Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 118-119
Die unersättliche Fürstenfamilie
Von Susanne Altmann
Rückgabe: Wettiner setzen Dresdner Kunstsammlungen mit neuen Ansprüchen zu
Offenbar herrscht in Sachsen wieder die Monarchie. Zumindest halten die jüngsten Rückforderungen des Hauses Wettin alle in Atem: die Regierung des Freistaats, die Staatlichen Kunstsammlungen und sämtliche lokale Medien.
Erst vor kurzem meldete der Berliner Anwalt Gerhard Brand für die Adelsfamilie Ansprüche auf 139 Gemälde aus den Kunstsammlungen an. Dabei erhielten die Nachkommen der sächsischen Kurfürsten und Könige erst letztes Jahr sechs wert volle Porzellanfiguren zurück, die sie postwendend beim Auktionshaus Christie's versteigern ließen. Außerdem werden derzeit auf Bestreben des Hauses Wettin Ansprüche auf weitere 1618 Stücke aus der Porzellansammlung geprüft (art 1/2007).
Für die Recherchen musste das Porzellanmuseum kürzlich sogar außerplanmäßig schließen. Kunstsammlungsdirektor Martin Roth fühlt sich unter massiven Druck gesetzt: "So werden Museumsbetrieb und Leihverkehr lahm gelegt.
Das hat System." Ein Ende der Begehrlichkeiten aber ist nicht abzusehen, denn Brand kündigte bereits weitere Listen für das Grüne Gewölbe und das Kunstgewerbemuseum an.
Die Ursache für die schier unersättlichen Bedürfnisse der Wettiner liegt in einem Vergleichsvertrag von 1999. Damals forderte das Adelshaus 18 000 Stücke aus Altbesitz zurück; davon erhielt es 6000 sowie für den Rest insgesamt eine Ausgleichszahlung von 23,5 Millionen Mark in bar und Immobilien. Doch der Vertrag enthielt eine fatale Klausel, die spätere Nachforderungen der Wettiner erlaubt, falls weitere bis zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch nicht bekannten Schätze aus dem Besitz der Ahnen gefunden werden. An dieser Öffnungsklausel halten sich die Anwälte der Wettiner jetzt schadlos.
Schon jetzt ist klar, dass unter den 139 aufgelisteten Gemälden etliche Stücke sind, die entweder nicht zum Besitz der Sammlungen gehören oder bereits 1999 restituiert wurden wie beispielsweise eine alte Kopie nach Louis de Silvestres Porträt "König August II. von Polen". Doch das ficht Gerhard Brand nicht an. Er will ungehinderten Zugang zu den Archiven der Sammlung. Das erlaubt Roth aber nicht, schließlich führe er weder ein öffentliches Archiv noch einen Selbstbedienungsladen.
Die Antragssteller müssen sich auf lange Wartezeiten einrichten. Eine wissenschaftliche Recherche, um die Rechtmäßigkeit der Ansprüche zu klären, dauert pro Bild bis zu drei Wochen.
Bis zum Jahresende ist man zudem noch mit den fraglichen zurückgeforderten Porzellanen beschäftigt.
Die Provenienzforscher der Kunstsammlungen, Gilbert Lupfer und Thomas Rudert, sehen nun eine Riesenlawine an Arbeit auf sich zurollen, die alle anderen Forschungsbereiche blockiert.
Momentan wird das kleine Team noch durch die deutsche Fritz- Thyssen-Stiftung und die amerikanische J.-Paul-Getty-Stiftung finanziert. Eine Förderung endet jedoch schon in diesem Jahr. In Sachsens Kunstministerium wurde daher bereits erwogen, die Wettiner an den Recherchekosten zu beteiligen.
Doch da besteht wohl wenig Hoffnung, denn Albert Prinz von Sachsen hat unmissverständlich klargestellt, dass die Adelsfamilie dringend Geld braucht: "Sie müssten einmal sehen, in welch ärmlichen Verhältnissen meine Schwestern in München leben."
Kasten:
Chronologie der Rückforderungen 1999: Vergleichsvertrag zwischen dem Haus Wettin, Albertinische Linie, und dem Freistaat Sachsen über die Rückgabe von 18 000 Kunstwerken:
6000 Stücke wurden zurückgegeben, 12 000 kaufte der Freistaat für eine Ausgleichzahlung von 10,9 Millionen Mark in bar und 12,6 Millionen Mark in Immobilien.
2005: Rückforderung von zehn Porzellanen.
Sechs davon wurden nach Prüfung als rechtmäßig anerkannt und im Oktober 2006 zurückgegeben.
Eine wurde der Kunstsammlung Dresden geschenkt, vier bei Christie's versteigert.
2006: Unmittelbar nach der Rückgabe (im November) erfolgte die nächste Forderung von 1618 konkret benannten Porzellanobjekten (sowie 3000 pauschal benannten Porzellangegenständen, ohne konkrete Beweise).
2007: Forderung nach 139 konkreten Gemälden und Miniaturen, hauptsächlich aus dem Bestand der Sammlung Alter Meister (sowie wiederum pauschal ganze Werkgruppen mit Eigentumsverdacht belegt). Ankündigung weiterer Forderungskataloge aus dem Bestand des Grünen Gewölbes und des Kunstgewerbemuseums.
