Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 92
Einzige Frau unter lauter Dandys
Von Kito Nedo
Die Berlinische Galerie zeigt eine Werkschau der deutschen Dadaistin BERLIN: HANNAH HÖCH. ALLER ANFANG IST DADA!
Große Anhänger der Malerei waren die Berliner Dadaisten nicht. Warum sollte man die Dinge malen, wenn man sie doch aus Zeitungen und Magazinen ganz einfach ausschneiden oder sie bei passender Größe zu eigenständigen Bildern zusammenkleben könne, wie es der Publizist Wieland Herzfelde anlässlich der "Ersten Internationalen Dada-Messe" in Berlin 1920 postuliert hatte. Antikunst war das Ziel, doch schon damals konnten die selbst ernannten Schockkünstler nur die ganz Unwissenden schockieren: "Dada - naja" resümierte etwa der Schriftsteller Kurt Tucholsky lakonisch nach Besichtigung der Ausstellung.
Dennoch gelten die Dadaisten heute als die Prototypen des modernen Künstlers, aus deren Werken noch immer Funken geschlagen werden können - man betrachte nur die Werke von Hannah Höch (1889 bis 1978). Höch war die einzige Frau, die damals zum Berliner Dandy- Kreis um Herzfelde, Raoul Hausmann, Johannes Baader, George Grosz, Hans Richter und John Heartfield zählte. Ihre 1919/20 entstandene Montage "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands" ist ein Meilenstein der Avantgarde und half, die Fotomontage als eigenständige zeitgenössische Kunstform durchzusetzen. Auf dem Küchenmesserbild, das heute zur Sammlung der Berliner Nationalgalerie gehört, hat Höch sie alle zu einem wilden Kosmos der Weimarer Republik zusammengebracht: Dadafreunde wie Karl Marx und Albert Einstein, Dadafeinde wie Kaiser Wilhelm II. oder die Reichswehr, Da daparolen, Räder und Kugellager und die Stars und Sternchen aus dem gerade erwachten Showbusiness der Weimarer Zeit.
Mit der großen Höch-Retrospektive "Aller Anfang ist Dada!" gibt die Berlinische Galerie in Berlin-Kreuzberg nun Gelegenheit, tief in den zerstückelten Bilderkosmos der Künstlerin einzutauchen.
Die mit rund 160 Exponaten reich ausgestattete Ausstellung, die zum großen Teil aus den eigenen Beständen schöpft, ist die erste große Einzelschau zu Leben und Werk der Künstlerin in ihrer Heimatstadt Berlin seit 1989. Neben Höchs berühmten Dada-Montagen werden aber auch Malereien, Zeichnungen und Objekte aus späteren Schaffensperioden präsentiert, die über das erneut erwachte Interesse an Dada hinaus der Wiederentdeckung würdig sind. Termin: 6. April bis 2. Juni 2007. Gefördert vom Förderverein der Berlinischen Galerie.
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro.
Internet: www.berlinischegalerie.de
