Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 60-63
"Eine gute Ausstellung enttäuscht jede Erwartung"
Von Sandra Danicke Ralf Schlter
Für Biennale-Kurator Robert Storr ist Kunst der Ort, an dem sich Intellekt und Gefühl vereinen. Deshalb gab er der großen Ausstellung im Arsenal den Titel "Denk mit den Sinnen, fühl mit dem Verstand"
Robert Storr, 57, gehört als Maler, Kurator, Kritiker und Kunstprofessor zu den einflussreichsten Protagonisten des amerikanischen Kunstbetriebs. Von 1990 bis 2002 war er Kurator am New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), mit etlichen Veröffentlichungen in Kunstzeitschriften und Büchern hat er sich als scharfsinniger Publizist einen Namen gemacht. Im Jahr 2005 wurde er zum Direktor der großen Biennale-Ausstellung 2007 ernannt. art-Korrespondentin Sandra Danicke und Redakteur Ralf Schlüter trafen Storr in seinem Büro, das direkt am Canal Grande liegt, zum Interview.
Mister Storr, der Titel Ihrer Ausstellung lautet "Think with the Senses - Feel with the Mind" ("Denk mit den Sinnen, fühl mit dem Verstand").
Was bedeutet das?
Ich wollte versuchen, zu beschreiben, wie ich Kunst verstehe: als den Ort, an dem alle menschlichen Fähigkeiten wie Intellekt und Gefühl, also unser gesamtes Bewusstsein zusammenkommt.
Uns wurde ja immer beigebracht, dass Körper und Geist zwei grundverschiedene Dinge seien, aber wenn wir Kunst betrachten, können wir es uns weder leisten, die Gefühle wegzulassen, noch auf das Denken zu verzichten.
Was bedeutet das denn für Ihre Ausstellung? Körper und Geist braucht man schließlich für jede gute Kunst.
So ist es. Ich will ja auch nicht das Rad neu erfinden. Aber in der zeitgenössischen Kunstszene wird die Idee, dass das Konzeptuelle und die sinnliche Wahrnehmung unvereinbare Gegensätze sind, tatsächlich sehr stark vertreten. Und es gibt eine bestimmte konzeptuelle Tendenz, die besagt, Kunst, die Vergnügen bereitet, kann nicht intellektuell interessant sein.
Glauben Sie wirklich, dass diese Gegensätze in der aktuellen Kunstszene noch existieren? Heutzutage wird doch allenthalben Konzeptkunst zusammen mit expressiver Malerei ausgestellt.
Sie werden zwar gemeinsam gezeigt, aber die Debatte darüber wird häufig separat geführt. Menschen, die Bruce Nauman mögen, sehen ihn häufig als einen der führenden Köpfe der Konzeptkunst.
Fakt ist aber, dass Bruce' Werk hochemotional ist und sehr viel mit Wahrnehmung zu tun hat.
Oder nehmen wir Sol LeWitt: Wie viele Diskussionen hat es bisher über den mystischen, sinnlichen, gefühlvollen Teil in seinem Werk gegeben?
Die emotionalen Aspekte in den Schrift-Arbeiten von Lawrence Weiner und Jenny Holzer, die Sie ebenfalls zeigen, sind allerdings nicht ganz so offensichtlich.
Bei Jenny schon. Denken Sie nur an die ganzen Texte über Gewalt gegen Frauen, die sie in Gegenstände graviert hat. Oder an ihre neuesten Arbeiten, die von Abu Ghraib und dem Irak-Krieg handeln. Der Grad von Expressivität in einem Medium ist nicht notwendigerweise gleichzusetzen mit der emotionalen Wirkung des Werks. Deshalb finde ich künstlerische Kategorien so problematisch.
Wir wissen doch längst, dass auch expressive Werke, die vermeintlich so spontan entstanden sind, genauso geplant sind, wie alle anderen auch.
Was bedeutet diese Erkenntnis für Ihre Schau?
Was ich in dieser Ausstellung machen wollte, war: Dinge zusammenbringen, die sich die Menschen normalerweise nicht zusammen vorstellen würden.
Geben Sie uns doch ein Beispiel für Kombinationen, die wir so noch nicht gesehen haben.
Wer ist denn bitte schön "wir"? Und was haben "wir" gemeinsam? Wir reden immer über die Kunstwelt, als hätte jeder die gleichen Eindrücke und Erfahrungen. Als wäre Neuheit etwas Absolutes. Das ist sie aber nicht. Sie ist immer relativ. Was eine gute Ausstellung ausmacht, ist nicht, dass sie sich kategorisch von allem unterscheidet, was Sie jemals gesehen haben, sondern dass sie irgendwie aus dem Rahmen fällt, auf eine Art, die Sie noch nicht erlebt haben.
Wie machen Sie das in Venedig?
Zunächst einmal möchte ich der typischen Kategorisierung von Kunst etwas entgegensetzen. Die Präsentation ist in Venedig allerdings schwieriger als in einer Kunsthalle, weil das Gebäude sich nicht besonders für Installationen eignet. Aber ich glaube fest daran, dass man selbst unter Umständen wie diesen darauf vertrauen muss, dass das Publikum sich bemüht, wenn man das Material auf eine Art präsentiert, die es ihm erlaubt, die Werke selbst zu entdecken, anstatt ihm haufenweise didaktische Erklärungen zu präsentieren.
Können Sie präzisieren wie Sie das umsetzen wollen?
Eine der ersten Arbeiten, die man sieht, ist von dem afrikanischen Künstler Odili Donald Odita, eine Wandmalerei mit geometrischen Formen. Zwei Ecken weiter trifft man dann auf eine Arbeit von Sol LeWitt, dem Großmeister der Geometrie.
In unmittelbarer Nähe zueinander werden auch Werke von Raymond Pettibon, Louise Bourgeois und Kara Walker gezeigt. Meines Wissens gab es diese Kombination zuvor noch nicht. Und sie ergibt absolut Sinn. In all diesen Arbeiten geht es darum, Schmerzen zu kommentieren und Erlebnisse zu verarbeiten. Ebenfalls eine interessante Mischung ist die Nachbarschaft von Ellsworth Kelly, Gerhard Richter und Robert Ryman, also drei großen alten Männern der Abstraktion, zu dem figurativ arbeitenden Kongolesen Chéri Samba. Es ist das erste Mal, dass Chéri in einem solchen Kontext gezeigt wird.
Sonst sieht man ihn bloß in Afrika- Ausstellungen.
Wieso zeigen Sie so viele Künstler, die den Besuchern aus zahlreichen Schauen längst bekannt sind?
Ich habe nach Künstlern gesucht, die mir ein Verständnis für etwas geben, das ich zuvor nicht hatte. Ryman, Richter und Kelly haben mir mehr als irgendjemand sonst beigebracht, was in der Abstraktion möglich ist.
Ausschlaggebend war für mich auch, dass sie etwas über die Schwierigkeiten des Kunstmachens vermitteln.
Und wie steht es mit den Inhalten?
Worum geht es in der Ausstellung?
Viele Arbeiten beschäftigen sich mit Konflikten: zwischen Gemeinschaften oder Staaten, zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen. Es ist keine explizit politische Ausstellung, sondern eine, in der Künstler Arbeiten mit politischen Inhalten zeigen. Auf diese Weise findet man etwas anderes über die Welt heraus, als wenn man darüber in der Zeitung liest. Wenn man also von Chéri Samba zu Ellsworth Kelly geht oder von Robert Ryman zu Jenny Holzer, dann bewegt man sich von einem Teil seines täglichen Bewusstseins zu einem anderen, ohne dass man gezwungen wäre, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden.
War es Ihnen wichtig, dass so viele Kontinente wie möglich in der Ausstellung vertreten sind?
Nein, ich will ja keine Nationen repräsentieren.
Aber wenn man eine internationale Schau macht, die in gewisser Weise ehrlich ist - was bedeutet:
Es gibt kein großes Kunstzentrum mehr, sondern ganz viele -, dann sollte man an jeden Ort gehen, an den man nur gehen kann. Also war ich zweimal in China und Lateinamerika, ich war in Australien und Neuseeland; ich war überall in Europa, und ich bin, so sagte man mir, der einzige Biennale-Kurator, der nach Afrika gereist ist.
In Deutschland sind Sie aber offenbar nicht fündig geworden. Die drei einzigen Deutschen, die Sie zeigen, Martin Kippenberger, Gerhard Richter und Sigmar Polke, kann man ja nicht als Neuentdeckungen bezeichnen.
Ich hatte auch einen jungen deutschen Künstler in der engeren Auswahl.
Aber der hatte das Werk, das ich wollte, nicht zur Verfügung.
Um wen handelt es sich?
Das kann ich nicht sagen. Gefallen hat mir aber zum Beispiel Manfred Pernice. Was er neuerdings macht, schien mir allerdings nicht in die Schau zu passen. Aber ich würde gerne mal zu einer anderen Gelegenheit mit ihm arbeiten.
Sie sagten, es gäbe kein Zentrum mehr in der Kunstwelt. Aber die Biennale in Venedig ist doch traditionell einer der wichtigsten Orte für zeitgenössische Kunst.
Es gibt kein einzelnes Zentrum mehr, sondern viele Zentren mit ihren jeweiligen Radien und diversen Querverbindungen.
Wenn man nur mal die nahe liegenden Orte nimmt, an denen Kunstaktivitäten stattfinden:
Ist dann New York das Zentrum?
Oder ist es Los Angeles, Köln, Berlin?
Oder doch Shanghai? Tokio? São Paulo?
Die Biennale in Venedig ist also nur eine von vielen?
Sie ist eine von mehr als 100 Biennalen.
Sie ist nicht länger die Biennale.
Das ist sie schon seit 1951 nicht mehr, als die Biennale von São Paulo hinzukam. In den vergangenen 20 Jahren gab es diese Explosion von Biennalen an jedem Ort unter der Sonne.
Natürlich hat die Biennale in Venedig viele spezielle Charakteristika, und auf eine gewisse Art ist sie das Vorbild für andere Biennalen. Aber inzwischen ist sie die einzige, die noch nationale Pavillons hat. Allerdings gibt es auch hier permanent große Veränderungen. Die Tatsache, dass der italienische Pavillon nicht mehr Italien repräsentiert, sondern dass die Italiener jetzt ins Arsenal gewandert sind, um sich dort den Chinesen anzuschließen, ist eine ziemlich dramatische Veränderung und eine sehr positive, wie ich finde.
Welche weiteren Veränderungen werden wir in Venedig sehen?
Ich habe einen Teil meines Raums an die Türkei und einen zweiten an Afrika abgegeben, denn es schien mir nicht genug, dass ich als weißer, westlicher Mann in die Welt hinaus gehe und Künstler auswähle. Ich wollte klarstellen, dass jene, die in der Kunstwelt unterrepräsentiert sind, ein Recht auf Selbstbestimmung haben und besser repräsentiert werden sollten als bisher. Es gab ja schon häufiger afrikanische Ausstellungen auf der Biennale, aber die waren immer außerhalb der zentralen Veranstaltungsorte. Ich fand es wichtig, sie ganz zentral zu präsentieren.
Kasten:
Biennale 2007: Was, wann, wo?
Die wichtigsten Termine und Orte in Kurzübersicht Termin: geöffnet für das Publikum vom 10. Juni bis 21. November Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Giardini montags geschlossen, Arsenal dienstags geschlossen Ausstellungsorte: Die insgesamt 77 Länderbeiträge sind in den Pavillons der Giardini und an einzelnen Stätten in der ganzen Stadt zu sehen, Informationen dazu gibt eine Broschüre vor Ort; die große internationale Ausstellung wird im Arsenal und im italienischen Pavillon in den Giardini gezeigt. Zusammen mit der Storr-Ausstellung finden Schauen zur Türkei und zu Afrika statt Eintrittskarten: Erwachsene 15 Euro, Studenten 8 Euro, Familienticket (2 Erwachsene + 2 Kinder unter 14 Jahren)
35 Euro, Gruppenticket ab 10 Personen 10 Euro pro Person, Dauerkarte 50 Euro Grand Tour: Die großen Kunst- Events des Sommers in Kassel, Münster, Basel und Venedig können auch zusammen als "große Tour" gebucht werden.
Informationen dazu unter: www.grandtour2007.com Kontakt Biennale: Tel. (00 39 041)
521 88 28 Internet: www.labiennale.org
Draußen vor der Tür des Biennale-Büros in der Nähe der Accademia in Venedig: Biennale-Kurator Robert Storr (Foto: Graziano Arici)
Ungewöhnliches Zusammentreffen:
"Le Petit Kadogo" (2004, 205 x 246 cm) von Chéri Samba zwischen "Red Curve VI" (1982, 189 x 357 cm, links) von Ellsworth Kelly und "Cage (1)" (2006, 290 x 290 cm, rechts) von Gerhard Richter
"Ich will Dinge zusammenbringen, die man sich sonst nicht zusammen vorstellen würde"
Von bekannten Künstlern zeigt Storr neue Werke: Louise Bourgeois' "Ohne Titel (Harry Truman)" (2005, 24 x 20 cm), Raymond Pettibons "Ohne Titel (Robin came up)" (2003/06, 76 x 56 cm) und Kara Walkers "8 Possible Beginnings or:
The Creation of African- America" (2005, Video-Still)
"Ich war in China, Lateinamerika, Australien, Neuseeland, überall in Europa und als einziger Biennale- Kurator auch in Afrika"
