Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 113

Chance oder Verlust?

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Pro und Contra: Neubau auf der Berliner Museumsinsel

Um den geplanten Neubau des britischen Architekten David Chipperfield auf der Berliner Museumsinsel ist ein heftiger Streit entbrannt. Eine Bürgerinitiative, zu deren Unterstützern neben Günther Jauch, Lea Rosh auch der Historiker Laurenz Demps gehört, macht mobil gegen die James-Simon-Galerie, die auf dem Gelände des ehemaligen Packhofs, räumlich vermittelnd zwischen Altem Museum, Neuem Museum und einem Seitentrakt des Pergamonmuseums, entstehen soll. Unstrittig ist zwar die Notwendigkeit eines solchen Neubaus für Toiletten, Kasse, Garderobe und Café, doch schon der Bauplatz ist der Initiative ein Dorn im Auge. Nun wurden gegenseitig schwere Vorwürfe erhoben:

Während Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit verantwortlich für die Museumsinsel, die Bürgerinitiative als "absurd und fahrlässig" kritisierte, will diese nach eigenen Angaben die "totale Zerschlagung" eines "durch geniale Baumeister entstandenen historischen Kulturerbes" verhindern. Ihre kontroversen Standpunkte legen Klaus- Dieter Lehmann und Laurenz Demps für art dar:

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: (+) Wenn künftig pro Tag 13 000 Gäste die Museumsinsel besuchen, ist ein Empfangsgebäude, das für Information, Gastlichkeit und Orientierung sorgt, unerlässlich. Es ist ein Glücksfall, dass wir dafür die historischen Museumsbauten nicht verändern müssen und sie durch einen Neubau vor Verschleiß schützen können. Wie geschaffen dafür ist der freie Platz am Kupfergraben. Seit dem Abbruch von Schinkels Packhof 1938 klafft hier eine Lücke. Der renommierte Architekt David Chipperfield, der den Neubau plant, steht für ein Höchstmaß an Sensibilität und Sorgfalt beim Bauen im historischen Umfeld. Er wird mit seinem Entwurf beweisen, dass eine selbstbewusste, qualitätvolle zeitgenössische Architektur das Ensemble einer hundertjährigen Architekturgeschichte, das die Museumsinsel verkörpert, in unserer Zeit vollenden kann. 100 Jahre lang haben Architekten auf der Insel gebaut, jeder mit den Ausdrucksformen seiner Zeit. Genau das schätzen wir heute. Ein Imitat, wie manche es fordern, würde die Originale herabwürdigen. Die Eingangs- und Schauseite des benachbarten Neuen Museums ist und war nach Osten zum Kolonnadenhof hin gerichtet. Mit dem Neubau wird nichts verstellt, was ursprünglich sichtbar war. Im Gegenteil: Die Anordnung der Gebäude wird mit der James-Simon-Galerie wieder verständlich, weil der Neubau ein wohlgefügtes Gesamtensemble von sechs Häusern wiederherstellt.

Den Empfangsbereich für die Insel auf den Ehrenhof des Pergamonmuseums zu situieren, wie einige vorschlagen, wäre unsinnig. Bereits jetzt zieht dieses Haus die meisten Besucher an. Der Ehrenhof wäre als reine Verteilerfläche missbraucht. Die Denkmalpflege hat dies von Anfang an aus geschlossen. Zudem wären die übergreifenden Funktionen hier gar nicht alle unterzubringen. Wir bauen den vierten Flügel, der auch von Alfred Messel ursprünglich vorgesehen war, und schaffen damit einen Hauptrundgang mit den antiken Architekturdenkmälern. Eine große Chance. Ich bin sicher: Chipperfield wird einen Entwurf vorstellen, der überzeugt.

Laurenz Demps, Professor für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (-) Unstrittig: Die Berliner Museumsinsel benötigt bei den sich abzeichnenden Besucherströmen der Zukunft dringend den anvisierten Bau. Aber warum an dieser Stelle? Welche Gründe sprechen dafür?

Welches ist die Schauseite der Bauten? In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Karl Friedrich Schinkels Altes Museum - und wird es wohl hoffentlich auch bald wieder sein - auf das Berliner Schloss bezogen. Die Erweiterungsbauten bezogen und beziehen sich auf den Kupfergraben, jedes Haus hat seinen eigenen Eingang. Bestimmend, der Eingang zum Pergamonmuseum. Kann das notwendige Gebäude nicht an die Stelle des von Alfred Messel geplanten, aber nicht ausgeführten vierten Flügels dieses Hauses gesetzt werden?

Unstrittig: Die Stiftung hat Herausragendes bei der denkmalpflegerischen Instandsetzung der Alten Nationalgalerie und dem Bode-Museum geleistet. Sie folgte dabei dem in den fünfziger Jahren unter Ludwig Justi begonnenen Wiederaufbau, der allerdings aus Geld- und Materialmangel nur schleppend und zögerlich vorankam. Nun sind an beiden Bauwerken glänzende, opulente Arbeiten für die Öffentlichkeit präsent. Welche Gründe sprechen dafür, dass man den eingeschlagenen Weg, der auch ein Weg von Generationen ist, verlässt? Warum werden die strengen Maßstäbe nicht auch bei dem Neuen Museum angelegt? Hat es dieser Bau nicht ebenso verdient? Beim Beginn der Arbeiten las man etwas anderes.

Unstrittig: Die Museumsinsel ist von der Handschrift vieler Architekten geprägt, und auch die Moderne hat - angesichts auch der großen Leistungen der Gegenwart - das Recht, ihre Handschrift zu hin ter las sen.

Aber wer unterwirft sich wem? Zunächst bezog man sich auf Schinkel und Friedrich August Stüler und Johann Heinrich Strack als seine Schüler.

Sie setzten mit ihren Bauten ihrem Lehrer ein Denkmal. Wie stark, wie dominant darf die Moderne sein? Was darf, was muss sie verdrängen? Fragen, die die Öffentlichkeit nach herbem Verlust an qualitätsvoller Architektur, die das 20. Jahrhundert dieser Stadt angetan hat, zu Recht diskutiert.