Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 91

Anleitung zum Unglücklichsein

Von

MOSKAU: 2. BIENNALE

Zum zweiten Mal wurde Moskau zum Schauplatz einer winterlichen Biennale: art-Redakteur Ralf Schlüter verlor sich in Parallelwelten. Man fühlt sich an Harry Potter erinnert: Da gibt es eine Tür auf der vierten Etage des Moskauer Kaufhauses TsUM; geh durch sie hindurch, und du bist in einer anderen Welt. Eben noch flanierte man an den grell erleuchteten Modeständen vorbei, plötzlich steht man in einem riesigen dunklen Raum. Hier, in einem noch nicht ausgebauten Teil des Hauses, findet eine Schau zur amerikanischen Videokunst der Gegenwart statt. Rund 40 Künstler werden gezeigt, in der Dunkelheit surren die Geräte, und schon nach Minuten vergisst man das winterlich nasskalte Moskau und versenkt sich tief in die amerikanischen Bilderwelten.

Die versteckte Etage ist symptomatisch:

Die Kunst der zweiten Moskau- Biennale findet nicht in aller Öffentlichkeit statt, sondern in einer Parallelwelt.

Keine Arbeiten im Außenraum, keine Beteiligung von Passanten und Bürgern - wer die Arbeiten sehen will, muss die versteckte Tür im Kaufhaus suchen und sich mit einem knarrenden Baustellenaufzug in den Rohbau eines neuen Hochhauses, des "Föderationsturms", begeben. Das passt zu Russland, wo die geschlossene Gesellschaft immer mehr galt als der öffentliche Diskurs.

Und so geht man nun verloren in den Weiten der amerikanischen Videokunst:

Man begegnet alten Bekannten wie Klara Liden, die für ihren schon klassisch gewordenen Film "Paralyzed" (2003) entfesselt durch einen U-Bahn- Waggon turnt; es sind Entdeckungen zu machen wie das gruselig-grandiose Video "Shake the Baby" (2006), in dem der Künstler Christian Holstad Menschen bittet, ein imaginäres Baby immer heftiger zu schütteln. Aber es ist auch Banales zu sehen wie die Bildschirmspielereien der TM Sisters.

Nicht schlecht insgesamt, die Schau, aber was sagt sie uns hier, im neureichen Moskau? Welche Wirkung hat Kunst da, wo nur das Geld zählt und kritische Debatten nicht gefragt sind?

Wer die Fahrt mit dem Bauaufzug überstanden hat, findet im Föderationsturm eine bessere, klarere Antwort auf diese Fragen. Hier präsentieren insgesamt fünf Kuratoren ein Kabinett zeitgenössischer Selbstbefragungen. Von Anri Sala und Ana Mendieta bis zu Monica Bonvicini und Kutlug Ataman reicht das Spektrum von Künstlern, die Wunden aufreißen und sich in strengen, quälenden Selbststudien ergehen. Schwarzhumoriges kommt hinzu, etwa von Nedko Solakov oder Mika Rottenberg. Alles erinnert ein wenig an die letztjährige Berlin-Biennale: Erzählerischen Werken mit einem Hang zum Sinistren wurde der Vorzug gegeben; Künstler reklamieren ihr Recht auf Verzweiflung.

Die Stimmung des Landes trifft diese Biennale damit nicht. "Zeige deine Wunde" scheint derzeit nicht das Motto Russlands zu sein, eher schon "Zeige dein fettes Auto". Kunst als : Im neuen Russland ist dieser Ansatz durchaus subversiv.

Katalog: zwei Bände, 700 Rubel (20 Euro).

Internet: http://2nd.moscowbiennale.ru/en