Ausgabe: 05 / 2007
Seite: 8-9

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Majestätisch erhebt sich Gregor Schneiders Cube Hamburg vor der Kunsthalle in den Frühlingshimmel. Er ist Teil der Ausstellung "Das schwarze Quadrat. Hommage an Malewitsch" - und ein ungewohnter Konkurrent für die BMX-Biker, die hier täglich ihre Pirouetten proben. "Wir lassen uns nicht vertreiben", sagen sie.

Alles halb so wild: Erstens will das niemand, zweitens geht es Schneider mit dem Würfel um Toleranz, und drittens gehört der Platz ab 11. Juni eh wieder ihnen.

Während der 2. Moskau-Biennale (siehe S. 91) wurde eine Ruhmeshalle der besonderen Art eröffnet: In Marat Guelmans neuer Galerie in einer ehemaligen Weinfabrik dienten Köpfe großer Denker als Halter für Basektballkörbe - eine Arbeit von Ilja Chichkan und Blue Noses.

Von links: Philosoph Jean Baudrillard, Psychoanalytiker Sigmund Freud, Mathematikgenie Grigori Perelman und Physiker Albert Einstein

EINE ZAHL 1.000.000.000 Euro ist den Öl-Scheichs von Abu Dhabi der Name - und die Marke - "Louvre" wert. Für diese sagenhaft hohe Summe dürfen sie ihr geplantes Universalmuseum auf der Freizeit- und Kultur-Insel Saadiyat "Louvre Abu Dhabi" taufen. Jedoch nur für 30 Jahre - danach muss das Museum vor der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate umbenannt werden.

Als Gegenleistung erhalten die von dem Geld errichteten neuen Säle im Louvre in Paris den Namen des gestorbenen Emirs von Abu Dhabi: Zayed Bin Sultan Al Nayan. Dies allerdings für immer.

"Meine Figuren sind Menschen, die so sein könnten, wenn sie nicht die sein würden, die sie schon sind." Aha. Das sagt Boo Ritson, 38, über ihre Arbeit. Die britische Künstlerin malt Menschen an, folgt mit dem Pinsel den Konturen, hebt markante Stellen her vor und fo togra fiert das Resultat. Sie studierte Bildhauerei in London, kann sich aber auf kein Medium festlegen. Ihre Kunst be wegt sich zwischen Fo tografie, Skulptur, Performance und Malerei und fragt nach der erträumten Person hinter der dünnen Schicht aus Farbe.

Leere Konzertsäle, vollgemüllte Hallen, scheinbar überstürzt verlassene Büros - diese surrealen Raumansichten präsentieren sich dem zufälligen Besucher auf dem Gelände der Roten Burg.

Das Backsteingebäude aus den fünfziger Jahren in Ost-Berlin beherbergte einst die Rundfunkanstalt der DDR. Auf dem 13,2 Hektar großen Areal entstand zudem durch Tankstellen, Restaurants und einen Busbahnhof ein regelrechter Mikrokosmos. Seit der Wende herrscht Funkstille, das Gelände in Köpenick verfällt, auch wenn einige Räume noch genutzt werden. Die Fotografen Andreas Göx und Hannes Wanderer zeigen in ihrem soeben erschienenen Bildband "Die Rote Burg" (Peperoni Books) das Nebeneinander von Glanz und Verfall vergangener Systeme und den Umgang mit ihren architektonischen Hinterlassenschaften.

NICOLAES BERCHEM LIEBTE DAS LICHT ITALIENS .

WETTEREXPERTE DIETER WALCH WEISS , WARUM Was ist besonders am Licht des Südens?

Die Lichtverhältnisse im Süden sind einfach anders. Hochdruckgebiete bestimmen im Sommer das Wettergeschehen am Mittelmeer.

Und dabei ändern sich die Farben?

Ja! Warme Luft kann mehr Wasserdampf binden als kalte, und diese Moleküle brechen die Sonnenstrahlen. So wirkt das Licht im Süden diffuser. Zudem sinkt die Luft aus großer Höhe ab und hält den Dreck in der Nähe des Bodens. Im Sommer wird auch viel Staub aufgewirbelt, der bricht den gelben Anteil des weißen Lichtes. Deshalb erscheint die Landschaft in diesen berühmten Ockertönen.

Ist das Licht des Nordens kälter?

Im Norden halten sich die Hochs nicht so lange, die Luft ist kälter, trockener und deshalb klarer. Es überwiegen die kalten Blautöne.

Aber der Niederländer Berchem war niemals in Italien...

Sicher hat er Bilder gesehen. Vielleicht liebte er auch italienischen Rotwein und träumte vom warmen Klima, wenn in seiner Heimat der Sturm über das Land brauste und der Regen peitschte...

Das Kunsthaus Zürich zeigt bis 19. August "Nicolaes Berchem. Im Licht Italiens"

EINE LISTE Adel im Kunstbusiness 1. Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, Fotografin 2. Prinzessin Ingeborg zu Schleswig-Holstein, Malerin 3. Prinzessin Wijdan Ali, Jordanien, Malerin 4. Francesca von Habsburg, Österreich, Kunstsammlerin 5. Diane Herzogin von Württemberg, Bildhauerin 6. Marella Agnelli Caracciolo di Castagneto, Italien, Fotografin 7. Astrid Prinzessin zu Stolberg-Wernigerode, Mallorca, Malerin, Raumgestalterin 8. Prinz Charles, Großbritannien, Maler 9. Hubertus von Hohenlohe, Fotograf 10. Christiane Gräfin zu Rantzau, Christie's Hamburg 11. Katharina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, Sotheby's Hamburg

MINI-ESSAY Ach, waren das Zeiten: die siebziger Jahre, als Künstler sich noch wie Sprengsätze fühlen durften, die keiner entschärfen konnte. Speziell der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck traute der Kunst enorme subversive Energie zu: Was andere "totschweigen" wollen, das decke sie auf - schon wackeln die Wände, und die Fassade einer ungerechten Gesellschaft stürzt ein.

Nun stellte der mexikanische Museumsdirektor Guillermo Santamarina die Sprengkraft der Kunst auf buchstäbliche Art unter Beweis.

Für eine Klangkunst-Arbeit ließ er im Museum "El Eco" von Mexiko-Stadt 25 Kilo Zement mit Dynamit in die Luft jagen. Offenbar nicht fachgerecht - in der Umgebung gingen etliche Scheiben zu Bruch, Anwohner erstatteten An zeige. Klaus Staeck hingegen müsste sich freuen: Endlich wieder Kunst, die uns aufrüttelt (es bebte), unsere Sehgewohnheiten hinterfragt (keine Fenster mehr), unbequeme Fragen stellt (Bist Du eigentlich versichert?).

Muss sich Kunst, die etwas bewirken will, jetzt auf ganz harte Action verlegen? Falls ja, fänden wir das erschütternd.

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (1)

Muse, die: f., [gr.], weltentrücktes, zumeist weibliches Wesen zwischen 16 und 60 von fesselnder Schönheit und nicht zu verachtendem Geist, in dessen Gegenwart Männer in Trance und Akkordarbeit auf schöpferischem Höchstniveau verfallen (? Schaffenskraft).

Die Künstler-M.-Verbindung ist im westl. Kulturkreis sagenumwoben und erotisch aufgeladen, da in fortgeschrittenem Stadium der sprichwörtl.

"Musenkuss" von den Beteiligten gern in die Tat umgesetzt wird.

Dies führt wahlweise zu kreativem Höhepunkt oder emotionalem Untergang des jeweiligen Künstlers (?

Wahn). Derbste und erfolgreichste M. aller Zeiten: Alma Mahler-Klimt-Kokoschka- Gropius-Werfel.

Ein Kloster ist eigentlich kein Ort der Avantgarde. Doch in den sechziger Jahren vollbrachte die kalifornische Nonne Schwester Mary Corita Kent (1918 bis 1986) das Wunder: Sie machte Siebdrucke aus Fragmenten von Werbeslogans, Songtexten und Bibelauszügen in leuchtenden Farben und gab ihnen Namen wie "Somebody had to break the rules" (1967). Ein Teil der katholischen Kirche kritisierte sie allerdings so heftig, dass sie 1968 das Kloster und ihren Lehrstuhl für Kunst am "Immaculate Heart of Mary"-Konvent in Los Angeles verließ. Doch nun wird sie endlich selig gesprochen:

Im Verlag Four Corners erscheint "Come Alive!

The Spirited Art of Sister Corita".

Und das Kölner Museum Ludwig zeigt vom 9. Juni bis 2. September ihre erste Einzelausstellung.

Echte Menschen unter Farbe: Arbeiten von Boo Ritson (2006/2007)

Der einstige Glanz eines untergegangenen Systems: der großzügige

Oben: Noch möblierte Räume sehen aus wie fluchtartig verlassen Unten: schwungvolle DDR-Ästhetik der Pro-Plattenbau-Ära

Konzertsaal mit Orgel im DDR-Rundfunkhaus "Rote Burg"

Verfallene Turnhalle, in der sich einst Redakteure ertüchtigten

Made in Holland: italienische "Landschaft mit Ruine" (1653)