Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 115
Das aufgeklappte Nutella-Brot
Von Adrienne Braun
Architektur: Neue Mensa der Hochschulen in Karlsruhe eröffnet
Die siebziger Jahre lassen grüßen: das blasse Gelb, die abgerundeten Ecken, dieser Hauch futuristischen Schicks. Architekt Jürgen Mayer H., dessen Büro in Berlin die neue Mensa der Pädagogischen Hochschule und der Hochschule für Technik und Wirtschaft gebaut hat, ist mit der Fortschrittseuphorie der siebziger Jahre groß geworden und ließ bei der Konstruktion gleich noch eine Kindheitserinnerung einfließen.
"Nutellagram" nennt er das Prinzip: Klappt man ein klebriges Schokocremebrot auf, ziehen sich Schokofäden - und genau diese Cremefäden hat Mayer für den Mensa-Bau in Säulen und Stützen übersetzt. Das architektonische Ergebnis freilich schaut ästhetischer aus als das Schokoladencreme- Gebilde. Die trapezförmige Grundfläche wurde wie ein Podest in die Höhe gestemmt.
Die schrägen Stützen, die den Bau außen und innen beherrschen, sind harmonisch angeordnet. Die abgerundeten Fenster, bei denen der Architekt mit Viereckformen spielt, sorgen für einen schlüssigen Gesamteindruck.
Die Mensa, die sich das Studentenwerk rund 7,2 Millionen Euro hat kosten lassen, ist bei aller Lust am Experiment pragmatisch und funktional, schließlich gehen hier täglich an die 1500 Essen über die Theke. Vor allem wirkt das Gebäude angenehm unaufgeregt, weil es mit einem Minimum an Materialien auskommt. Alles scheint aus einem Guss. Sichtbeton oder Stahl hätten das Budget gesprengt, so dass man sich für Holz entschied.
Man sieht es nicht, denn sämtliche Flächen - Außen- und Innenwände sowie Böden - sind mit einer dünnen Schicht aus Polyurethan überzogen. Das entspricht nicht nur der Lebensmittelhygieneverordnung für Großküchen, es hat auch ästhetisch sei nen besonderen Reiz: Denn die Treppe geht über in Stützen, der Boden kriecht quasi die Wände hoch - keine Sockelleisten, keine Abschlüsse, keine unterschiedlichen Bodenbeläge. Das ist nicht nur fürs Auge erholsam, sondern erhöht auch die Wirkung des ein fallenden Sonnenlichts. Dass der Innenraum bei aller Klarheit zudem nicht langweilig wirkt, garantiert das eigenwillige Farbkonzept:
Die Rückwand der Essensausgabe ist mintgrün, das Mobiliar - schlichte Tische sowie dick gepolsterte Hocker im Cafeteria- Bereich - in Grün- und Brauntönen gehalten.
Die Studenten, denen zur Eröffnung Gnocchi in Pilzrahmsoße plus Dessert geboten wurde, haben ihre neue Mensa sofort an genommen und vor allem die Terrasse auf dem Dach belegt: zum Sonnenbaden.
Kasten:
Jürgen Mayer H., Jahrgang 1965, hat Architektur in Stuttgart, Princeton (New Jersey) und New York studiert, wo er derzeit selbst lehrt. Aufsehen erregte sein 1996 gegründetes Berliner Büro mit dem mehrfach ausgezeichneten Stadthaus Scharnhauser Park in Ostfildern, das als großer öffentlicher Raum angelegt ist. Zu den aktuellen Projekten des Büro Mayer zählen unter anderem die Neugestaltung der Plaza de la Encarnación in Sevilla sowie die Entwicklung temperaturempfindlicher Möbel.
