Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 138
NACHGEFRAGT
Von
Jan Dequeker, 72, Rheuma-Experte aus Belgien, hat 30 Jahre lang auf Gemälden Krankheitssymptome gesucht. Seine Diagnosen publizierte er nun in einem Buch. Wieso begannen Sie Kunst mit den Augen eines Arztes zu betrachten?
Ein Kollege hatte Rheuma als moderne Zivilisationskrankheit bezeichnet, die es vor 1800 nicht gegeben habe. Auch in der Kunst, so behauptete er, seien nirgendwo Symptome der Krankheit abgebildet worden.
Da begann ich, genauer hinzugucken.
Und?
Auf einem Werk von Jacob Jordaens fand ich ein Dienstmädchen mit missgebildeten Fingern, das eindeutig rheumatische Arthritis gehabt haben muss. Ich machte so viele Entdeckungen, dass ich beschloss, nach mehr Krankheiten zu suchen.
Was haben Sie alles entdeckt?
Dass Rembrandts Geliebte Hendrickje Stoffels nicht an Tuberkulose gestorben ist, sondern an Brustkrebs. Darauf verweisen Verformungen ihrer linken Brust auf dem Bild "Bathseba mit dem Brief des Königs David", für das sie Modell stand. Und die "Krüppel" von Hieronymus Bosch gehen auf eine Getreide-Schimmelvergiftung zurück, eine Epidemie, die viele Arme traf: Sie mussten sich Glieder amputieren lassen.
Können sie Kunst noch genießen?
Ich versuche es, aber meist gewinnt mein medizinisches Interesse Oberhand.
Literatur "De kunstenaar en de dokter", Uitgeverij Davidsfonds Leuven, 70 Euro
