Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 117

Die Stadt, der Sultan, die Zensur

Von Kerstin Schweighfer

Ausstellungen: Amsterdamer Museum kürzt eigenen Katalog

Eine Menge Nerven habe es ihn gekostet, seufzt Direktor Ernst Veen von der Nieuwe Kerk in Amsterdam. Alle Register habe er gezogen, um die türkische Regierung von Änderungen im Ka ta log zur Istanbul-Ausstellung "Die Stadt und der Sultan" abzubringen, die dank vieler türkischer Leihgaben - darunter Skulpturen und Gemälde aus dem berühmten Topkapi-Museum - in Amsterdam zu sehen war. Doch Ankara missfielen Passagen zur Armenierfrage, in denen von ethnischen Säuberungen die Rede war; auch wollte die türkische Regierung nichts von Homosexualität unter den Osmanen wissen. Auslöser des Konflikts war wohl eine Wahlkampf-Affäre in den Niederlanden, die in der Türkei für Empörung gesorgt hatte:

Nachdem sich türkischstämmige Kandidaten der Sozial- und Christdemokraten im letzten Herbst geweigert hatten, den Massenmord an den Armeniern als Völkermord zu bezeichnen, wurden sie von den Wahllisten gestrichen: "Bis dahin hatten wir keine Probleme", erinnert sich Veen. Doch dann spitzte sich alles zu: "Wir standen vor der Wahl: entweder Änderungen im Katalog - oder keine Ausstellung." Da Veen sich nicht erpressen lassen wollte, wurde beschlossen, sämtliche wissenschaftliche Artikel aus dem Katalog zu streichen.

Der Vorwurf, Zensur geduldet zu haben, blieb nicht aus: "Wenn wir uns auf so was einlassen, sind wir verloren", sagt Veens Kollege Stanley Bremer vom Rotterdamer Weltmuseum. Veen verweist darauf, dass im Katalog nach wie vor auf sämtliche relevante Literatur verwiesen werde: "Wir fungieren als Brücke: 35 Prozent unserer Besucher haben einen Immigrantenhintergrund."

KERSTIN SCHWEIGHÖFER