Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 44-49
Ein Künstler kapert Hollywood
Von Sandra Danicke
Viele Stars - doch kein Movie: Seit über zehn Jahren trägt Tobias Rehberger die Idee des wohl absurdesten Projekts der Filmgeschichte mit sich herum. Jetzt ist Premiere in Mailand
Sie sei eine Diva, hatte man ihm erzählt, und er hatte nächtelang kaum geschlafen. Ein falscher Satz, hatte er gedacht, und sie dreht womöglich auf dem Absatz um. Unzählige Male hatte er die Begegnung mit allen Beteiligten im Geiste durchgespielt. Doch als der Geländewagen mit den abgedunkelten Scheiben endlich anrollte, waren sämtliche Mitarbeiter auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Tobias Rehberger wollte seinen Begrüßungssatz sagen, doch als die Wagentür aufging, telefonierte Kim Basinger mit dem Handy. Ohne ihn zu beachten, marschierte die kapriziöse US-Schauspielerin, die der deutsche Künstler für sein neuestes Projekt engagiert hatte, in den für sie reservierten Bungalow eines Filmstudios in Los Angeles und begrüßte ihren Friseur.
Der bärtige Deutsche trug ihr die Taschen hinterher, denn da war sonst keiner, und da er nicht gleich wieder umdrehte, bedeutete Basinger ihm zu verschwinden. Im Hinausgehen nannte Rehberger noch schnell seinen Namen.
Da war die Diva peinlich berührt.
Sie hatte den Chef mit dem Kofferträger verwechselt. Entschuldigend fiel sie Rehberger um den Hals und bot ihm an, noch ein Weilchen zu plaudern.
Schließlich war es der zupackende Frankfurter, an dessen ungewöhnlichem Filmprojekt sie gleich mit wirken würde - und das ganz ohne die übliche Millionengage.
Auch Willem Dafoe, Danny De- Vito und diverse andere Stars aus der Filmbranche zeigten sich kooperativ.
Lediglich Pizza und Popcorn hatte sich etwa DeVito für den Dreh auserbeten, ansonsten gab er sich wie alle anderen unkompliziert und professionell. Dabei war es für sämtliche Beteiligten der vermutlich ungewöhnlichste Auftrag ihrer gesamten Berufslaufbahn.
"On Otto", so der Titel des Werks, das jetzt in der Fondazione Prada in Mailand präsentiert wird, ist ein Film, bei dem alle Produktionsschritte rückwärts abliefen.
Nachdem Rehberger selbst Filmtitel und Plakat entworfen hatte, entwickelten ausgewählte Experten einen passenden Vor- und Abspann. Es folgten:
Sound, Musik, Schnitt, Kamera, Schauspieler, Kostüme, Kulissen, Storyboard, Drehbuch - exakt in dieser Reihenfolge. Für frühere Arbeiten hatte der Künstler bereits Handwerker in Kamerun damit beauftragt, Designer-Stühle anhand von Gedächtniszeich nun gen zu bauen. Er hatte Museumsaufsichten Pullover stricken oder teure Bauchketten tragen lassen. Stets war es der Spielraum zwischen Auftrag und Endprodukt, den der Frankfurter Künstler erkunden wollte.
Diesmal allerdings hatte Rehberger nicht irgendwen beauftragt. Diesmal hatte er Meister ihres Metiers gebeten, das Unmögliche möglich zu machen, aus ihren eingefahrenen Strukturen auszubrechen und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Er wollte sämtlichen an einem Kinofilm beteiligten Positionen einen eigenen Auftritt verschaffen. Jeder sollte entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis haben.
Einzige Vorgabe: Sie sollten alle auf das bis dahin vorhandene Material reagieren.
Doch wie schneidet man einen Film, ohne dass es ihn gibt? Wie spielen Schauspieler ohne Drehbuch, und was filmt ein Kameramann, dessen Vorgaben fast nur aus Tonspuren bestehen?
Für Ennio Morricone, zuständig für die Filmmusik, war der Auftrag gar kein Problem. Er sei schließlich Komponist und kein Film-Vertoner, rief der Großmeister, als er Rehberger bei sich zu Hause in Rom empfing. Eine Wohnung, "wie in einem Visconti-Film", berichtet Rehberger: voll schwerer Vorhänge, alter Möbel und dicker Teppiche; der Meister selbst hielt in ledernen Hausschlappen Hof. Schon häufig habe er für Filme komponiert, die er niemals zuvor gesehen habe, erzählte die italienische Filmmusiklegende dem Frankfurter Künstler, der ursprünglich kaum zu träumen gewagt hatte, dass Persönlichkeiten wie Morricone tatsächlich bei dem irren Projekt eines ihnen unbekannten Deutschen mitmachen würden. "Bei jedem Treffen hatte ich die Hosen voll", gesteht Rehberger, der als Professor an der Frankfurter Städelschule Bildhauerei lehrt.
"Ich dachte ja, die halten mich für bescheuert." Länger als zehn Jahre spukte die Idee eines rückwärts erstellten Films bereits in Rehbergers Kopf herum, und es waren nicht nur die immensen Kosten, die den Künstler, der 1966 im schwäbischen Esslingen geboren wurde, an der Realisierbarkeit zweifeln ließen: "Ich hatte doch überhaupt keinen Zugang zu dieser Welt." Sein Bruder sei eines Tages auf die Idee gekommen, dass sich im gemeinsamen Bekanntenkreis auch eine Agentin aus Los Angeles befindet: Lisa Feinstein war auf Anhieb interessiert. Und: Sie wusste, wen man fragen musste, um an den richtigen Stellen vorgelassen zu werden. Als mit der Prada-Stiftung zudem ein Finanzier gefunden war, fing man vor mehr als zwei Jahren einfach mal an mit der Planung. Dass seine Wunschkandidaten tatsächlich alle mitgemacht haben, kann Rehberger immer noch kaum glauben.
Wenngleich der favorisierte Kameramann aufgrund verschobener Termine schließlich abspringen musste. Allenfalls mit Mickey Rourke, der ursprünglich zugesagt hatte, hatte es ein wenig Ärger gegeben. Da man die Gagen der Topstars nicht annähernd aufbringen konnte, hatten Rehberger und sein Team entschieden, ihnen - im Gegensatz zu allen anderen Beteiligten - nichts zu bezahlen. Wenige Tage vor Drehbeginn kam Rourke allerdings auf die Idee, dass er mit Prada-Kleidung entlohnt werden wolle - und zwar mindestens für 100 000 Dollar.
Die Zusammenarbeit platzte.
Alle anderen gaben sich weniger kapriziös. Einige hätten sich regelrecht geehrt gefühlt, einmal bei einem Kunstprojekt mitmachen zu dürfen, erzählt Rehberger. Justin Henry, der 1979 den kleinen Jungen in dem preisgekrönten Familiendrama "Kramer gegen Kramer" gespielt hatte, glaubte gar, man wolle ihn verulken. Das Angebot, neben Superstars zu agieren, hatte ihm seit Jahrzehnten keiner mehr gemacht. Jetzt sollte er - genau wie seine berühmteren Kollegen - in einem Kino sitzen und dabei gefilmt werden, wie er den Film "Die Lady von Shanghai" (1946) von Orson Welles guckt. Eineinhalb Stunden lang. Ausführung und Outfit blieb komplett ihm überlassen, denn ein Drehbuch, das gab es ja noch nicht. Rehberger wollte auch hier den Spieß umdrehen und die Schauspieler in seinem Film einmal von außen auf die Leinwand schauen lassen. Ob die Akteure nun einfach einen Film gucken oder spielen, dass sie einen Film gucken, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Jedenfalls hatte Kim Basinger zuvor ganze zwei Stunden in der Maske verbracht.
Neben dem Friseur hatte man auch ihre Visagistin und die Kleiderberaterin einfliegen lassen.
"Alle Beteiligten haben wahnsinnig viel Arbeit und Kreativität in das Projekt gesteckt", beteuert Rehberger.
Allein die Französin Sylvie Landra, verantwortlich für den Schnitt in "Catwoman" oder "Das fünfte Element", habe in monatelanger Bastelarbeit aus vorhandenen Filmschnipseln eine rhythmische Komposition erarbeitet, die zwar keiner Geschichte folgt, aber sowohl den von Randy Thom ("Krieg der Sterne", "Forrest Gump") produzierten Sound als auch die Musik von Morricone aufnimmt. Oder Wolfgang Thaler: Monatelang ist der österreichische Kameramann durch die Gegend gereist, hat in der Ukraine oder in Indien gefilmt und für "On Otto" eigene Szenen kreiert. Wie sein Beitrag in das Ergebnis eingebaut werden könnte, darüber musste sich Thaler keine Gedanken machen. Rehberger umso mehr. Denn, dass am Ende kein fertiger Film zu sehen sein würde, war dem Künstler von vornherein klar.
Um "On Otto" auf eine angemessene Weise "erfahrbar" zu machen, hat Rehberger ein eigenes Kino, bestehend aus vier Pavillons mit mehreren Räumen entworfen. Ein labyrinthischer Parcours mit 18 Projektionen, der die diversen Bestandteile in unterschiedlichen Kombinationen zusammenführt.
Da gibt es einen Raum, in dem man nur den Sound hört, in anderen sieht man die Schauspieler dazu oder die psychedelischen Landschaften des Kameramannes. Dann wieder steht man in einem Spiegelkabinett, dass sich der Production-Designer Jeffrey Beecroft ("Twelve Monkeys") ausgedacht hat. Und vielleicht ist man hier dem Inhalt des Kunstwerks "On Otto" am dichtesten auf der Spur. Denn für Tobias Rehberger gleicht das Wesen der Kunst einer Projektionsfläche - aufgeladen mit Fantasien und Vorstellungen, die über den realen Gegenstand weit hinausgehen.
Termin: 20. April bis 6. Juni, Fondazione Prada, Mailand. Katalog: in zwei Bänden, 120 Euro
Stars, gebannt im Kino: "On Otto. Actors Sequence" (2007). In der Mailänder Installation werden die Schauspieler einzeln gezeigt
Vorspann von Florence Deygas und Olivier Kuntzel, hier als Stills in chronologischer Folge: "On Otto. Title Sequence"
Für das Foto mit Rehberger fragte Kim Basinger ihr Management um Erlaubnis
Visualisierung von Ennio Morricones Soundtrack für den Katalog: "On Otto. Music"
Für den Großmeister Ennio Morricone war der Auftrag überhaupt kein Problem. Er sei schließlich Komponist und kein Film-Vertoner
Aus Klang- und Geräuschkurven entstand für den Katalog eine Collage: "On Otto. Music Visualisation"
Wenige Tage vor Drehbeginn kam Mickey Rourke auf die Idee, sich mit Prada-Kleidung bezahlen zu lassen: Wert 100 000 Dollar
Eine Komposition aus den Aufnahmen des Kameramanns Wolfgang Thaler: "On Otto. Cinematography"
Ein Film, für den kein Kino reicht: Rehbergers Plan für die Ausstellungsarchitektur
