Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 34-43

Das Private ist poetisch

Von Hans Pietsch

Ihr Thema ist das eigene Leben. Tracey Emin stellt intimste Erlebnisse - Triumphe und Verletzungen - in intimen Installationen zur Schau. Seit Jahren gilt sie als Enfant terrible der Londoner Kunstszene. Nun kommt sie als Vertreterin Großbritanniens zu Ehren GROSSBRITANNIEN

Für Tracey Emin ist 2007 das Jahr der Ehrungen. Nicht nur darf sie den britischen Pavillon auf der Biennale bespielen, sie wurde auch als Mitglied in die illustre Royal Academy of Arts gewählt. Die Schau in der Lagunenstadt macht Druck - mehr, als ihr lieb ist. Sie habe davon geträumt, "die Biennale zu machen, wenn ich 60 und zur Ruhe gekommen bin". Doch jetzt muss sie ran. "Die Leute, die meine Arbeit hassen, hoffen, dass ich richtig auf die Nase falle, und die Leute, die meine Arbeit lieben, wünschen sich einen echten Triumph. Damit muss ich fertig werden." Als ich sie im März in ihrem Atelier besuche, sind noch nicht einmal ein Drittel der Arbeiten für Venedig fertig. Normalerweise braucht Emin etwa drei Jahre für eine neue Schau; die Einladung für Venedig erhielt sie erst im August 2006. Was also hat sie dort vor? Sie könnte "die besten Arbeiten der letzten zehn Jahre auswählen und damit eine fantastische Schau machen". Doch das sei entsetzlich langweilig.

Also hat sie sich für die Räume etwas anderes ausgedacht: eine Art Rundgang durch drei ihrer Einzelausstellungen der letzten drei Jahre, aber mit ganz neuen Arbeiten. Sie führt den Besucher von der Schau "I Can Feel Your Smile" (2005) in der New Yorker Galerie Lehmann Maupin zur Schau "When I Think about Sex" (2005) in ihrer Londoner Galerie White Cube und dann in die Schau "I'll Meet You In Heaven" (2004) in der Galleria Lorcan O'Neill in Rom.

Erst der vierte Raum des Pavillons ist dann der eigentliche Venedig-Raum.

60 winzige Zeichnungen sind dafür entstanden, nur vier Stunden hat Emin dazu gebraucht. Die meisten ihrer vermeintlichen Zeichnungen sind in Wirklichkeit Monotypien. Manche sehen aus, als seien sie mit geschlossenen Augen gemacht; Egon Schieles Einfluss bestätigt sie mit einem heftigen Kopfnicken.

Die gerahmten Blätter wird sie dicht an dicht im großen Raum des Pavillons hängen, wie ein Band sollen sie sich an den Wänden entlangziehen. In die Mitte stellt sie, wie in New York, eine "grob aus Holzabfällen gezimmerte Turmfamilie, mit Vater, Mutter und zwei Kindern".

Das Phänomen Tracey Emin beschäftigt die Londoner Kunstszene seit 15 Jahren. Schon ihre erste Einzelschau 1993 in der damals noch winzigen Galerie White Cube, die sie "My Major Retrospective" - meine große Retrospektive - nannte, war eine Sensation.

Eine junge Künstlerin stellte sich in der Öffentlichkeit bloß, erzählte von nichts als sich selbst und ihrer Vergangenheit, offen, ohne Rücksicht auf eigene Scham grenzen. Das tut sie bis heute, in den verschiedensten Medien: bestickte und benähte Stoffe und Decken, Neonarbeiten, Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Installationen, Film und Video. Tracey Emin hat den Exhibitionismus zum Grundprinzip ihrer Kunst erhoben; alles Private wird bei ihr poetisch, und dabei setzt sie nicht einmal auf den Genie-Bonus, den man Künstlern gerne zugesteht. Es ist die Banalität der von ihr gezeigten Gegenstände, die frappierend und oft entwaffnend ist: Der Künstler, so scheint sie zu sagen, ist einer von vielen, hat keinen Sonderstatus mehr. So wird die formal ausgearbeitete Offenbarung des Intimen zum letzten möglichen künstlerischen Akt. "Ich bin ein einfaches Thema", sagt Emin, "ich bin so wie ich bin, alles ist an der Oberfläche. Vor 50 Jahren wäre ich wohl die Muse eines Künstlers gewesen." Geboren 1963, wuchs Tracey Emin im Seebad Margate auf. Der türkische Vater ist meist abwesend, mit 14 wird sie vergewaltigt, ihr lebenslanges Trauma.

Sie besucht das Royal College of Art, das sie "abgrundtief hasst"; macht zusammen mit ihrer Freundin Sarah Lucas einen Shop auf, in dem sie Selbst gebasteltes verkaufen wie Aschenbecher mit dem Konterfei von Damien Hirst. Und dann der unaufhaltsame Aufstieg - zynisch manipuliert von ihr und ihrem Galeristen Jay Jopling, sagen die einen, verdienter Erfolg einer Künstlerin, die den Nerv einer Generation trifft, sagen die anderen.

Ihre beiden bekanntesten Arbeiten verbrannten vor ein paar Jahren bei einem Feuer in einem Kunstlagerhaus:

"Everyone I Have Ever Slept With 1963- 1995" (1995), ein Zelt, auf das sie die Namen aller Menschen genäht hatte, mit denen sie seit ihrer Geburt ein Bett teilte, von ihrem Zwillingsbruder über ihre Großmutter bis zu ihren Liebhabern.

Und "My Bed" (1998), ihr ungemachtes Bett, mit auf dem Boden verstreuter Unterwäsche und benutzten Tampons. "Eigentlich bräuchte ich kein Meisterwerk mehr hervorzubringen, denn diese beiden Werke sind Ikonen der Kunst der letzten 20 Jahre", sagt sie.

Doch ist sie wirklich die Frau, die da in ihrer Kunst erscheint, oder ein Bild, das sie sich von sich selbst gemacht hat? "Beides", sagt sie. "Es sind Erinnerungen, und die stimmen nicht immer mit der Wirklichkeit überein." Und dann ist da Tracey, der Medienliebling. Berüchtigt ihr Auftritt 1997, live im Fernsehen, bei einer angeblich ernsthaften Diskussionsrunde auf Channel 4. Einer der Gäste klopfte ihr entrüstet auf die Finger, als sie einen Flachmann herausholte und sich einen genehmigte. Lautstark verbat sie sich die Einmischung und verließ die Runde.

In letzter Zeit hat sie neue Gefilde betreten. Sie drehte ihren ersten Spielfilm "Top Spot" (2004), die Geschichte von sechs jungen Mädchen in ihrer heruntergekommenen Heimatstadt. Probleme mit der Schule, dem Alkohol, den Jungs; Vergewaltigung, Abtreibung, Fehlgeburt. Dieselben traumatischen Erfahrungen bilden das Gerüst ihres autobiografischen Buchs "Strangeland" (2005). Einige Passagen sind so selbstzerfleischend, dass man sich fragt, warum ihr Lektor sie nicht herausnahm, um die Autorin zu schützen. Und jede Woche schreibt sie für die Tageszeitung "The Independent" eine Kolumne, über ihren Alltag, witzig, offen und sentimental - immer illustriert mit einer ihrer Monotypien. Hat sie diese Omnipräsenz, dieser Erfolg verändert? "Butter und Wachs schmelzen und werden flüssig", sagt sie. "Sie nehmen eine andere Gestalt an, bleiben aber Butter und Wachs. Tief drinnen bin ich immer noch dieselbe. Ich habe nur gelernt, mit mir umzugehen."

RUSSLAND Im russischen Pavillon wird es in diesem Jahr flimmern, leuchten und lärmen. Die Kuratorin Olga Sviblowa hat vier Einzelkünstler und eine vierköpfige Künstlergruppe eingeladen; alle beschäftigen sich mehr oder weniger mit globalisierten Medienbildern und -mechanismen.

Die Gruppe AES+F zeigt das animierte 3-D-Projekt "Der letzte Aufstand", es handelt von einem Krieg der Jugend in einer Fantasy-Zukunft; Alexander Ponomarew baut eine Videoinstallation, in der eine Welle durch einen zwölf Meter langen Tunnel geht; Andrej Bartenew nennt seine Medieninstallation eine "magische Diskothek", Julia Milner entwirft ein Computerspiel, und Arseni Meshcheriakow zeigt eine Bildschirmwand, auf der 1000 Kanäle gleichzeitig laufen.

TÜRKEI Mit "Incidents" - Zwischenfällen oder Störfallen - beschäftigt sich der türkische Videokünstler Hüseyin Bahri Alptekin, 49. Seine assoziativen Filme ohne die Logik einer stringenten Handlung spielen meist in Megastädten wie Bombay oder Rio de Janeiro. Er trifft Menschen, die sonst von den Medien kaum beachtet werden, begleitet etwa einen nigerianischen Müllsammler ein paar Tage durch Istanbul. Seine Eindrücke verdichtet er zu filmischen Collagen, in denen die Orte und Zeiten verschwimmen. In Venedig werden die Filme in Separees gezeigt - Inspiration war die Einrichtung eines georgischen Restaurants.

POLEN Architektur und ihre Verwerfungen ist das Thema der 1972 geborenen Künstlerin Monika Sosnowska. Ihre oft labyrinthisch verwinkelten Einbauten in Museen und Galerien führen vor, wie die Gestaltung von Räumen die Wahrnehmung und das Befinden von Menschen prägt. Ihre Arbeit im polnischen Pavillon trägt den Titel "1:1" und beschäftigt sich mit dem Erbe der Nachkriegsmoderne, das heute oft als "Schandfleck" gilt, zerstört oder aufgehübscht wird.

ÖSTERREICH Robert Fleck, Kurator des österreichischen Beitrags, hat die Zeichen der Zeit erkannt: Gerade angesichts der breiten Wiederentdeckung der Malerei sei es überfällig, "diese herausragende Position heutiger Malerei in Venedig vorzustellen". Dabei passen die Bilder von Herbert Brandl, 47, gar nicht in den aktuellen figurativen Trend. Seit 20 Jahren changieren seine Arbeiten, die meist Berglandschaften zeigen, zwischen Erzählung und Abstraktion; ähnlich wie beim britischen Klassiker William Turner werden Motive aus der Natur so gemalt, dass sie als freie Kompositionen aus Farbe und Form erscheinen. Brandl wird eine kleine Werkschau präsentieren.

USA Im letzten Jahr wurde der zehnjährige Todestag des in Kuba geborenen Künstlers Felix Gonzalez-Torres, geboren 1957, begangen, der an Aids gestorben war; nun vertritt er die USA, wo er die letzten Jahrzehnte lebte, in Venedig. Sein Werk ist minimalistisch, konzeptuell durchdacht und durchdrungen von der Idee der Vergänglichkeit, der permanenten Veränderung und des Todes. Meist ist der Betrachter aufgefordert, an einer Arbeit mitzuwirken, etwa wenn er aus einem Feld am Boden eines Museums Bonbons entnehmen und essen kann, die immer wieder nachgelegt werden; die Skulptur verändert sich, ist immer im Fluss.

MEXIKO Wie eine Theaterbühne benutzt der 1967 geborene Künstler Rafael Lozano-Hemmer den öffentlichen Raum.

Bevorzugt auf Straßen und Plätzen großer Städte führt er seine Studien sozialen Lebens auf; Darsteller sind gewöhnliche Passanten. Sie können zum Beispiel in ihrem Schatten plötzlich das Bild eines Fremden erblicken.

Mit viel technischem Aufwand erzeugt Lozano-Hemmer solche Illusionen. Als erster Künstler vertritt er Mexiko in Venedig.

JAPAN Der 64-jährige Künstler Masao Okabe bewahrt in seinen Werken die Erinnerung an einen Ort und bedient sich dabei einer selten benutzten Technik. In der Frottage - übersetzbar mit "Abreibung" - wird Papier auf einen Gegenstand gelegt, dieser zeichnet sich dort ab, wenn man mit einem Stift auf der Oberfläche reibt. Okabe stellt Frottagen her von Orten die eine besondere historische Bedeutung haben; so ließ er 1996 den Friedenspark in Hiroshima von vielen Helfern "abreiben". In Venedig wird eine Frottage in vielen Einzel blättern des Hafens von Ujina zu sehen sein. Von hier wurden zur Zeit des Japanisch-Chinesischen Krieges Tausende Menschen überführt.

Das Künstlerbett als Ready-Made: 1999 zeigte Emin in der Turner-Preis-Ausstellung der Tate Gallery ihre Installation "My Bed"

Tracey im Glück: Sie bringt ein Stück Rock 'n' Roll in den britischen Pavillon (Foto: David Levene)

"Ich bin ein einfaches Thema", sagt Emin. "Vor 50 Jahren wäre ich wohl die Muse eines Künstlers gewesen"

Blick in die Emin-Schau "I Can Feel Your Smile" in der New Yorker Galerie Lehmann Maupin im Jahr 2005

Tracey Emins Zeichnungen wirken wie beiläufig hingekritzelt: ohne Titel (1994, 15 x 10 cm)

Eine Kapelle aus Stoff, zarte Ehrung ihrer Bettgenossen aus 30 Jahren: "Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995", die berühmte Arbeit von 1995, die später verbrannte

Eine Pietà im Krieg der Jugend: Still aus dem Video "Der letzte Aufstand" von der Gruppe AES+F (2007)

Ein Still aus Hüseyin Bahri Alptekins Filmarbeit für Venedig: "Bombay on my Mind" aus dem Jahr 2006

Blick auf den zerstörten "Supersam"- Supermarkt in Warschau, Foto von Monika Sosnowska

Das wogende Gras wird zur abstrakten Komposition: ohne Titel (2006, 218 x 170 cm)

Lichtinstallation im Pariser Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (1996): "Felix Gonzalez-Torres (Girlfriend in a Coma)"

Aktion "Under Scan" (2006) auf einem Platz in Nottingham - Anspielung auf Videoüberwachung

Durch Reibung mit einem roten Stift zeichnet sich der Boden auf dem Papier ab: "Hiroshima Memoire 96"