Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 76-78
Kühne Pläne und Visionen
Von Kito Nedo
Das Centre Pompidou und die Akademie der Künste widmen sich der Großstadt PARIS: AIRS DE PARIS BERLIN: DIE STADT VON MORGEN
Vor ein paar Jahren bezeichnete der ehemalige Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann das Hansaviertel abschätzig als eine "Mischung aus Vergangenheitshass und Fortschrittsglauben" und machte sich mit dieser Bemerkung wenig Freunde. Denn längst galt das locker gestreute Hochhausensemble im Tiergarten, das zur Internationalen Bauausstellung 1957 fertiggestellt wurde, als architekturhistorisch bedeutsames Monument der Moderne. Nirgendwo in Berlin wurde Hans Scharouns Nachkriegsidee von einer menschenwürdigen und dennoch modernen Stadt so konsequent umgesetzt wie hier, nirgendwo findet man die Bauten großer Architekten wie Walter Gropius, Egon Eiermann, Oscar Niemeyer, Alvar Aalto oder Arne Jacobsen auf so engem Raum beieinander.
Nicht zuletzt sollte nach dem Willen der Westberliner Politik auf den Trümmern des durch den Krieg zerstörten Innenstadtbezirks auch ein Gegenmodell zum Baugeschehen im Osten der Stadt entstehen, wo man entlang der heutigen Karl-Marx-Allee Wohnblock an Wohnblock im Zuckerbäckerstil stalinistischer Monumentalarchitektur reihte. Die kühnen Pläne der Verfechter der Moderne wurden Realität.
Für die Ausstellungsmacherinnen Annette Maechtel, Kathrin Peters und Christine Heidemann verkörpert die klassischmoderne Siedlung im Herzen Berlins viel mehr als nur Architekturgeschichte. Sie ist zugleich auch ein Materialträger, der verschüttetes Wissen, Bilder und Träume der Nachkriegsära birgt, die einer Wiederentdeckung wert sind. Dazu haben die Organisatorinnen für ihr Ausstellungsprojekt "Die Stadt von morgen. Beiträge zu einer Archäologie des Hansaviertels Berlin" ein gutes Dutzend Künstler eingeladen - darunter Oliver Croy, Mark Dion, Martin Kaltwasser und Folke Köbberling - mit ihren künstlerischen Beiträgen die Visionen von einst mit der heutigen Realität vor Ort abzugleichen und so zu einer aktuellen Befragung der Ideologie der Moderne beizutragen.
Jedoch nicht nur in Berlin, auch in Paris wird die Frage nach dem Leben in der Metropole gestellt, wenngleich in größerem Maßstab. Hier haben die Ausstellungsmacher Christine Macel, Daniel Birnbaum und Valérie Guillaume für "Airs de Paris" über 70 künstlerische, architektonische und gestalterische Visionen von den siebziger Jahren bis heute in einer interdisziplinären Ausstellung zusammengetragen.
Anlass der Schau ist das 30- jährige Bestehen des Centre Pompidou, dessen eigene fabrikartige Architektur von Renzo Piano und Richard Rogers inmitten des malerisch anmutenden Pariser Innenstadtbezirks Beaubourg bei der Eröffnung 1977 für heftige Kontroversen gesorgt hatte.
Dergestalt durch die eigene Geschichte legitimiert, versammelt "Airs de Paris" die Arbeiten von international renommierten Künstlern, die sich den stetigen technischen, sozialen und ökonomischen Umwälzungen widmen, denen die Städte heute unterworfen sind. Unter den Exponaten befinden sich etwa das Bild "Tunnel" (1999) von Thomas Demand, die Medieninstallation "Zapping Zone" des Videokünstlers Chris Marker oder neue Fotografien von Nan Goldin.
Gleichzeitig werden mit der Präsentation klassischer Arbeiten, etwa von Marcel Duchamps Glasampulle "Air de Paris" (1919), die zu dem Ausstellungstitel inspirierte, oder Gordon Matta-Clarks Eingriff "Conical Intersect", bei dem 1975 unmittelbar neben der Baustelle des Centre Pompidou eine kreisrunde Öffnung in ein Abbruchhaus gesägt wurde, Teile der eigenen Institutionsgeschichte einer kritischen Revision unterzogen.
Ausstellungsstücke aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Gestaltung, wie etwa Arbeiten der britisch-irakischen Architektin Zaha Hadid oder des Londoner Designers Jasper Morrison ergänzen die Schau und beweisen ein weiteres Mal, wie vielfältig die Quellen sind, aus denen unser Stadtbild entsteht.
Termin: Berlin, 6. Mai bis 15. Juli. Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König (erscheint im Herbst 2007).
Internet: www.diestadtvonmorgen.de Termin: Paris, 25. April bis 15. August.
Katalog: Editions du Centre Pompidou, 39,90 Euro.
Internet: www.centrepompidou.fr
Valérie Jouve: "Ohne Titel (Person)", Foto (100 x 130 cm) von 1998
Von dem Designerteam Ronan & Erwan Bouroullec und Paul Tahon (Foto) stammt dieses aus Textilmodulen gefertigte variable Raumsystem "North Tiles"
50 Jahre Berliner Architekturgeschichte: Modell des einstmals visionären Hansaviertels
Bauen für das Berlin von morgen: Wohnhaus des finnischen Architekten Alvar Aalto
