Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 54
Gibt es noch eine deutsche Kunst?
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Nationale Identität gilt in der Kunstwelt längst als fragwürdige Kategorie. In Hannover, wo Ende Mai die Übersichtsschau "Made in Germany" startet, betont man statt Staatsangehörigkeit lieber den Produktionsstandort - und lädt jede Menge internationaler Künstler ein. Doch haben sich mit der Globalisierung tatsächlich alle Fragen nach kultureller Tradition und nationalen Besonderheiten erledigt? Oder unterscheidet sich Kunst aus Deutsch land immer noch von solcher aus Großbritannien, Polen oder Japan? art fragte Prominente aus Kunst, Kultur und Politik, was sie darüber denken. Nur einer wollte sich partout nicht äußern: der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann
Jörg Immendorff, 61 Künstler Meldung aus der erweiterten Intensivstation: Ich habe mir meinen Platz nicht ausgesucht. Ich wurde in Deutschland hineingeboren, und hier gibt es, wie in jedem anderen Land auch, einen kunsthistorischen Hintergrund. Den feinen Einflüssen, die er ausübt, kann man sich nicht entziehen. Bei Munch beispielsweise sieht man, dass er ein Norweger ist.
Ich nenne das den Suppengrund:
Am Grund des Tellers ist ein Motiv, das man erst erkennt, wenn man die Suppe ausgelöffelt hat. Strategisch gesehen bedeutet das für jede Kunst: Es gibt eine Schöpferkraft, die in jedem Menschen wohnt, in manchen mehr, in manchen weniger. "Liegt die Latte hoch, freut sich der Sprung". Hier findet sich auch der Gegensatz zwischen irdisch und überirdisch.
Chris Dercon, 48 Direktor Haus der Kunst, München Kunst "Made in Germany" kann - muss aber nicht immer - sehr anders sein als die Kunst, die in Großbritannien, Polen oder Japan "gemacht" wird.
Erstens kann dieser Unterschied eine Frage von nahe liegenden Bezugspunkten sein, wie etwa der unmittelbaren Vergangenheit und der lokalen Verhältnisse. Dabei können herausragende Künstler, Künstlerbewegungen oder Ausstellungskalender eine bedeutende Rolle spielen. Zweitens spielen soziologische Kategorien eine Rolle - britisches Klassenbewusstsein, polnische Grenzen oder japanischer Feminismus erzeugen beispielsweise andere Kunst als das deutsche diskursive System. Drittens kann der Unterschied an der Kunsterziehung liegen.
Das deutsche Akademie- System basiert stark auf einer Lehrer-Schüler- Beziehung, die oft erkennbare Jünger oder "Schulen" hervorbringt. Viertens dürfte auch das urbane Umfeld, in dem ein Künstler arbeitet, ein Faktor sein - zum Beispiel bietet München weniger Atelierräume, aber auch weniger prekäre Lebensverhältnisse als London. Fünftens fördert ein starker lokaler Kunstmarkt die Möglichkeiten, dass Künstler "gesehen" werden.
Sechstens gilt das Gleiche für das Vorhandensein vieler aktiver Kunstinstitutionen.
Deshalb glauben manche, unabhängig von der Homogenität der globalisierten zeitgenössischen Kunst, dass "Made in Germany" derzeit ein leichter zu identifizierendes Markenzeichen sei als beispielsweise das fast verschwundene Label "Made in Belgium" oder das Frustlabel "Made in France". Aber erst mal sollten wir sehen, was die Ausstellung wirklich bringt - hoffentlich eine Art Implosion gerade dieses Begriffs "Made in Germany".
Ingvild Goetz Sammlerin Ich denke, dass es in dem vorbezeichneten Sinne noch eine deutsche Kunst gibt, das heißt für mich, es ist eine Kunst, die eindeutig ihren kulturellen Wurzeln zugeordnet werden kann. Diese werden auch klar erkennbar. Als Beispiele seien hier nur Jonathan Meese, Neo Rauch, Andreas Hofer oder, aus der Generation davor, Joseph Beuys, Gerhard Richter und Anselm Kiefer genannt.
Bice Curiger, 58 Kuratorin am Kunsthaus Zürich, Chefredakteurin von "Parkett" und Redaktionsleiterin der Zeitschrift "Tate etc." Vielleicht kommt man der Sache näher, indem man umgekehrt fragt: Was lässt sich überhaupt "internationalisieren"? Solche Ausstellungen stellen oft eine Plattform dar, um die Zugänglichkeit zu erhöhen. Also Kunst, die geprägt ist von lokalen Diskursen, von "mentalen Dialekten", von Milieu, Klima, von spezifischen institutionalisierten Einfärbungen, die sie in einen allgemeineren Bezugshorizont hebt. Obwohl heute das meiste gleichzeitig im Hinblick auf eine mögliche internationale Rezeption hin entsteht, gibt es sie noch, die "regionalen", "linguistischen", "kontextuellen" Eigenheiten.
Harald Falckenberg, 63 Sammler Deutsche Kunst? Die ersten Sätze in Ernst H. Gombrichs berühmter "Geschichte der Kunst" lauten: "Genau genommen gibt es 'die Kunst' gar nicht. Es gibt nur Künstler." Damit ist zu deutscher Kunst, die in den Köpfen gewisser Rezipienten und Trendsetter stattfindet, alles gesagt. Die Künstler denken international, und das ist gut so.
Bernhard Wittenbrink, 57 Galerist, Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Galerien e. V.
Sprechen wir von zeitgenössischer Kunst? Kunst, die heute der westlichen Gesellschaft in Museen und öffentlichen Ausstellungen gezeigt wird, erhebt den Anspruch der "globalen Kunst" im Zeitalter der globalen Welt. Doch dies ist eben nur ein Aspekt und ein Blick aus einer gesellschaftlichen Richtung, die heute "globale Kunst" als gültig für alle Bewohner dieser Erde definiert. Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt.
Auf allen Kontinenten gibt es zeitgenössische Kunstäußerungen, die uns aber oft so befremdlich vorkommen, dass wir, die westlich geprägte Gesellschaft, diese lieber ins Völkerkundemuseum stecken, als sie als Kunst anzusehen. Das heißt, es gibt zwar eine globale Kunstsprache. Trotzdem ist die länder- oder kulturengeprägte Kunst die interessantere. Dies betrifft auch die Kunst, die aus dem deutschen Kulturkreis kommt.
Da Kunst aber immer sehr spezielle kulturelle Wurzeln hat, die im eigenen Umfeld des Künstlers liegen, wenngleich die Themen der globalisierten Welt darin einfließen, kann man auch heute noch von deutscher, amerikanischer oder englischer Kunst sprechen.
Nichts ist erschreckender als die weltumgreifende Kunst, die aussieht, wie überall die weltumgreifende Kunst aussieht. Somit kann ich mir nichts Spannenderes vorstellen als zum Beispiel eine Documenta, die die Kunst zwar global einsammelt, aber sie in ihrer Unterschiedlichkeit gleichwertig nebeneinander vorstellt.
In diesem Zusammenhang wird es auch immer fraglicher, welchen Sinn oder mit welchem Hintersinn die großen Museen der westlichen Welt sich in Ländern niederlassen, die zwar heute wirtschaftlich westlich geprägt sind, aber sich doch noch ihre eigene Kultur bewahrt haben. Am Ende werden auch hier alle kulturellen Unterschiede niedergebügelt wie auf dem globalen Fastfoodmarkt und in den Shoppingmalls dieser Welt.
Yilmaz Dziewior, 42 Direktor des Kunstvereins in Hamburg Für jede relevante Kunstproduktion ist die politische, gesellschaftliche und ökonomische Situation ihrer Entstehung von Bedeutung. Nicht weniger wichtig sind dabei Aspekte wie soziale Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung.
Dass in diesem Zusammenhang auch nationale Herkunft und aktueller Wohnsitz determinierende Faktoren darstellen, versteht sich von selbst. Die Frage nach dem Deutschsein der Kunst birgt jedoch die Gefahr essentialistischer Festschreibungen. Sie ist Teil einer Identitätspolitik, die entweder im negativen Fall ausgrenzenden Charakter besitzt oder im positiven versucht, sich als emanzipatorisches Moment gegen die Auswirkungen der Globalisierung zu positionieren. Nur, was wäre das Ergebnis dieser Emanzipation?
In seinem 1919 erschienenen Essay "Das Unheimliche" charakterisiert Freud das turnusmäßig auftauchende Verlangen nach Nation und kultureller Tradition vor dem Hintergrund des deutschen Wortes "heimlich" und dessen sprachlicher Beziehung zu "Heim" im Sinne von Haus, Wohnort, Heimat.
Er legt dar, wie das Unheimliche gleichzeitig das Wiederauftauchen des Verdrängten, einst Vertrauten darstellt.
Demzufolge besitzt "heimische" Kunst auch immer Schattierungen des Unheimlichen.
Dies ist jedoch der einzige Vergleichspunkt mit Arbeiten von so hervorragenden Künstlern wie Kai Althoff oder Hans Haacke, die sich mit deutschen Themen beschäftigen. Denn ihre Ikonografie ist bei weitem noch kein Indiz für "typisch deutsche" Kunst.
Isabelle Graw, 44, und André Rottmann, 30 Herausgeberin und Redakteur der Zeitschrift "Texte zur Kunst" Künstlerische Arbeiten mit dem Etikett "deutsch" zu versehen, läuft aus unserer Sicht auf eine Substantialisierung zeitgenössischer Kunst hinaus. Diese Zuschreibung ist vollends ungeeignet, ihre realen Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu fassen. "Deutsch" ist keine analytische Kategorie, sondern die immer schon fehlgeleitete - nicht etwa erst durch die Globalisierung überholte - Zuschreibung eines "Nationalcharakters", inklusive problematischer Klischees wie "tiefsinnig" oder "schwermütig".
Eine solche Zuweisung vermeintlich nationaler Eigenschaften findet auf dem Kunstmarkt hingegen ungebrochen Verwendung: beispielsweise wenn die "neue deutsche Malerei" oder die "deutsche Fotografie" eben national eingeordnet und dadurch marktförmig gemacht wird. Oftmals liegt hier nichts weiter als die Beobachtung zugrunde, dass "deutsch" in bestimmten Marktsegmenten immer wieder eine Konjunktur erlebt, über die "neuen Wilden" und Anselm Kiefer bis zur "Leipziger Schule". Etwas anderes ist es hingegen, künstlerische Produktion in ihrem spezifischen lokalen Kontext zu analysieren, sie in Bezug auf die Bedingungen vor Ort zu befragen.
Dazu gehören Gruppenbildungen, Galeriezusammenhänge, die Rolle der Akademie oder lokale künstlerische Traditionen und Erbschaften. Hinter diesen Standard eines sozialgeschichtlich differenzierenden statt verkürzend nationalisierenden Zugangs zur Kunst gibt es nach unserem Dafürhalten kein Zurück - erst recht nicht, um wieder einmal den eindimensionalen und politisch instrumentalisierten Begriff der Nation zu stärken.
Peter Plagens, 65 Kunstkritiker des amerikanischen Nachrichtenmagazins "Newsweek" Der belgische Künstler Wim Delvoye, wegen seines Schweinetätowierprojekts von Tierschützern aus Europa an gegriffen, lässt seine Schweine jetzt in China tätowieren. Macht das sein Projekt zu "chinesischer Kunst"? Genauso aberwitzig ist die Idee, dass man das Problem, was deutsche Kunst ist, dadurch lösen könnte, indem man alles, was in Deutschland hergestellt wurde, "egal, aus welchem Land der Künstler stammt", zu "deutscher Kunst" erklärt. Andererseits liegt in Ländern (wie Deutschland oder USA) mit einer hohen Zahl von Einwanderern die Zuordnung "deutscher Künstler" oder "amerikanischer Künstler" auf einem Kontinuum von verschwimmenden Graustufen. Die letzte Whitney- Biennale zeigte Werke von Künstlern, die nicht viel mehr getan hatten, als auf dem JFK-Flughafen umzusteigen.
Aber das Whitney Museum of American Art hat es sich zur quasi abgesegneten Aufgabe gemacht, in diesem "Zeitalter der Globalisierung" die Unterscheidung "amerikanische Kunst" möglichst loszuwerden, weil es die Kuratoren beim Planen zeitgenössicher Ausstellungen einschränkt.
Dennoch: Die deutsche Kunst, die ich in New York sehe, scheint mit mehr schwarzem Humor und Zynismus behaftet als die andere zeitgenössische Kunst ringsherum - obwohl die auch schon ziemlich düster, humorvoll und zynisch ist.
Guido Westerwelle, 45 Partei- und Fraktionsvorsitzender der FDP, Sammler von Malerei Natürlich gibt es heute deutsche Kunst. Und damit ist nicht nur der Geburts-, Wohn- oder Arbeitsort von Künstlern gemeint, dabei geht es vielmehr um die Summe aller Prägungen und Einflüsse, aller Erfahrungen und Ansichten, die sich im Werk eines Künstlers niederschlägt. Zu glauben, in den Zeiten der Globalisierung gebe es solche spezifischen Wirkungen der eigenen Biografie auf das künstlerische Schaffen nicht mehr - das wäre naiv.
Die von mir sehr geschätzten Neo Rauch, Norbert Bisky, Tim Eitel oder Ulf Puder sind auch international hoch angesehen, eben weil in ihren Werken etwas spezifisch Deutsches erkannt wird: Ihr neuer Realismus fürchtet sich nicht vor der Ästhetik des Gegenständlichen. Heute ist das Gegenständliche als die Zuwendung zur realen Welt zu verstehen. Gegenständliche deutsche Malerei ist nicht Flucht vor der Realität. Diese Malerei zitiert Comics, Pop Art und Werbung, sie ist oft eine Auseinandersetzung mit der Kunst in den totalitären Regimes der deutschen Geschichte. Deshalb ist diese Kunst nicht unpolitisch - und schon gar nicht gefällig.
Jonathan Meese, 37 Künstler Kunst ist das kindlichste ORAKEL des Vogelfreiesten Kunst ist die einzige Alternative. Kunst ist das allgegenwärtigste, ultimativste, undurchschaubarste und totalste Spiel.
Kunst ist Ihr eigener Maßstab und ordnet sich keiner Menschenideologie unter.
Die mickrige Realität des Menschen ist die Grenze zur Kunst. Kunst ist eine bedingungslose Propagandamaschine Ihrer selbst und bildet "Die Gegenwelt".
In diesen Parallelgebieten spielen von Menschen definierte Räume und Limitierungen keinerlei Rolle. Kunst ist Ihr eigener Instinkt und erzeugt TOTALVITALITÄT; dieses Herumtollen der Tierbabies (wie Scarlett Johansson und John Galliano) ist unabdingbar richtungslos und kategorielos.
Der Mensch in all' seiner Befindlichkeit, Feigheit, Demutslosigkeit und Selbstgerechtigkeit steht nicht im Mittelpunkt der Sache. Der Mensch möge endlich von sich absehen und die Kunst sich selbst spielen lassen, wie Sau.
Kunst ist Ihre eigene Überdehnung, Ihr eigenes Überpotential, ihre eigene vogelfreie Freiheit und Ihre eigene Goldader in Allem. Der Künstler ist unfrei und will leider die Kunst immer in Schablonen pressen. Kunst ist Ihr eigenes Erzland, Ihre eigene Politik, Ihre eigene Identität, Ihre eigene Nation. Kunst ist die Erznation der totalen Utopie, des totalen Traums, der totalen Vision und des totalen Risikos.
SAALKuns SAALKUNST ist der übernationale politische Voodootanz der Tierkinder, wie LICHT. DIE ULTRANATION KUNST IST TOTALE LIEBE; Kunst durchpflügt Alles nach eigenen Gesetzen wie das liebevollste Raubtierhaibaby der TOTA LEN Revolution. Die Erznation des Staatsparadieses erzeugt nur ewige LIEBE anhand Ihrer grenzenlosen, demütigen Saalrevolution. Kunst ist immer und überall nichts als Ihr revolutionärer Akt.
Die Radikalrevolution der Kunst, geboren aus der Industrie der Natur im Funken der Laune der Natur, ist ein Getreiderad, wie ein Kinderball. Dieser alchimistische Erzzauber spricht zu Uns: Eure Scham, Eure Verlegenheit sind Eure liebevollste Tradition, also, seiet lieb... (SAINT JUST SPRACH: KUNST IST "DE MUMINS".)
Anna und Bernhard Blume, beide 69 Künstler Das ist wieder eine dieser sehr trendigen Fragen, die sich - außer vielleicht Jörg Immendorff, Hans Haacke und womöglich unser Hamburger Exstudent Jonathan Meese - immer noch kaum ein Künstler stellt. Oder?
Vielleicht hat das damit zu tun, dass man sich derzeit wieder mehr nationales Selbstbewusstsein zutraut, sich innerhalb Europas profilieren muss.
Aber muss man Identität herbeireden?
Für uns stellt sich diese spezifische "deutsche Frage" eigentlich nicht - biografisch schon gar nicht. Mein Opa mütterlicherseits war Tscheche, die Mutter meiner Mutter womöglich Russin oder Polin, nur Opa und Oma väterlicherseits waren aus Westfalen. Die Vorfahren von Anna wiederum stammen teilweise aus England. Und überhaupt, wir "Ruhrgebietler" sind doch die ersten multinationalen Europäer.
Nach dem Desaster der beiden Weltkriege und dem nationalistischen Delirium ist unsere Generation nach wie vor und sicher bleibend allergisch gegenüber neuer Identitätssuche. Aber jetzt, wo Sie fragen: Unsere Arbeit transportiert womöglich doch noch so etwas wie ein "spezifisch deutsches Trauma" und arbeitet es auf diese Weise womöglich weg. Übrigens habe ich mir gestern Ihr Magazin (art 03/2007, Anm. d. Red.) gekauft, mit den Bildern von Andreas Gursky. Sie titeln: "Das Auge Gottes".
Das ist sicher kein spezifisch deutsches Auge. Gursky produziert ja so etwas wie globalästhetische Dekorationen. Die funktionieren - das muss der Künstlerneid ihm lassen - mehr noch als unser Zeugs - ästhetisch überall auf der fortgeschrittenen Welt. So weit haben wir es - leider oder gottlob? - noch nicht gebracht. Ja, und: Vielleicht transportiert unser bisheriges Werk tatsächlich noch was spezifisch Deutsches?
Dann müssen wir unbedingt gucken, noch global-marktgängiger zu werden.
Simon de Pury, 55 Vorsitzender des Auktionshauses Phillips de Pury & Company Ich glaube nicht an nationale Kategorien. Unser Auktionshaus unterscheidet sich von der Konkurrenz gerade darin, dass wir zeitgenössische Kunst aus Deutschland, China oder Amerika nicht nach Ländern sortieren, sondern in den Auktionen miteinander mischen. Künstler wollen heute nicht mehr nach ihrer Nationalität beurteilt werden. Es gibt nur gute Kunst oder gar keine Kunst. Aber auch wenn die Kunst immer internationaler wird, gibt es immer noch nationale Merkmale.
Der Ort, an dem Kunst entsteht, kann Einfluss auf das Werk haben. So hat sich in der Fotografie eine deutsche Ästhetik durchgesetzt, die durch Deutschlands lange fotografische Tradition geprägt wurde und von bekannten Künstlern wie Bernd und Hilla Becher und deren Schülern fortgesetzt wird. Überhaupt gab es wohl noch nie so viele Künstler mit deutschem Pass, die auf dem internationalen Kunstmarkt eine wichtige Rolle spielen. Doch wie wenig das mit alten nationalen Stereotypen zu tun hat, sieht man in Berlin. Viele der Künstler dort sprechen nicht mal Deutsch.
Peter Weibel, 63 Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM)
Die Frage, ob es eine deutsche Kunst gibt, hat in den letzten Jahren viele Zweifel und Fragen aufgeworfen.
Martin Warnke und Heinrich Klotz haben eine "Ge schichte der deutschen Kunst" in drei Bänden vorgelegt. Werner Hofmann fragt "Wie deutsch ist die deutsche Kunst?", und Hans Belting zieht die Identität der deutschen Kunst in Zweifel in "Identität im Zweifel. Ansichten der deutschen Kunst". Offensichtlich ist die Erfahrung des Nationalsozialismus ein Trauma, das auch die Kunstgeschichte nachhaltig verunsichert, sodass die Frage nach dem Deutschen in der deutschen Kunst eine offene Wunde bleibt. Denn je mehr das Problem der deutschen Identität in der Kunst zurückgewiesen wird, um so offener tritt es zutage. Ein weiterer Grund zur berechtigten Distanzierung von nationalen Klischees liegt in der Begründungsfiktion der modernen Kunst selbst. Im berühmten Berliner Streit um die Moderne, als Hugo von Tschudi in der Berliner Nationalgalerie begann, Impressionisten auszustellen und ihn Kaiser Wilhelm II. darauf hinwies, dass dieses Haus der deutschen Kunst gewidmet sei, begann der Mythos von der Internationalität der Moderne.
So wie in diesem wurde in vielen anderen Fällen immer wieder die Internationalität der modernen Kunst behauptet.
Doch in der Tat handelt es sich bei den Impressionisten um französische Kunst, Termini wie Op Art belegen, dass es sich um amerikanische und britische Kunst handelt, Arte Povera, dass es sich um italienische Kunst handelt, und beim Expressionismus handelt es sich meist um deutsche oder österreichische Kunst. Von Kiefer bis Meese erkennen wir eine klare Referenz auf deutsche Mythologie. Von Brock bis Gerz deutsche Erinnerungsarbeit. Von Staeck bis Rauch sehen wir eine politische Ikonografie. Nicht alle Kunst, die in Deutschland produziert wird, ist deutsch - doch ein großer und guter Teil davon.
Und das ist gut so.
Kasten:
Grenzüberschreitend "Made in Germany": Eine große Übersichtsschau in Hannover zeigt internationale Kunst aus Deutschland Für dieses Großprojekt haben sich Hannovers wichtigste Kunstinstitute zusammengetan: Sprengel Museum, Kestnergesellschaft und der Kunstverein versprechen unter dem Titel "Made in Germany" eine "schlaglichtartige Zwischenbilanz" über die aktuelle Kunstproduktion in Deutschland. Das Augenmerk liegt auf der jüngeren Künstlergeneration - unabhängig vom Geburtsort.
Es wurden 52 Künstler ausgewählt, darunter Candice Breitz, Peggy Buth, Michael Elmgreen und Ingar Dragset, Slawomir Elsner, Sergej Jensen, Jonathan Monk, Simon Starling, Mathildeter Heijne, Gert und Uwe Tobias, Amelie von Wulffen, Ralf Ziervogel und Thomas Zipp. Nahezu die Hälfte der Künstler sind keine gebürtigen Deutschen. Wichtiger war den Verantwortlichen, Ulrich Krempel, Veit Görner und Stephan Berg, der deutsche Kontext, in dem ihre Werke entstanden sind.
Termin: 25. Mai bis 26. August im Sprengel Museum, Kestnergesellschaft und Kunstverein Hannover Katalog: Hatje Cantz Verlag, 35 Euro Internet: www.madeingermanyhannover.de
"Die Frage nach dem Deutschsein der Kunst ist Teil einer Identitätspolitik, die ausgrenzenden Charakter besitzen kann"
"Wenn der belgische Künstler Wim Delvoye für ein Kunstprojekt Schweine in China tätowieren lässt, ist das dann chinesische Kunst?"
"Nach dem Desaster der beiden Weltkriege und dem nationalistischen Delirium ist unsere Generation allergisch gegenüber neuer Identitätssuche"
"Made in Germany"-tauglich: Slawomir Elsners Gemälde "Panorama 8 (Ausländisches Geld)" (2006)
