Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 103
Wohltat fürs Auge
Von Werner Hofmann
HAMBURG: DAS SCHWARZE QUADRAT
Man wandert durch die Säle wie durch Bachs Goldberg-Variationen. Auf Dunkel folgt Helligkeit, leise Akkorde gehen in volle über, stilles Ruhen wechselt mit Stacca to ab. Das riesige, mit schwarz pigmentiertem Öl gefüllte Becken "Matter and Mind" (1977) von Noriyuki Haraguchi zieht reflektierend den ganzen Umraum in jene "Verdunkelung" hinein, welche für Malewitsch den epochalen Neubeginn ankündigte.
Franz Erhard Walther und Samuel Beckett entwerfen Initiationsriten. Ein silberner Würfel von Mack scheint Licht aus dem Innern auszustrahlen. Tinguely erprobt lautlos seine Meta-Mechanik.
Uecker entdeckt in einem Nagelfeld einmal weiche Schwingungen, das andere Mal die "Poesie der Destruktion". Sol Le- Witt erfindet seine eigenen Variations- Cluster innerhalb des Gesamtablaufs der Ausstellung. Man bedenke: Alles das gehorcht einer Grundfigur, dem Quadrat.
Wie daraus ein nie langweilig besetztes Spielfeld wurde, ist dem Spürsinn eines Regisseurs zu danken, der weiß, wie man die Dinge miteinander ins Gespräch bringt. Immer ist Malewitsch mit rund 30 Arbeiten präsent, denn mit dem Quadrat gelang ihm, was Kandinsky im Almanach des Blauen Reiters 1912 forderte: ein neuer Generalbass, vergleichbar dem der Zentralperspektive, die seit dem 15. Jahrhundert die westliche Malerei beherrscht hatte. Wie der Direktor der Hamburger Kunsthalle Hubertus Gaßner das oft spröde Material zum Klingen, ja zum Tanzen brachte, das macht die Ausstellung zu einem Erlebnis beschwingender Leichtigkeit, zu einer Wohltat für Auge und Verstand.
"Befreiend!" - dieses Wort im Besucherbuch trifft den Nagel auf den Kopf.
Die rundum befreiende Wirkung hat allerdings ihren Preis. Den bezahlt die Kunstwissenschaft, sofern sie versucht, in den Themen des 20. Jahrhunderts nicht nur Brüche, sondern die "Dauer im Wechsel" herauszufinden. In Gaßners hinreißend lockerer Inszenierung fällt das Schwarze Quadrat gleichsam plötzlich vom Himmel in eine düstere Szene aus Salonschinken, deren massiver Auftritt im Saal mit Hans-Makart-Arbeiten - der Malewitsch kontrastierend vorgeschaltet ist - seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt.
Doch das 19. Jahrhundert bestand nicht nur aus brauner Soße und sentimentalen Anekdoten. Man nehme die berühmte Weiß-in-Weiß-Supraporte, die Josef Hoffmann 1902 für die Ausstellung von Max Klingers "Beethoven" in der Wiener Secession schuf. Sie nimmt das Quadrat und die Architektona von Malewitsch vorweg. Gehört sie noch ins 19.
Jahrhundert, dann war dieses besser als der ihm in Hamburg angeheftete Ruf, gehört sie ins folgende, dann steht Malewitsch nicht allein auf weiter Flur. Wie souverän er mit der Tradition (nicht nur der Salonmalerei) umging, zeigt er mit leichter Hand in der "Komposition mit Mona Lisa" (1914), wo sich bereits das schwarze Rechteck als Ausweg aus der materiellen Wirklichkeit ankündigt. Eine Reproduktion des zum Klischee verkommenen Renaissance-Idols wird rot durchgestrichen und - so der eingeklebte Text - die schöne Dame aus ihrer Moskauer Wohnung delogiert.
Dieses Schlüsselbild der Befreiung von einem halben Jahrtausend der Malereigeschichte hängt leider nicht gleich im ersten Saal, wo es hingehört hätte. Ein Katalogautor sieht im Schwarzen Quadrat "den Sturz durch das schwarze Fenster (!) in eine weiße Welt" vollzogen, ohne zu merken, dass das schwarze Zweiflügelfenster von Marcel Duchamp ("Fresh Widow", 1920) der russischen "Ikone" einen vieldeutigen, geschlossenen "Schrein" zu Seite stellt, mit dem ein westeuropäischer Ironiker auf seine Art ebenfalls einem "verborgenen Gott" huldigt. Der spirituelle Elan, der Gaßners Konzept leitmotivisch, jedoch unaufdringlich durchzieht, hätte sich mit Duchamps Objekt gut vertragen.
Termin: bis 10. Juni. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro.
Internet: www.hamburger-kunsthalle.de
