Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 89

Nur das Beste für die Gäste

Von Alfred Nemeczek

BRÜSSEL: BLICKE AUF EUROPA

Das Brüsseler Palais des Beaux-Arts feiert die Triumphe der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts: Es ist tatsächlich alles da, was sonst kaum noch vom angestammten Nagel darf, Spitzenwerke des deutschen Kulturerbes wie Anselm Feuerbachs "Iphigenie", Arnold Böcklins "Toteninsel", Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer", Ludwig Richters "Überfahrt am Schreckenstein", Philipp Otto Runges "Großer Morgen" und Adolph Menzels "Eisenwalzwerk" haben die Wand gewechselt, um die Ausstellung "Blicke auf Europa" mit dem Prestige einer unwiederholbaren Haupt- und Staatsaktion zu adeln.

Thema, Ort und Anlass verdankt die Schau mit 153 erlesenen Gemälden von über 70 Malern und nur einer Malerin dem Zufall, dass ein wichtiges Europa- Jubiläum - 50 Jahre Römische Verträge - jetzt mit der deutschen EURatspräsidentschaft zusammentraf. Das legte einen großen Auftritt nahe, und zwar in Brüssel. Denn das ist die "Hauptstadt Europas", eine Feststellung, auf die Belgiens Ministerpräsident Guy Verhofstadt im Katalog Wert legt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Schirmherrin und signalisiert in ihrem Grußwort die Richtung: zu sehen sei "deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts in ihrer internationalen Verbundenheit" nach einem Konzept von Bernhard Maaz, Kustos an der Alten Nationalgalerie in Berlin.

Dieses im Kern politische Konzept deklariert die vor allem aus Beständen der großen Museen von Berlin (Alte Nationalgalerie), Dresden (Galerie Neue Meister) und München (Neue Pinakothek), aber auch mit Leihgaben von 23 anderen deutschen Sammlungen bestückte Ausstellung zur Themenschau.

Sie entfaltet sich deshalb nicht alphabetisch, nicht chronologisch und nicht nach Stilen, sondern, inhaltsbezogen, in zwölf Gruppen. Die meisten bieten Landschaftsmotive aus europäischen Ländern, zu denen deutsche Maler aus ihrer in Kleinstaaten zerklüfteten Heimat auf brachen, um ihr malerisches Repertoire exotisch zu erfrischen - Italien, Skandinavien, Russland, die Alpenländer, Spanien und Böhmen. Andere Abteilungen reflektieren Themen der Aufklärung am Beispiel der Antike oder formale Anregungen aus dem Ausland:

Mal eiferte die deutsche Tischbein-Familie der Porträtkunst des Briten Gainsborough nach, mal befolgten Maler wie Julius Friedrich Anton Schrader Impulse, die von belgi schen Historienschinken ausgingen. Hier liegt die Annahme zugrunde, dass auch so der Europagedanke, gewissermaßen vor der Zeit, vorangetrieben wurde. Die Theorie ist leicht zugänglich, da jedes Bild kompetent und viersprachig kommentiert ist.

Das Glück der Besucher dieser Schau beruht aber in erster Linie auf dem hohen künstlerischen Niveau der Auswahl und den von Maaz gesetzten Akzenten: Mit opulenten Werkgruppen von Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich, Max Liebermann, Adolph Menzel sowie den ungemein belebenden Konzeptbildern der Nazarener wird zwar nicht unbedingt - wie ein Katalogtext der Brüsseler Gastgeber schmeichelt - "die wegbereitende Rolle deutscher Kunst" jener Epoche manifestiert. "Wegbereitend" gemalt wurde damals schließlich auch anderswo. Aber die Deutschen, soviel ist richtig, hielten dabei wacker mit.

Termin: bis 20. Mai. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro. Internet: www.bozar.be