Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 137
Meese - ein Sommermärchen
Von Ralf Schlter
Ein üppiger Band dokumentiert die Jonathan-Meese- Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen BUCH DES MONATS
Es war im denkwürdigen Sommer 2006: Ein sonnentrunkener Fußballtraum hatte die Deutschen erfasst, und auch der deutscheste unter den jungen Künstlerstars war ausgesprochen gut drauf. Das Fußballfieber ließ Jonathan Meese allerdings kalt, er zelebrierte in den Hamburger Deichtorhallen sein ganz eigenes Fest. Eine schwarze Messe in Pappkulissen, eine große Kunstkirmes mit Wagnermusik, eine Geisterbahn für Menschen mit Abitur - Meese wollte mehr bieten als eine Retrospektive, und er hat dafür alles gegeben. Dass am Ende die Musealisierung dieser Chaoskunst nicht gut tat, dass in der riesigen Halle auch Großinstallationen auf menschliches Maß schrumpften - Schwamm drüber! Für Meese war es ein Triumph, und davon erzählt dieses opulente, unterhaltsame, befremdliche Buch.
Eine meesetypische Bilderflut erwartet den Betrachter, wir sehen Bilder der Hamburger Schau, Fotos der dort inszenierten Performances und Aufführungen, auch Schnappschüsse aus der heimischen Küche - Meeses Mutter spült, Jonathan trocknet ab. Das Ganze wirkt wie ein privates Fotoalbum, das versehentlich in die Hände eines Kunstbuchverlegers geraten ist. Es war der Sommer der Offenbarung, Meese wurde in allen großen Medien porträtiert, am Ende wusste auch der "Zeit"-Leser, welchen Aufschnitt seine Mutter für ihn einkauft.
Selten hat ein Künstler sich so entblößt, und es wäre zu billig, ihm bloß übertriebene Eitelkeit oder Narzissmus nachzusagen.
In seinen oft wiederholten Beteuerungen, es gehe nur um die Kunst und diese sei die allein richtende Instanz, drückt sich Jonathan Meeses Hoffnung aus, dass alles, auch das banale Teller abtrocknen und Wurstessen, von der Kunst erhoben und gerechtfertigt wird. Wer dieses Katalogbuch durchblättert, ahnt, dass dies ein Holzweg sein kann, und dass man der Kunst nicht zu viel zumuten sollte.
RALF SCHLÜTER
