Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 66

Der Terror und die Träume

Von Hans-joachim Mller

Das Licht der Aufklärung reichte am Ende des Jahrhunderts auch in die düstersten Winkel der menschlichen Natur. Teil 4 der art-Serie: Ins Dunkle - Die Dämonen der Vernunft LUST UND DRAMA DES 18. JAHRHUNDERTS Folge 1: Auf der Bühne - Die höfische Inszenierung der Macht Folge 2: Mehr Licht - Der Siegeszug der Aufklärung Folge 3: Hinterm Vorhang - Galanterie und Erotik Folge 4: Ins Dunkle - Die Dämonen der Vernunft

Man hat sich Gehstock und Reisepelz reichen lassen und wartet auf die Vorfahrt der Chaise. Längst haben sich die Divertimenti im Kopf zersetzt, und die Füße im Schwanenlederschuh ohne orthopädische Einlagen sind menuettmüde geworden. Immer diese Leere nach dem Fest. Dieser schale Geschmack, wenn die Räder im Kies die Hochstimmung zermalen, die unermüdlich aus dem Saal dringt. Da vorne über den Hecken im Park geht schon die Sonne auf. Erst glimmen die Wolken, dann glühen sie, dann fällt alles in scharfes Rot. Wie spät ist es jetzt?

Wie früh ist es noch? Am Ende dieses Jahrhunderts der "produktiv gewendeten Dekadenz" (Herbert Lachmayer) hat keiner mehr gewusst, was die Uhr geschlagen hat. Die Kühnsten wollten gar die Zeit neu erfinden. Zehnstundentage, Zehntagewochen, Dreiwochenmonate.

Vielleicht wäre so ja auch der Sonne zu ge bieten, dass sie fortan immer nur scharfrot die durchfeierten Nächte beschließt.

Mit dem Wiederbeginn der Geschichte, die der Kalender der Französischen Revolution auf den 22. September des Jahres 1792 festlegen wollte, hatte die auf- und untergehende Sonne indes weniger Schwierigkeiten als der gemeine Bürger und die nicht weniger gemeine Bürgerin. Und wenn das Revolutionsvolk auch bald vom Nivôse bis zum Frimaire durchzählen konnte und den Germinal nicht mehr mit dem Thermidor verwechselte, dann klang die neue Zeitrechnung doch so, als hätte man der Natur ihre Launen genommen und im Frühjahr lauter Abbildungen von Blütenbäumen auf die Wiesen gestellt. Ein bisschen länger als ein Jahrzehnt sagten sie tapfer Prairial und Fructidor und rechneten wie unsereiner bei der Euro-Umstellung in der alten Währung. Ab 1806 galt wieder der alte Gregorianische Kalender.

Wo sind sie hin, die unbeschwerten Tage, die Ausfahrten auf die Liebesinsel, die frivolen Spiele auf der Schaukel im Schlossgarten, das geschäftige Gezupfe an Kniebändern und Schnürleibern, die gefährlichen Liebschaften und virilen Bekenntnisse, die Soireen im Theater und die durchtanzten Nächte, die Fêtes galantes und die Contes drolatiques, all die bordeauxroten Kamingespräche zwischen den Herrschern der Welt und den Herrschern des Geistes? Sollte man der Epoche bei so viel Vergnügungsbegabung nicht doch ein wenig Glück bescheinigen?

"Das Vergnügen ist kürzer als das Glück und das Glück vergänglicher als die Glückseligkeit", klärte François Marie Voltaire mit lexikalischer Präzision. Wenn man sagt: 'Ich bin in diesem Augenblick glücklich', so missbraucht man das Wort; denn das bedeutet nur: 'Ich empfinde Vergnügen.' Empfindet man etwas häufiger Vergnügen, dann kann man sich in diesem Zeitraum als glücklich bezeichnen; dauert dieses Glück noch etwas länger, so ist es ein Zustand der Glückseligkeit." Glücksgeschichtlich betrachtet hat es das 18. Jahrhundert dann doch nicht bis in die höchste Reifestufe gebracht. Ganz zum Schluss ist das Glück noch in die Hände der "Terreur" geraten. Es war der 7. Mai 1794, als Maxililien de Robespierre sein Dekret über das Höchste Wesen erlassen hat. Artikel 4 listet in der revolutionären Besinnungsagenda auch einen Festtag zu Ehren des Glücks auf.

Nehmen wir das Ganze als Schauspiel, als Selbstinszenierung des modernen Menschen avant la lettre, dann bleibt der Stückschluss doch ein wenig rätselhaft. Und so wie man den Mozartschen Standesvertreter, den Grafen Almaviva, gerne gegen die Dreistigkeit seines Dieners Figaro und die Raffinesse der schönen Susanna in Schutz nehmen möchte, so hält einen die unstatthafte Frage fest, ob das Jahrhundert nicht doch einen charmanteren fünften Akt verdient gehabt hätte als dieses Unhappy End voller geißelnder Jakobiner auf der Bühne.

Viel ist über die Französische Revolution, die Mutter aller Revolutionen geschrieben worden. Über das soziale Zerfallen der alten Gesellschaften, das finanz- und wirtschaftspolitische Desaster, das das Ancien Régime hinterlassen hat, über den Luxus der wenigen und das Elend der vielen, über die starrsinnige Verteidigung verzopfter Privilegien und die Unfähigkeit der Mächtigen, die Macht zu teilen. Alles minuziös beschrieben, die Logik der Ereignisse, ihre Beschleunigung, die Zufälle, die Unausweichlichkeiten. Und wenn das idealistische Denken später alles Gewordene und alles Werden auf sein notwendiges Erfüllungsziel hin ausrichten wollte, dann hat es gerade hier an der Zertrümmerung der alten Welt Maß nehmen können.

Und es sollte ja noch schlimmer kommen. Es hat der Katastrophen des 20. Jahrhunderts bedurft, bis wir endlich verstanden haben, wie gerade der Weg ist, der von den selbst ermächtigten Subjekten der Aufklärung an die Spitze des Directoires führt, von der Befreiung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit zur Beglückung der Massen mit Festtagen zu Ehren des Glücks.

Lange vor dem Sturm auf die Bastille sind in den Köpfen die Bastillen gestürmt worden. Und das Wundersamste an diesem Jahrhundert ist noch immer sein Mut zur Selbstabschaffung.

Diese gescheite Laune zum Lebensspiel, die weiß, dass Glückseligkeit nicht zu erreichen und auf Glück kaum zu hoffen ist, aber doch immerhin das Vergnügen bleibt.

Also verlassen wir es vergnügt, das Museum des 18. Jahrhunderts.

Gehstock in der Hand, Reisepelz über den Schultern. Drinnen werden sie nicht fertig mit ihren Serenaden und Notturni. Da vorne über den Hecken im Park geht die Sonne auf, taucht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in scharfes Rot. Ein paar Bilder nehmen wir mit, wenn wir gleich in die Chaise steigen. Ein paar Bilder, auf denen Zwielicht herrscht - Neugier und Angst, Schauer und Scham, Lust und Schrecken.

MAN WUSSTE VIEL VON DEN BILDERN DER NACHT. "Wer vom Feuer träumt, hat zu viel gelbe Galle." Jean-Joseph Menuret de Chambaud, der französische Arzt, der in Denis Diderots Enzyklopädie die medizinischen Artikel verfasste, deutete den unruhigen Schlaf mit der Routine des Übersetzers. Jedes Monster hat sein Organ. Und Übersicht herrscht auch, wenn der Tag zu Ende ist. Andererseits ist es dann doch nicht so tröstlich, wenn man Traumgesichte bestimmen kann wie Wirbeltiere.

"Ungeheuer, Bewaffnete und überhaupt alle Dinge, die Furcht einflößen, sind schlechte Vorzeichen; denn sie zeigen das Delirium an." Wäre es tröstlicher, wenn sich das Aufklärungslicht nicht mit den Schatten zum erkenntnistrübenden Halbdunkel verbündete?

Es sieht fast so aus, als sei der Zürcher Maler Johann Heinrich Füssli schon der Seelenforschung auf der Spur. Aber dem Kobold auf dem Leib der dramatisch gebetteten Schlechtschläferin täte man doch zu viel Ehre an, wenn man in ihm schon die Semantik des Unbewussten erkennen wollte. Noch gehört er zu Requisite des Theaters. Und als Albtraum- Spektakel lassen sich schlechter Schlaf und viel Wissen gleichermaßen aushalten.

AUFKLÄRUNG MACHT EINSAM.

Das 18. Jahrhundert aber ist ein geselliges Jahrhundert, unfähig, die Abenteuer seiner Selbstbefreiung nicht mit anderen zu teilen. So erfand man das Aufklärungsspiel. Man sitzt am Tisch wie beim Bridge.

Einer mischt die Karten, zwei Paare geben die Probanden, die anderen schauen zu, wie sich aus dem entfesselten Geist die Geister entfesseln. Mit dem Bewusstsein kam ja etwas ins Spiel, das noch keinen Namen hatte. Das Andere des Bewusstseins, das sich nicht sehen, schmecken, riechen lässt, das nur spürbar ist in seinen mächtigen Wirkungen. Der Strom, das rätselhaft Unding, bot dafür ein modisches Bild.

Schon die Antike kannte ihn, aber jetzt kannte man ihn entschieden besser. Luigi Galvani probierte ihn an zuckenden Froschschenkeln aus, Benjamin Franklin saugte Elektrizität aus Gewitterwolken, der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer dachte sich den Zwischenraum zwischen den Seelen und Leibern ausgefüllt mit magnetischer Energie, die sich gut zur Steuerung dieser Seelen und Leiber einsetzen ließe. Mesmers magnetische Séancen waren berühmt in Europa. Auch wenn die zuckenden Seelen und Leiber der physikalischen Wissenschaft bald einmal verdächtig vorkamen, als vorbereitende Experimente für die Zukunftswissenschaft des Unbewussten behielten sie ihre Bedeutung.

ALLE HATTEN SIE SCHON IHREN AUFTRITT, die Prallbäuchigen, Schlaffbusigen, Einfüßler, Doppelköpfer, die käfergesichtigen Dämonen. Der düstere, finstere Mann ist neu in der Galerie.

Und seit Franz Xaver Messerschmidts Zeiten rätselt man darüber, wie es anging, dass einer sein überragendes bildhauerisches Talent dem Faltenwurf grotesker Gesichtskleider widmete.

Es gibt im Aufgebot der "Charakterköpfe" Leute mit schwerem Geheimnis und Leute mit schwerer Verstopfung.

Es gibt den Einfältigen und den Erzbösewicht. Es gibt einen, den sie aufgehängt und einen, den sie aus dem Wasser gezogen haben. Man wird nicht sagen können, dass aus ihnen schon ein solider physiognomischer Bestand wird, wie ihn der Pfarrer Johann Kaspar Lavater zusammengestellt hat.

Aber nie zuvor gab es so viel Feinschliff bei der Arbeit am extremen Ausdruck.

Was früh schon den Verdacht nährte, beim Künstler selber könne nicht alles stimmen. "Exzentrisch veranlagt", "ungeschickte Wesensart", "gestörter Geisteszustand". Der Bildhauer, der Porträtbüsten von Kaiserin Maria Theresia und Thronfolger Joseph II. geschaffen hat, schien sich mit seiner Nebenbeschäftigung die eigene Karriere zu versperren.

Kann einer ganz bei Trost sein, der die gleiche Sorgfalt hochwohlgeborener Züge verwendet wie auf die Signale unbeherrschbarer Empfindungen? Die Grimasse ist eine wunderbar stabile Tarnung.

Sie hält bis heute.

AUF DIE IDEE, DAS TÖTEN ZU LASSEN, KAMEN DIE REVOLUTIONÄRE NICHT. Auch ein entschlossenes Todesabschaffungsprogramm ist aus den heroischen Tagen, als es vor der Bastille die ersten Toten im aufständischen Volk gab, nicht überliefert. Gegen den Tod ist ja auch nichts Triftiges vorzubringen, wenn alle von ihm gleichermaßen betroffen sind. Weshalb mit den alten Rangunterschieden bis in den letzten Lebensaugenblick hinein nun endgültig Schluss sein sollte.

Dem Adel das Schwert, dem Volk der Strang, das war einmal. Peinliches Handwerk, hochgradig störanfällig. Nun fielen die Beile.

Präzise, verlässlich und mit Wirkungsgraden, in denen die Todesmaschinenlobby einen entschiedenen Zugewinn an Humanität erkannte. Und wenn man bedenkt, dass es der gleiche Scharfsinn war, der eben noch über den Geheimnissen der Differentialgeometrie brütete und nun im Dienste des nationalen Kopfabtrennungsprojekts den idealen Winkel der Beilschnittkante bemaß, dann hat man doch ein schönes Beispiel für die Leistungskraft der entfesselten Vernunft. Dass dann doch nicht jede Guillotinierung das gleiche Spektakel versprach, gehört zu den unberechenbaren Pointen der Geschichte. Als am 21. Januar 1793 auf der heutigen Place de la Concorde Ludwig XVI. enthauptet wurde, war nicht nur das königliche Gottesgnadentum an seinem Ende.

Auch ohne Fernsehen verbreiteten sich die Schockbilder in Europa und schmiedeten die Koalitio nen gegen die Revolution.

BESUCH AUF EIGENE GEFAHR. Man weiß schon beim Eintritt, worauf man sich eingelassen hat, was Auge und Fantasie erwarten:

"Carcere oscura con Antenna pel suplizio de'malfatori".

Dunkler Kerker mit Seilwinde für die Bestrafung von Übeltätern.

Wie ein Führer geleitet Giovanni Battista Piranesi sein Publikum von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. In Räume, wo man nie war und nie hin wollte und doch nicht umkehren kann. So steht man und schaut an Zyklopenmauern hoch, steht und schaut wie die kleinen Menschen da oben auf den Brücken hinter den Pfeilern.

Gäste wie wir? Vergessene Insassen? Das eigentlich Beklemmende ist nicht finstere Enge, sondern unermessliche Weite, dass nichts wirklich begrenzt scheint, dass eine Treppe in die andere übergeht, ein Gang sich an den anderen schließt, dass man sich kein Ende vorstellen, kein Außerhalb mehr denken kann und Auge und Fantasie zu den gleichen Ergebnissen kommen.

Das war sehr nach dem Geschmack des 18. Jahrhunderts.

Gerne nahm man die touristischen Dienste des Radierers in Anspruch, folgte ihm an die Stätten des römischen Altertums, zu den Überresten der Caracalla-Thermen, zur Grotte der Nymphe Egeria, in den Tempel der Minerva an der Porta Maggiore. Leidenschaftsloser Bildberichterstatter war Piranesi nie. Immer fließt ein Staunen in die gewissenhafte Rekonstruktion mit ein, eine Gefühlsmischung aus Erhabenheit und Wehmut, als sei solche angereicherte Begegnung mit der Antike ein besonderes Privileg, eine wundersame Verschonung vor der unerbittlichen Geschichte.

Und nur kurz sind die Wege von der hellwachen Beschreibung zur halluzinierenden Erzählung, von der Vedute zum Capriccio, vom Capriccio zum Schauerstück. Dass die "Carceri" erst aus dem Blick der Moderne ihre schwarzromantische Färbung bekommen haben, beschädigt nicht das Geheimnis, wie da im zeichnerischen Baustoffhandel mit Ruinen, Torsi und Trümmerfeldern Architekturen entstanden sind, in denen es die vereinigten Liktoren aller Zeiten und Ländern nicht ausgehalten hätten.

SIR ISAAC NEWTON LIEGT IN WESTMINSTER ABBEY BEGRABEN. Niemand dachte an eine Umbettung ins Land der Revolution. Und doch ist jetzt, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, der Mathematiker und Astronom zur Kultfigur des Vernunftzeitalters geworden.

Mit dem Nachweis der allgemeinen Gültigkeit der Naturgesetze schien er den metaphysischen Anspruch des Revolutionssubjekts auf eine wissenschaftliche Basis gestellt zu haben. Dass man im planetenrunden Scheingrab dann doch nie ein hallendes "Allons enfants de la patrie" zu hören bekam, lag nicht an Planung und Berechnung. Es gibt große Ideen, die sogleich an Größe verlören, wenn man sie von ihrem Papier befreite.

Auch das gehört zu den Erfahrungen des Jahrhunderts. Etienne-Louis Boullée war als Baumeister beschäftigt, solange er das spätbarocke Erbe in den strenglinigen Zeitstil übertrug. Dann, im Rhythmus der Revolution, wurden seine Fantasien monumental, und die Maße überboten alles Maß. Statiker haben später ausgerechnet, dass die Wölbung in Stein gar nicht zu bauen gewesen wäre, und haben so nur den Geist der grandiosen Zeichnung verfehlt. Was wäre vom unberührten Kenotaph anderes zu lernen, als dass alles schon vertan ist, wenn man mit dem Weltwillen die Welt als Vorstellung versteinern wollte?

BILDER OHNE VERFALLSDATUM.

Den toten Mann in der Badewanne kennt man gut. Name, Alter, Beruf. Die malerische Feier seines blutigen Endes ist zum eigentlichen Andachtsbild der Französischen Revolution geworden.

Aber schon bei der Würdigung des Opfers tun sich die Biografen schwer. War dieser Jean Paul Marat nun der Freund des Volkes, der "Ami du peuple", wie das Massenblatt hieß, das er herausgab?

Oder doch der gnadenlose Fundamentalist, der von den oberen Bankreihen im Konvent aus die Verfolgung und Ermordung der gemäßigten Girondisten betrieb? Es ist einsam geworden um den großen Mann.

Seine Mörderin, Charlotte Corday, hat sich davon gemacht, hat ihm ihr Bekennerschreiben in die Hand gedrückt. Der Dolch liegt auf dem Boden. Und der Maler hat seine exklusive Story, ist ganz allein mit dem Erstochenen, sieht ihm zu wie dem Heiland, als man ihn vom Kreuz genommen hat, drapiert den Leichnam auf dem vaterländischen Katafalk, dass keiner mehr nach Taten und Worten fragt und die ganze heroische Revolutionsidee in einem erschlafften Schreibarm überlebt.

Zuletzt hat man auch Jacques- Louis David nicht mehr nach Taten und Worten gefragt und nur noch mit Staunen seinem Lebensslalom durch die eng gesteckten Tore der Epoche zugesehen.

In der Eleganz, mit der sich der Parteigänger der Revolution und Laudator Napoleons im Labyrinth der beschleunigten Ereignisse zurechtfindet, erweist er sich noch ganz als Sohn seines eleganten Jahrhunderts.

Zum Weiterlesen, Weiterblättern, Weiterträumen: Ivan Nagel: Gedankengänge als Lebensläufe. Versuche über das 18. Jahrhundert, München 1987; Hermann Bauer, Hans Sedlmayr: Rokoko. Struktur und Wesen einer europäischen Epoche, Köln 1991; Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach (Hrsg.): Denkwelten um 1700. Zehn intellektuelle Profile, Köln, Weimar, Wien 2002; Rolf Toman (Hrsg.):

Klassizismus und Romantik. Architektur, Skulptur, Malerei, Zeichnung 1750-1848, Königswinter 2006; Herbert Lachmayer (Hrsg.): Mozart. Experiment Aufklärung im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts (Katalogbuch und Essayband), Ostfildern 2006; Anette Selg, Rainer Wieland (Hrsg.): Die Welt der Encyclopédie, Frankfurt/ Main 2001; Ernst-Peter Wieckenberg (Hrsg.): Einladung ins 18. Jahrhundert, München 1988; Arlette Farge: Das brüchige Leben. Verführung und Aufruhr im Paris des 18. Jahrhunderts, Berlin 1989; Klaus Lankheit: Revolution und Restauration 1785-1855, Köln 1988; Hagen Schulze: Phoenix Europa. Die Moderne. Von 1740 bis heute, Berlin 1998; Ars Erotica. Die erotische Buchillustration im Frankreich des 18. Jahrhunderts, Köln 1999; Xavier Salmon, Johann Georg Prinz von Hohenzollern (Hrsg.): Madame Pompadour und die Künste, München 2002

HISTORISCHER HINTERGRUND Revolution und Rage. "Woher nur kommt diese neuartige Rage", hat der französische Politiker und Historiker Alexis Clérel de Tocqueville im Rückblick auf die Revolution gefragt. Man hat noch immer keine probate Antwort darauf, man weiß nur, dass die Dinge nicht aufzuhalten sind, wenn die einen zur Ignoranz, die anderen zur Radikalität entschlossen sind. So wenig, wie man vom französischen König und seinen steifen Privilegienverwaltern etwas anderes erwarten konnte als völlige Unfähigkeit, auf die krisenhafte Situation zu reagieren, so wenig scheint es angebracht, vom mäßigenden Argument zu erhoffen, noch irgend- etwas gegen die Selbstbeschleunigung der Gewalt ausrichten zu können.

Hier noch einmal im Schnellgang durch die Revolution: Vor dem Hintergrund des Staatsbankrotts und massiv verschärfter sozialer Spannungen werden im Mai 1789 die Generalstände einberufen. Die Abgeordneten des Dritten Standes (Bürger, Bauern, Handwerker) erklären sich zur Nationalversammlung.

Am 14. Juli 1789 erstürmen Volksmilizen das alte Staatsgefängnis, die Bastille. Im August beschließt die Nationalversammlung die Aufhebung aller ständischen Privilegien und verabschiedet eine Erklärung der allgemeinen "Menschen- und Bürgerrechte" nach amerikanischem Vorbild. Im Juni 1791 ein vergeblicher Fluchtversuch Ludwigs XVI. Der "Klub der Jakobiner", die Vertreter der radikaldemokratischen "Montagnards" (Bergpartei) um Robespierre, Georges Jacques Danton und Jean Paul Marat gewinnen zunehmend an Einfluss, setzen sich gegen den Widerstand der bürgerlich liberalen "Girondisten" durch. Ende September schafft der Nationalkonvent das Königtum ab, am 21. Januar 1793 wird Ludwig XVI. guillotiniert. Im Jahr II des neuen revolutionären Kalenders etabliert sich die Diktatur. Robespierre lässt die Führer der "Girondisten" liquidieren. Danton wird hingerichtet. Zuletzt auch Robespierre. An Stelle der militanten Jakobiner übernimmt wieder die bürgerliche Mehrheit im Konvent die Macht, wählt ein fünfköpfiges Direktorium an die Spitze der Exekutive. Seit April 1792 führen die französischen Revolutionstruppen mit wechselnden Erfolgen Krieg gegen die europäischen Koalitionsheere.

Am 9. November 1799 putscht sich der populäre General Napoléon Bonaparte an die Macht und erklärt die Revolution für beendet.

Unter Strom. Schon die Griechen hatten der unfassbaren Sache den dauerhaften Namen gegeben. "Elektron" nannten sie Bernstein, an dem sie beim Reiben eigentümliche Anziehungskräfte beobachtet hatten. Das blieb lange rätselhaft und die Nutzanwendung lange verborgen. Aber jetzt wurde die Physik mit einem Mal stromgescheit. Während die letzten versprengten Alchemisten noch immer die Goldmacherei nicht aufgeben wollten, hantierte die aufgeklärte Wissenschaft mit gefährlichen Spannungen. Berühmt wurde das Experiment des visionären Politikers und praktischen Physikers Benjamin Franklin (1706 bis 1790), der seine Drachen mitten im Gewitter aufsteigen ließ und souverän die Blitze einsammelte, die Zeus seit Jahrtausenden schleuderte, ohne dass ihm eine freche Leine zwischen Erde und Himmel ins Handwerk hätte pfuschen dürfen. Unterdessen baute man in Italien die ersten Vorratsbehälter für den neuen stofflosen Stoff. Wie Ungetüme wirkten die Protoypen der Batterie. Alessandro Graf Volta (1745 bis 1827) durfte seinen Plattenkondensator sogar am napoleonischen Hof vorstellen. Und der kleine Kaiser soll angesichts der großen Volta-Säule huldvoll genickt haben. Für die Revolution kamen die Erfindungen allerdings zu spät. Noch musste die Guillotine mit der Hand bedient werden, und es würde noch eine Weile dauern, bis der Ionenfluss mit Erlöschen des Aufklärungslichts auch bei der Todesstrafe zum Einsatz kommt.

Johann Heinrich Füssli "Der Nachtmahr" (1790/91)

"Hypnotische Sitzung mit Franz Anton Mesmer" (1784)

Vernunftgebrauch: Selbst der ideale Winkel der Beilschnittkante für das nationale Kopfabtrennungsprojekt wurde berechnet

Franz Xaver Messerschmidt, "Ein düsterer finsterer Mann" (nach 1770)

Satirisches Flugblatt (1793, Radierung) auf Robespierres Blutrausch

Nur kurz sind die Wege von der hellwachen Beschreibung zur halluzinatorischen Erzählung

Giovanni Battista Piranesi, aus der Serie Carceri, Blatt XIV ("Der gotische Bogen", 1. Zustand, 1750)

Im Rhythmus der Revolution wurden Boulées Fantasien monumental, die Maße überboten jedes Maß

Etienne-Louis Boullée: "Newtons Kenotaph", Äußeres bei Nacht (1784)

Jacques-Louis David "Der ermordete Marat" (1793)

HANS-JOACHIM MÜLLER