Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 88-90

Liebäugeln mit dem Kommerz

Von Hans Pietsch

Eine Ausstellung im Victoria & Albert Museum untersucht Wechselwirkungen LONDON: SURREALE DINGE - SURREALISMUS UND DESIGN

Wer kennt nicht die halb geöffneten Lippen der Hollywood- Diva Mae West, überdimensioniert zu einem Sofa aus rotem Satin auf geblasen, auf dem sich der Surrealisten- Poet, Sammler, Architekt und Bohemien Edward James in seinem mexikanischen Landhaus räkelte? Oder Salvador Dalís "Hummertelefon" (1938), das er im selben Jahr wie das berühmte Sofa für den Engländer konstruiert hatte? Ein Jahr später entwarf Meret Oppenheim ihren "Tisch mit Vogelbeinen", nachdem sie wenige Jahre zuvor einen Armreif und eine Teetasse mit Pelz überzogen hatte.

Diese ikonenhaften und für die Entwicklung des Surrealismus so wichtigen Objekte stehen im Mittelpunkt der ersten großen Schau, die den Ausflügen der Surrealisten in die Welt des Designs und ihrem Einfluss auf Architektur, Mode, Werbung und Möbeldesign gewidmet ist.

Nahezu 300 Exponate sind im Londoner Victoria and Albert Museum zu sehen, die, so erläutert Kuratorin Ghislaine Wood, "mit einer neuen visuellen Sprache der Moderne ein allgemeines Publikum erreichten und auch heute noch Einfluss ausüben".

In sechs thematisch gegliederten Abteilungen wie "Verfremdete Natur" und "Ausstellung des Körpers" zeichnet die Ausstellung diese Vermählung von Kunst und Design nach. Obwohl viele der Objekte erst nach dem Ende der offiziellen Auflösung der Surrealisten als Gruppe entstanden, war die Verschmelzung von surrealer Kunst und Design nach Ansicht der Kuratorin "in der Bewegung im Kern schon angelegt". Die Hinwendung von Bild und Text zum Objekt ist für sie der Beginn der Kommerzialisierung des Surrealismus, und sie hält es nicht für einen Zufall, dass es Dalí war, der sich als erster von der politischen Ideologie abwandte.

1940 nannte er sein Verlangen, Objekte zu schaffen, "die Möglichkeit, das Fantastische wirklich zu machen, das dann wirklicher als die Wirklichkeit ist".

Das Liebäugeln einiger Mitglieder des inneren Kreises der Surrealisten mit dem Kommerz war in der Gruppe allerdings von Anfang an umstritten. Schon 1926 kanzelte Ziehvater André Breton zwei seiner Freunde, Max Ernst und Giorgio de Chirico, dafür ab, dass sie für eine Produktion von Sergej Diaghilews "Ballets Russes" Bühnenprospekte malten.

Eine von ihm angeheuerte Gruppe störte die Premiere mit Trillerpfeifen und verteilte Flugblätter, auf denen er den beiden "Ausverkauf an den Mammon" vorwarf.

Doch trotz seiner Rhetorik beteiligte sich auch der Gralshüter selbst an einer Reihe von kommerziellen Projekten wie der Anfertigung von Wandbehängen für die Firma Aubusson.

Auch die Mode kommt in der Schau nicht zu kurz. Modezeitschriften wie "Harper's Bazaar" fotografierten ihre Models vor dem Hintergund von Gemälden von Max Ernst, und die Pariser Modeschöpferin Elsa Schiaparelli ließ sich für ihre dramatischen Entwürfe, wie ein weißes Abendkleid mit Dalí-Motiven, von der surrealistischen Ästhetik anregen.

Der Witz ihrer Kleider entspricht ganz dem surrealistischen Geist. Die italienische Malerin Leonor Fini entwarf für sie die berühmte Parfümflasche mit der Wespentaille, und legendär sind auch die Schaufensterdekorationen ihrer Boutique am Place Vendôme. Termin: 29. März bis 22. Juli. Katalog: 40 Pfund.

Internet: www.vam.ac.uk