Ausgabe: 06 / 2007
Seite: 120
"Da herrscht viel Ungeduld"
Von Kito Nedo
Stadtplanung: Schweizerin neue Senatsbaudirektorin in Berlin
Seit wenigen Monaten liegt die Architektur und Stadtplanung Berlins in den Händen einer Frau: Die 46-jährige Regula Lüscher ist neue Senatsbaudirektorin der bundesdeutschen Hauptstadt. art-Korrespondent sprach mit der in Basel geborenen Architektin über ihre Vorstellungen und Pläne für Berlin:
Wie sehen Sie als Neu-Berlinerin die Stadt?
Berlin hat viele Brüche. Das Nicht- Homogene fasziniert mich ebenso wie die Präsenz des Naturraumes, also des Wassers, der Brachen und der Grünräume. In dieser scheinbaren Dialektik zwischen steinerner, harter Stadt und dieser naturräumlichen Anlage hat Berlin durchaus das große Potenzial, eine ökologische, europäische Metropole zu werden.
Mit welchen Problemen kämpft Berlin?
Berlin strengt sich momentan sehr an, die großen Brachen zu füllen. Da herrscht viel Ungeduld.
Es gibt einen nachvollziehbaren Drang, diese Lücken zu füllen, weil man glaubt, es müsse doch eine fertig gebaute Stadt geben.
Das birgt jedoch das Problem, dass man versucht, überall zu bauen, überall neue Projekte zu starten. Vielleicht fehlt die Geduld, Brachen und unfertige Stellen auszuhalten und gerade das als Qualität anzuerkennen.
Wo muss Berlin vorankommen?
Ich denke am Alexanderplatz, der ein großes Investitionsvolumen braucht. Aber auch das riesige Feld um den neuen Hauptbahnhof ist bis jetzt offen, aber ganz zentral. Bevor man andere Brachen entwickelt, wäre es wichtig, dass man in das Umfeld dieses hoch erschlossenen Ortes sehr viel Energie hineingibt. Da wünsche ich mir eine Stadtstruktur mit einer Nutzungsmischung von Wohnen und Arbeiten, die so attraktiv ist, dass innerstädtische Qualitäten entstehen und kein reines Downtown-Quartier mit ausschließlichen Büro- und Dienstleistungsnutzungen.
Ihr Amtsvorgänger Hans Stimmann machte keinen Hehl aus seiner Ablehnung für allzu avantgardistische Architekturen. Werden Sie sich mit ästhetischen Urteilen zurückhalten?
Warum sollte ich mich zurückhalten?
Ich wurde ja dafür geholt, dass ich eine Haltung gegenüber qualitativen Fragen der Architektur und des Städtebaus habe. Das ist ja schließlich mein Job hier.
Ich habe aber keine Stildoktrin oder Vorlieben für bestimmte Epochen. Ich komme eher aus einer Tradition, die versucht, einen spezifischen Ort aufzuspüren, ihn zu interpretieren und dann qualitätsvoll weiter zu bearbeiten.
Die neu hinzugesetzten Dinge sollen sich so in den Kontext einfügen, dass das Neue eine Verbesserung des Bestehenden bringt.
