Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 117

"Nichts mit dem Krieg zu tun"

Von Kerstin Schweighfer

Beutekunst: Goudstikker-Fall bewegt weiter die Niederlande

Professor Isaac Lipschits, Experte für zeitgenössische Geschichte aus Groningen, ist tief enttäuscht: "Ich wollte mich für Gerechtigkeit einsetzen", sagt er. "Jetzt versuchen Menschen, die nichts mit dem Krieg zu tun hatten, Millionen daran zu verdienen." Im Sommer 2005 hatten ihn Dick Schonis und Roelof van Holthe tot Echten, die beiden niederländischen Anwälte der Goudstikker- Erben, darum gebeten, sich für ihre Mandanten einzusetzen:

In einer bewegenden Rede vor der Restitutionskommission der Regierung plädierte der Spezialist für jüdische Nachkriegsgeschichte daraufhin auf die Rückgabe der Sammlung des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker.

"Wenn ich von dem Millionendeal zwischen Erben und Anwälten gewusst hätte, ich hätte mich nie darauf eingelassen", so Lipschits heute. Nachdem der Staat letztes Jahr entschieden hatte, 202 Werke aus der Sammlung zurückzugeben, stellte sich heraus, dass nach US-Vorbild ein so genanntes "no cure, no pay"-Erfolgshonorar abgesprochen worden war:

Demnach hätten die beiden niederländischen Anwälte jeweils 20 Prozent des Gesamtwertes der Sammlung (100 Millionen Euro) bekommen sollen, zusammen 40 Millionen Euro. Ähnliche Erfolgshonorare hatte Goudstikkers Schwiegertochter Marei von Saher mit US-Anwälten vereinbart und mit dem "Kunstdetektiv" Clemens Toussaint, der für sie weltweit nach weiteren Goudstikker- Werken sucht. In den Niederlanden aber sind "no cure, no pay"-Honorare verboten. Deshalb kam es zum Bruch mit den niederländischen Anwälten - und zum Streit ums Geld: Schonis ließ sich schließlich mit 4 Millionen Euro abspeisen, sein Kollege van Holthe zog vor Gericht und bekam 7,5 Millionen (art 4/ 2006). Das entspricht einem Stundensatz von 1300 Euro.

Nicht zuletzt zur Begleichung der Anwaltskosten hat von Saher begonnen, gut die Hälfte der Sammlung versteigern zu lassen.

Verkauft wird in drei Etappen:

Christie's in New York machte am 19. April den Auftakt, im Juli folgt London, im November Amsterdam.

Die Versteigerung könnte nach Schätzungen 27 Millionen Euro bringen. Ein Gemälde aus dem Erbe hat von Saher den Niederländern geschenkt: das "Porträt eines gestorbenen Kindes" (um 1645) von Bartholomeus van der Helst. Vier weitere Werke hat der Staat gekauft. Der Rest der Sammlung soll auf Welttournee geschickt werden.

Lipschits, der bislang vergeblich auf eine Vergütung für seinen Einsatz wartete, hat von Schonis inzwischen 25 000 Euro erhalten, die er jedoch umgehend dem Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam schenkte.

KERSTIN SCHWEIGHÖFER