Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 104

Veredelter Schrott

Von Heinz-peter Schwerfel

PARIS: NOUVEAU RÉALISME

Erinnerung an eine subversive Kunstbewegung. Der Bildhauer César war von kleiner Statur aber von großem Ego. Stets wetterte der temperamentvolle Südfranzose gegen einen französischen Kunstbetrieb, der 1977 bei der Einweihungsschau des neuen Centre Pompidou vor den "langweiligen, vom Markt gepuschten Amerikanern" in die Knie gegangen sei und ihn in die zweite Reihe gestellt habe. Er mochte nicht einsehen, warum die New Yorker Pop Art eine größere Rolle spielen sollte als die Nouveaux Réalistes, die Ende der fünfziger Jahre den Schrott der Konsumgesellschaft zu Skulpturen veredelten und den puristischen Kanon des Musealen sprengten.

Zeitgleich mit Fluxus und Pop brachte der Nouveaux Réalisme den schmutzigen Alltag ins saubere Museum, und seine mit viel Pomp eröffnete Überblicksschau im Pariser Grand Palais hätte den lebenslang um akademische Ehren ringenden César sicher entzückt. Werden doch über 180 wichtige Beispiele von Kompressionen, Plakatabrissen und Akkumulationen aus den besten Jahren so weihevoll zelebriert, dass sich die Neuen Realisten wie im siebten Kunsthimmel und Frankreich endlich wieder einmal im Glanze seiner Kunst sonnen dürfen. Leider konnte als einer der letzten Überlebenden nur noch der Schweizer Daniel Spoerri diese Weihung erleben, dessen Fallen-Bilder zum Höhepunkt einer Bewegung gehören, die "nur 20 Minuten existierte", wie Gründungsmitglied Arman gestand, nämlich um ein Manifest von Kritiker Pierre Restany zu signieren und anschließend in der Vermarktungsfalle zu enden. Yves Klein starb als Erster, Christo oder Martial Raysse distanzierten sich beizeiten, andere wie Arman, Niki de Saint-Phalle und César, versanken im Selbstzitat.

Das Verdienst der Schau ist es, an eine Zeit zu erinnern, in der Paris sich noch für das Zentrum der Kunstwelt hielt.

Stark ist sie in den mit Ton- und Filminstallation effektvoll arrangierten thematischen Räumen. Ansonsten bleibt eine zu propere Inszenierung einer als Kulturkritik geborenen Kunstbewegung viel schuldig. Kuratiert vom Centre Pom pidou, glaubt man einer Wiedergut machung beizuwohnen. Weniger Weihrauch und mehr Subversion wären besser gewesen.

Termin: bis 2. Juli, ab 9. September im Sprengel-Museum, Hannover. Katalog: 45 Euro. Internet: www.rmn.fr