Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 60-65
Masken für den globalen Stamm
Von Elke Buhr
Der kanadische Künstler Brian Jungen verwandelt Markenturnschuhe in rätselhafte Fetische und billige Plastikstühle in majestätische Walskelette. Seine Umkehrungen des ethnologischen Blicks sind jetzt in München zu sehen
Die Ähnlichkeit zwischen einem modernen Sportschuh und einem archaischen Kultobjekt kann manchmal frappierend sein - zumindest, wenn man mit den Augen von Brian Jungen sieht. Der kanadische Künstler hat eine Serie von Skulpturen geschaffen, in denen sich zerschnittene Basketballschuhe der Firma Nike in geheimnisvolle Masken verwandeln. Da blickt man einer weißen Vogelfratze aus zerschnittenen Turnschuhteilen ins weit geöffnete Maul, schütteres Menschenhaar fließt an ihr herab, während die Flügel des Nike-Logos als glühend-rote Schlitzaugen fungieren. Oder es öffnet sich ein Turnschuhschaft als weicher, roter Mund, die roten, schwarzen und weißen Teile drumherum bilden ein aggressives Ornament: ein rätselhaftes Gesicht, wie geschaffen für die Beschwörung einer neuen, urbanen Stammeskultur.
Mit großer handwerklicher Präzision hat Brian Jungen die Turnschuhe aufgeschnitten, neu zusammengesetzt und dabei gezeigt, was sie sind: Fetische der Gegenwart. Der Künstler, dessen Werk jetzt im Museum Villa Stuck in München zu sehen ist, nennt diese Skulpturen "Prototypes for New Understanding" - Prototypen für neue Verständigung. Sie funktionieren als clevere Umkehrung des ethnologischen Blicks auf das Fremde, und sie überzeugen als witzige Kommentare zum großen Thema der Vermischung der Kulturen, für das sich Brian Jungen nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Biografie besonders interessiert.
Jungens Mutter gehörte zu der Bevölkerungsgruppe, die man in Kanada als "First Nation" bezeichnet, die indianischen Ureinwohner des Landes. Der 1970 geborene Jungen wuchs in der westkanadischen Provinz British Columbia am Rande des Reservats des Volks der Dane-zaa auf, zu der seine Familie mütterlicherseits gehörte. Seinen Nachnamen Jungen bekam er von der Familie des Vaters, Einwanderer aus der Schweiz.
Als Brian Jungen acht Jahre alt war, starben beide Eltern bei einem Hausbrand, Jungen kam zu den Verwandten seines Vaters, war plötzlich eines von wenigen nichtweißen Kindern auf der neuen Schule. "Dort habe ich zum ersten Mal erfahren, was Rassismus ist", erzählt der Künstler heute in unaufgeregtem, zurückhaltendem Ton im art-Gespräch.
Als Jungen in den neunziger Jahren die Kunsthochschule in Vancouver besuchte, waren Bekenntnisse zur Political Correctness in der Kunstszene ein Muss. Doch auf einen angestrengt authentischen Ausdruck seiner indianischen Wurzeln wollte er sich nicht festlegen lassen.
Schließlich hatte er selbst die traditionellen Artefakte und Kultgegenstände seines und anderer indigener Völker Kanadas zuerst im Schulbuch und im Museum gesehen: "Ein Großteil meiner Recherchen fand im Museum für Anthropologie an der Universität von British Columbia statt." In seiner künstlerischen Praxis ging es Jungen von Anfang an um die Gemachtheit von Identität, um die Fragwürdigkeit von Zuschreibungen.
Programmatisch kann hier eine seiner frühen Zeichnungen verstanden werden: Zwei Hinweisschilder weisen in zwei verschiedene Richtungen, auf dem einen steht "First Nation", auf dem anderen "Second Nature". Für Brian Jungen ist die Frage der ethnischen Herkunft eher für ein Wortspiel und eine Pointe gut als für einen grüblerischen Kommentar. Die Nike- Skulpturen, mit denen er 1998 begann, mögen Jungens Durchbruch gewesen sein, für ihn selbst wie für den Kunstbetrieb, doch er ist dabei nicht stehen geblieben. Es gelingt ihm immer wieder, Materialien überraschend von ihrem Zweck zu entfremden, Unvereinbares zu kombinieren und damit verblüffende Aussagen zu treffen. So baute Jungen riesige Walskelette, wie man sie aus Naturkundemuseen kennt.
Erst bei näheren Hinsehen entpuppen sich die Knochen als fragile Konstruktion aus billigen weißen Plastikstühlen.
"Ich wollte sehen, ob man ein Objekt der natürlichen Welt aus etwas komplett Unorganischem reproduzieren kann", sagt Jungen.
Aus Campingstuhl-Teilen entstehen auch zauberhafte zeltartige "Busch-Kapseln" für den Ausflug ins Grüne, aus Baseball-Handschuhen wird ein klischeehafter Indianer, und die Lederbälle dazu vernäht er zu gruseligen Totenkopf-Gebilden. Jungens Arbeiten verraten seine konzeptuelle Intelligenz, aber auch seine ästhetische Sensibilität. Im klassischen Sinne schöne re Objekte als seine "Prototypen" kann man aus Turnschuhen wohl kaum herstellen.
Die Community der First-Nation- Künstler in Kanada sortiert Jungen mit seinen Nike-Masken gern als einen der ihren ein, erzählt Jungen augenzwinkernd.
Doch die Ansprüche der internationalen Kunstszene werden wohl stärker sein. Mit seinen ersten großen Museumsausstellungen hat sich Brian Jungen in den letzten beiden Jahren in Kanada als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler in der Generation nach Jeff Wall und Stan Douglas etabliert, und nach der großen Einzelausstellung im Kunstzentrum Witte de With in Rotterdam ist nun auch Europa neugierig geworden auf den First-Nation-Kanadier mit Schweizer Nachnamen.
Ausstellung: bis 20. Mai, Museum Villa Stuck, München. Katalog: in Englisch, Vancouver Art Gallery, 35 Euro. Internet: www.villastuck.de Galerien: Catriona Jeffries Gallery, Vancouver, www.catrionajeffries.com; Casey Kaplan Gallery, New York, www.caseykaplangallery.com
Recherche im Anthropologiemuseum: Brian Jungen vor seiner Turnschuhcollage "Variante I" (2002, 132 x 114 cm), Porträtfoto: Markus Tedeskino
Als Jungen in den neunziger Jahren die Kunsthochschule in Vancouver besuchte, waren Bekenntnisse zur Political Correctness ein Muss
"Prototypen für neue Verständigung" aus Turnschuhen und Menschenhaar:
"Nr. 16" (oben, 2004, 57 x 31 x 46 cm) und "Nr. 3" (1999, 28 x 13 x 24 cm)
Rätselhaftes Gesicht:
"Prototyp für neue Verständigung Nr. 4" (1998, 46 x 34 x 18 cm)
"Ich wollte sehen, ob man ein Objekt der natürlichen Welt aus etwas Unorganischem wie diesen massenproduzierten Plastikstühlen reproduzieren kann"
Tabletts: "Isolierte Betrachtung des Vergehens der Zeit" (2001, 113 x 118 x 100 cm)
Als Bausteine für das Skelett dienten billige Plastikstühle:
"Cetologie" (Walkunde) von 2002 (404 x 422 x 1491 cm)
Baseballschläger mit geschnitzter Botschaft: "Kollektiv unbewusst", "Erste Nation, zweite Natur", "Dienst nach Vorschrift" (2005, 84 cm hoch)
