in sechs riesigen ranzig riechenden Teilen im Hamburger Bahnhof in Berlin und ist eines der bedeutendsten Stücke der Sammlung Marx.
Anders als Volkes Stimme war die internationale Fachresonanz 1977 sehr positiv, König und sein Partner Klaus Bußmann - damals Referent, später Leiter des Westfälischen Landesmuseums - ernteten Respekt für ihre Open- Air-Aktion. "Das Lob hat uns natürlich beflügelt", sagt König heute dazu, wie 1987 die Idee entstand, sich noch ein zweites Mal mit dem Thema zu beschäftigen. Diesmal brachten der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, das Land Nordrhein-Westfalen, die Stadt Münster und Sponsoren ein Budget von insgesamt 1,5 Millionen Mark auf, fünf Mal so viel wie 1977.
64 Künstler nahmen teil, darunter Richard Serra, der zwei Stahlbögen vor die Barock-Architektur eines Adelspalais setzte ("Trunk - Johann Conrad Schlaun Recomposed"), und Keith Haring, der dem Zoo-Gründer einen feuerroten Stahlhund widmete ("Red Dog for Landois"). Das Medienecho war enorm, Münsters Renommee wuchs und - siehe da - ebenso die Akzeptanz der Bevölkerung. Leider war der Sommer 87 völlig verregnet und die Werke lagen so weit auseinander, dass Kasper König den Begriff "Ostereiersuchen" für das Besichtigungserlebnis prägte.
Doch er und Bußmann lernten aus dem Fehler, als sie sich 1997 abermals dazu entschieden, ein Skulptur- Projekt zu veranstalten - diesmal gemeinsam mit Florian Matzner, damals Kurator am Landesmuseum Münster, heute Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Das Triumvirat sorgte für Verdichtung, indem es die 74 Künstler-Interventionen auf Innenstadt, Schloss und Aasee konzentrierte - und erntete zum ersten Mal nicht nur Presse-Lob, sondern bereits im Voraus die euphorische Zustimmung der Münsteraner. Und auch das Wetter war fantastisch: Der Sommer 97 war einer der wärmsten überhaupt.
Die "Süddeutsche Zeitung" jubelte:
"Die Skulptur-Projekte in Münster stehlen der documenta mit Phantasie und Witz die Schau." Besonders beliebt waren Nam June Paiks 32 silberne Oldtimer vor dem Schloss, die er von Sonnenuntergang bis fast Mitternacht mit Mozarts Requiem beschallen ließ ("32 cars for the 20th century: play Mozart's Requiem quietly"). Manche Künstler, wie der Schotte Douglas Gordon, nahmen Bezug zu älteren "Skulptur Projekte"-Arbeiten: Gordon richtete in dem gottverlassenen Fußgängertunnel, der Beuys 20 Jahre zuvor zu "Unschlitt" inspiriert hatte, ein Kino ein und projizierte zwei amerikanische Spielfilme ("Der Exorzist", "Das Lied von Bernadette") in denen es um dämonische und religiöse Besessenheit geht, auf Vorder- und Rückseite einer Leinwand.
Nun findet der vierte Versuch statt, die Möglichkeiten von Kunst im öffentlichen Raum zu erproben - diesmal mit einem Budget von 5,25 Millionen Euro. Wieder ist Kasper König, 64, federführend, allerdings ohne Klaus Bußmann, der 2003 in Pension ging und nun in Paris lebt. Dafür sind zum ersten Mal zwei Frauen im Team: Brigitte Franzen, 41, Ku ratorin für Gegenwartskunst im Westfälischen Landesmuseum Münster, und Carina Plath, 41, Direktorin des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Es sind weit weniger Künstler als 1997 und 1987 dabei:
35. "Das war eine sehr bewusste Entscheidung," sagt Brigitte Franzen, "Wir wollten das Erlebnis weiter verdichten und dabei den Skulptur-Begriff erweitern." Zum Beispiel mit Clemens von Wedemeyers Arbeit "Letzter Bahnhof ": ein 40 bis 60 Minuten langer Film, der sich ohne lineare Handlung mit dem Hauptbahnhof und der besonderen Atmosphäre des Kommens, Gehens und Verweilens beschäftigt.
Gezeigt wird der Film im "Metropolis", einem leer stehenden Kino direkt am Bahnhofsplatz gegenüber der gläsernen Radstation.
An diesem frühlingshaften Märztag sind die Dreharbeiten in vollem Gang. Headquarter der Crew ist das heruntergekommene Kino-Foyer. Dort wuseln gut aussehende junge Leute herum, sie telefonieren, diskutieren, haben Listen vor sich, notieren darin die Details des Drehplans. Das Gravitationszentrum ist ein blasser junger Mann mit wirren, blonden Haaren und großer Brille: der Künstler. Etwas entrückt steht er da, möchte sich nicht interviewen lassen und gibt schließlich doch preis, was ihn am Bahnhof reizt: "Hier passieren Konflikte, weil Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten aufeinander treffen, die sich sonst niemals begegnen würden." Während der "Skulptur Projekte" wird der Film in Endlosschleife im großen leeren Kinosaal laufen, in dem es kein Gestühl mehr gibt. Das "Metropolis" liegt günstig, weshalb es einer der Hauptanlaufpunkte werden wird. Hier gibt es Infos und Erfrischungen - und einen irritierenden neuen Blick auf den Ort, an dem viele Besucher gerade ihren Besuch gestartet haben.
Der organisatorische Aufwand, der hinter den "Skulptur Projekten" steckt, ist gewaltig. Das Team versucht alles, um die Vorstellungen der Künstler um zusetzen. So kann Bruce Nauman nach 30 Jahren endlich die umgekehrte Pyramide realisieren, die er schon 1977 geplant hatte. Sie scheiterte damals daran, dass kein geeigneter Ort gefunden werden konnte. Für Guillaume Bijls im Boden versenkten Kirchturm "Sorry-Installation (Archeological Site)" mussten Maurer, Dachdecker und eine professionelle Baufirma mit Baggern und Betonmischern anrücken, für Mark Wallingers Arbeit "Münster Circle" mussten 130 Genehmigungen eingeholt werden.
"Dazu haben wir erst mal einen Info-Abend für alle Betroffenen veranstaltet", erzählt Anna Schultz, die dieses Projekt betreut. Sie ist eine der fünf kuratorischen Assistenzen, die Kasper König, Brigitte Franzen und Carina Plath zur Hand gehen.
Wallinger wird eine 0,6 Millimeter dünne Angelschnur in einem Kreis mit fünf Kilometer Umfang in einer Höhe von mindestens viereinhalb Metern durch die Stadt spannen. "Das Schwierigste war, die Bereitschaft der Eigentümer zu wecken, denn der Faden muss an 60 Häusern befestigt wer den. Die Leute reagieren extrem empfindlich, wenn man einen Dübel in ihre Hauswand schrauben möchte - da stößt man an echte Grenzen", sagt Schultz. "Aber irgendwie ist das auch passend, denn um das Thema Grenze geht es ja bei dem Projekt." Sie hat sich so intensiv mit "Münster Circle" beschäftigt, dass sie aus dem Stand eine wissenschaftliche Expertise zur Traglast von Angelschnüren unter Extremwetterbedingungen verfassen könnte - seit zwei Monaten überwacht sie den Test von sechs Fäden, die auf einer Strecke von 60 Metern in einem Hinterhof gespannt sind.
"Es wäre doch schlimm, wenn der Kreis reißen würde", sagt sie ernst, "so viele Bürger waren noch nie an einem Projekt beteiligt - denen sind wir doch auch verpflichtet." Wenige Kilometer entfernt dröhnt und schnaubt ein großer Bagger auf der Baustelle des belgischen Künstlers Guillaume Bijl, er schaufelt Erdreich um einen fünf Meter tiefen betonierten Schacht. Hier entsteht ein archäologischer Ausgrabungsort, ein Loch, aus dem eine Kirchturmspitze ragen wird. "Ich mache immer ein bisschen Theater", sagt Bijl, der in Anzug und Sonnenbrille durch den Sand stapft.
Mantel und Haar wehen im Wind, während er gegen den Bagger anredet:
"Nur beim Theater weiß man, dass es fiktiv ist." Sein Mittel ist der Verfremdungseffekt:
Er verändert die Wahrnehmung alltäglicher Dinge, indem er zum Beispiel einen Supermarkt samt Produktsortiment in eine Galerie verfrachtet oder eine Museumsausstellung zur Geschichte der Erotik konzipiert.
"Muss ja jeder selber wissen, was er macht", sagt einer der Bauarbeiter.
Damit die Kirche im Loch auf den Besucher möglichst echt wirkt, hat Bijl den Ort so gewählt, dass er sich in die touristischen Attraktionen fügt: zwischen Planetarium, Zoo und Freilichtmuseum.
Etwas außerhalb des Zentrums arbeitet Andreas Siekmann in einer alten Fabrikhalle an seinem Projekt "Trickle Down", was so viel wie durchsickern heißt und sich auf eine Theorie bezieht, nach welcher der aus Wirtschaftswachstum resultierende Wohlstand die Gesellschaft von oben nach unten erfasst. Obwohl draußen die Sonne scheint, ist es drinnen feucht und kalt. Um einen gasbetriebenen Heizpilz stehen mehrere große Plastikfiguren in milden Joghurt-Gum- Farben: Kuh, Pferd, Löwe, Schwein, Elefant, Bär, Nashorn, Ratte, ein Radfahrer und ein Wasserträger. Es handelt sich um Maskottchen, die in den letzten Jahren alleine in Deutschland 600 Städte heimgesucht haben. "Dahinter steckt ein weltweites Marketingkonzept", sagt der große, hagere Siekmann, während er wild gestikuliert und hustet.
Er hat sich bei der Arbeit verkühlt, ist aber voll ungebremsten Elans. "Ich will auf die Privatisierung des öffentlichen Raums aufmerksam machen.
Diese ,Urban Art' wird als komplettes Marketing-Konzept an Städte verkauft, gleich all inclusive von der Website über den Schlüsselan hänger bis zum Gala-Abend. Die ganze Welt wird mit diesem Einheits-Look gebrandet und den Leuten als Kunst verkauft." In Münster wird er etwa 20 Figuren bemalen, sie in einer Containerpresse zusammenstampfen und die so neu transformierte Skulptur samt Presse ausstellen. "Diese absurden Figuren, die den Menschen in den Städten als Kunst verkauft werden, sind doch nichts als Etikettenschwindel! Kunst im öffentlichen Raum darf heutzutage keine Konflikte mehr produzieren.
Was alle zehn Jahre in Münster passiert, das ist doch die Ausnahme, das ist doch quasi das Paradies der Kunst im öffentlichen Raum!"
Pawel Althamer (1967, Polen) ... führt die Besucher über einen Trampelpfad vom Aasee über Wiesen und Felder aus der Stadt. An einem Gerstenfeld muss dann jeder selbst entscheiden, wie es weitergehen soll Michael Asher (1943, USA) ... stellt wie schon 1977, 1987 und 1997 einen Wohnwagen an zwölf verschiedenen Orten auf. Überall dokumentieren Fotos der früheren Aktionen, wie sehr sich die Stadt verändert hat Nairy Baghramian (1971, Iran) ... Projekt war bei Redaktionsschluss noch nicht spruchreif Guy Ben-Ner (1969, Israel) ... hat Fahrrad-Ready-Mades wie von Duchamp, Picasso oder Tinguely zu neuen Objekten zusammen gesetzt. Mit Kindern will er diese wieder auseinander- und zusammen bauen Guillaume Bijl (1946, Belgien) ... konfrontiert die Besucher mit einer inszenierten Ausgrabungsstätte am Aasee:
Dort ragt eine typisch deutsche Kirchturmspitze aus einem tiefen Loch Martin Boyce (1967, Glasgow) ... gestaltet am Kastellgraben eine Landschaft aus verschiedenen Betonplatten, deren Zwischenräume Buchstaben und Worte ergeben Jeremy Deller (1966, London) ... beschäftigt sich mit dem deutschen Phänomen der Schrebergärten. Gemeinsam mit den Bewohnern erforscht er ihren privaten Lebensraum Michael Elmgreen (1961, Dänemark)
Ingar Dragset (1969, Norwegen) ... lassen Skulpturen sprechen - in einer Inszenierung im Stadttheater Münster Hans-Peter Feldmann (1941, Deutschland) ... saniert die öffentlichen Toiletten am Domplatz, um ein schlechtes Erlebnis in ein schönes zu verwandeln Dora García (1965, Spanien) ... inszeniert in einer sehr eigenen Weise Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" Isa Genzken (1948, Deutschland) ... setzt zwölf Puppenskulpturen in die Fußgängerzone Dominique Gonzalez-Foerster (1965, Frankreich) ... gestaltet einen "Memory Garden":
Darin wird sie Arbeiten aus allen "Skulptur Projekten", auch den aktuellen, im Miniaturformat nachbauen Tue Greenfort (1973, Dänemark) ... hatte sich bei Redaktionsschluss erst für den Ort entschieden: Sein Projekt soll am Aasee stattfinden David Hammons (1943, USA) ... Projekt war bei Redaktionsschluss noch nicht spruchreif Valérie Jouve (1964, Frankreich) ... zeigt drei Filme in der Fußgängerunterführung am Hindenburgplatz, in denen sich drei Personen Münster auf unterschiedliche Weise nähern: mit dem Zug, dem Schiff und dem Rad Mike Kelley (1954, USA) ... beschert Münster einen Sodom-und- Gomorrha-Streichelzoo, in dem Schafe, Ziegen und Ponys eine Salzstatue von Lots Frau ablecken Suchan Kinoshita (1960, Japan) ... spielt mit den Besuchern "Stille Post" und nimmt das Geflüster auf Band auf.
Engagierte Störer verwirren die Spieler mit Fremdsprachen und Betonungen Marko Lehanka (1961, Deutschland) ... baut eine bunte Blume aus Surfbrettern für den Prinzipalmarkt - aus dem Blütenkelch tönen über Lautsprecher Geschichten aus der Umgebung Gustav Metzger (1926, Deutschland) ... Projekt war bei Redaktionsschluss noch nicht spruchreif Eva Meyer (1950, Deutschland)
Eran Schaerf (1962, Israel) ... haben Szenen aus alten Filmen, die in Münster spielen, zusammengesetzt und um neu gedrehte Sequenzen ergänzt Deimantas Narkevicius (1964, Litauen) ... wollte eigentlich sowjetische Propaganda- Denkmäler nach Münster verfrachten, was am Aufwand scheiterte.
Dann plante er, das Wahrzeichen von Chemnitz - einen gigantischen Karl- Marx-Kopf - zu entführen. Dagegen protestierten die Chemnitzer so heftig, dass nun ein Abguss des "Nischel" angefertigt werden soll Bruce Nauman (1941, USA) ... vollendet, was 1977 nicht realisierbar war: eine umgekehrte, begehbare Pyramide von 25 mal 25 Metern Grundfläche Maria Pask (1969, Wales) ... bietet Vertretern aller Religionen einen zelthaften Ort, an dem sie ihre jeweilige Gesinnung vortragen können Manfred Pernice (1963, Deutschland) ... stellt in der Innenstadt einen begehbaren Glaspavillon auf, in dem man verweilen soll. Inspiriert wurde er von einem Wohnheim für abgelehnte Asylbewerber am York-Ring. Die Besucher sollen sich so fühlen wie die Heimbewohner: aufgaben- und orientierungslos Susan Philipsz (1965, Schottland) ... lässt unter der Torminbrücke am Aasee ein zartes Lied aus "Hoffmanns Erzählungen" ertönen Martha Rosler (USA) ... macht sich auf die Suche nach Brüchen in der Münsteraner Gesellschaft, indem sie Gebäudeteile verfremden will. So möchte sie an den Fassaden kratzen Thomas Schütte (1954, Deutschland) ... widmet sich dem Harsewinkelplatz, an dem bereits seit 1987 seine "Kirschensäule" steht. Nun stülpt er einen Glassturz über den dortigen Brunnen Andreas Siekmann (1961, Deutschland) ... kann den Etikettenschwindel mit Kunst im öffentlichen Raum nicht mehr ertragen. Er hat rund 20 Stadt-Maskottchen bemalt und zerstampft und in eine neue Skulptur transformiert Rosemarie Trockel (1952, Deutschland) ... pflanzt am Aasee zwei sieben Meter lange, 3,50 Meter breite, 4,50 Meter hohe Eibenhecken - Ausmaße, die jede Vor - garten-Assoziation ad absurdum führen Silke Wagner (1968, Deutschland) ... widmet einen Teil ihres Projekts dem Münsteraner Antifaschisten Paul Wulf (1921 bis 1999): Eine Beton-Skulptur von Wulf wird alle drei Wochen neu plakatiert Mark Wallinger (1959, Großbritannien) ... spannt einen Kreis aus Angelschnur mit fünf Kilometer Umfang in 4,50 Meter Höhe durch die Innenstadt Clemens von Wedemeyer (1974, Deutschland) ... dreht im und am Bahnhof einen Film, den er auch ganz in der Nähe des Spielorts zeigen wird: im Metropolis-Kino Annette Wehrmann (1961, Deutschland) ... untersucht völlig zweckfreie Orte, die keinen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen sind: "Orte des Gegen" Pae White (1963, Kanada) ... plant eines der wenigen Klang-Objekte:
Sie lässt Glockenspiele der Stadt Hits aus den siebziger Jahren läuten ALLGEMEINE INFOS Termin: 17. Juni bis 30. September.
Eröffnung: Am 16. Juni findet in der Innenstadt ein großes Fest statt. Ausstellung:
"77/87/97/07 archiv" im Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Münster am Domplatz 10. Publikationen: Katalog 28 Euro, im Buchhandel 38 Euro; "Vorspann" mit Künstlerinterviews 18 Euro; Kurzführer 9,80 Euro (alle im Verlag der Buchhandlung Walther König). Infopunkte: im Metropolis-Kino am Bahnhofsplatz, im "switch+", Rothenburg 30, im Landesmuseum. Öffnungszeiten: Infopunkte und Ausstellung täglich von 10 bis 22 Uhr, die meisten Arbeiten sind frei zugänglich in der Innenstadt und am Aasee.
Führungen: kostenfrei wochentags 18 Uhr, Wochenende 11 und 15 Uhr (Teilnahme- Sticker gibt es im Landesmuseum).
Angebote für Gruppen, Klassen, mit dem Rad oder Bus sind buchbar. Infos und Anmeldung an den Infopunkten oder vorab unter der Telefonnummer: (02 51) 5 90 72 01. Fahrrad: Leihgebühr: halber Tag 5 Euro, ganzer Tag 10 Euro. Internet: www.skulptur-projekte.de
Marko Lehankas Entwurf für seine "Blume für Münster" auf dem Prinzipalmarkt. Die Altstadt wurde nach dem Krieg originalgetreu wieder aufgebaut
Die Troika 07 - erstmals sind zwei Frauen dabei (von links): Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath
Guillaume Bijl plant eine archäologische Ausgrabungsstätte, ein Loch, aus dem eine Kirchturmspitze ragt. Titel:
"Sorry-Installation (Archeological Site)"
Hans-Peter Feldmann renoviert die öffentlichen Klos am Domplatz
Der Bauleiter testet Mark Wallingers "Münster Circle"-Angelschnüre
Pawel Althamer trägt seine Freundin huckepack über den Trampelpfad
Susan Philipsz unter der Torminbrücke bei der Planung ihrer Audio-Installation für Münster
In Münster gibt es Fahrradwege, Fahrradampeln, Fahrradparkplätze, eine Fahrradpolizei - kaputte Rücklichter findet man fast gar nicht
Rosemarie Trockel und Team auf der Suche nach dem geeigneten Platz für zwei riesige Eibenhecken, die sie am Aasee pflanzt
"Eine Clique mit schizophrenen Kunstvorstellungen provoziert die Mehrzahl der empfindenden Bürger", schrieb eine Lokalzeitung 1977
Scheuer Schulterblick: Clemens von Wedemeyer vor dem Metropolis-Kino
Bruce Naumans umgekehrte Pyramide wird endlich realisiert
Tue Greenfort überlegt, was er mit "Giant Pool Balls" machen könne
Isa Genzken (links) mit Assistentin beim Aufbau einer Skulptur
Entwurf für ein goldenes Infozentrum vor dem "Projekte"-Büro
Thomas Schütte im Interview vor seinem 1987er Werk, der "Kirschensäule"
Guy Ben-Ner hat mit seinen Kindern berühmte Rad-Werke, wie Duchamps "Fahrrad-Rad", nachgebaut, zerlegt und neu kombiniert
"Die Leute reagieren extrem empfindlich, wenn man einen Dübel in ihre Hauswand schrauben möchte - da stößt man an echte Grenzen"
Das Team per Rad (von links): Projektleiterin Christine Litz, dann die Kuratoren Brigitte Franzen, Kasper König und Carina Plath
Barbara HeinRoman Mensing
