Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 78-87

Die Vermessung der Lust

Von Hans-joachim Mller

Don Giovanni zählt seine Liebschaften, Casanova berichtet in zwölf Bänden - Sex wurde zum Forschungsgegenstand. Teil 3 der art-Serie: Hinterm Vorhang - Galanterie und Erotik

Großzügig betrachtet, hat der Mensch nie etwas anderes getan, als sich Lust zu verschaffen. Und wenn es seinem Tun mitunter auch am rechten Lustmotiv gebricht, dann bleibt er doch die lustbegabte Gattung. Denn das unterscheidet ihn vom Ringelwurm aus der Ordnung der Wenigborster. Mag also jemand einwenden, dass das Leben aufs Ganze gesehen so lustig nicht sei, dann widerlegt das nicht wirklich das anthropologische Lustziel. Bei allen schönen Fortschritten in der Entwicklungsgeschichte des Geistes geht es doch immer nur um das eine: Er und sie, sie wollen ihren Spaß haben.

Weshalb es auch gänzlich verfehlt wäre, wenn wir dem 18. Jahrhundert eine besondere Lustzuständigkeit zuerkennen würden, einen Lustsinn, der zuvor noch nicht recht ausgebildet und später wieder verkümmert wäre.

So war es natürlich nicht. Es war, wie es immer war und immer ist. Und nie ging irgendetwas vorwärts. "Vorwärts"! rief die Nichte; "mir ist es recht." "Mir auch!", sagte Helene. "Also setzen Sie sich, meine Damen." Erotische Literatur des 18. Jahrhunderts.

Also setzen Sie sich, meine Damen.

Und wenn der Damenkenner auch Giacomo Girolamo Casanova heißt, dann gehört es noch allemal zu den strengen literarischen Bußübungen, am zwölfbändigen Bericht eines erotisch gesättigten Lebens teilzuhaben.

Das war ja vielleicht doch neu, diese penible Buchführung mit ein, zwei Stellen hinter dem Komma. Wenn wir von der beständigen Geschlechtsbefähigung der Aufrechtgeher ausgehen, dann erscheint ihr buchhalterisches Interesse an der Lust fürwahr ohne Vorbild. Tatsächlich hat keine Epoche zuvor so lange Listen angelegt, so unverfroren ihre Beichtgeheimnisse ausgeplaudert und die Register so munter besungen. 640 in Italien, 231 in Deutschland, 100 in Frankreich, 91 in der Türkei, aber in Spanien - ma in Ispagna son già mille e tre. Es kommt eben doch etwas zusammen, wenn der Diener seinem Herrn beim amourösen Sammelwerk behilflich ist. Natürlich kann man sagen, dass dieser Leporello ein zwielichtiger Geselle gewesen sein muss und sein Herr Giovanni auch nicht gerade eine Leuchte an Takt und Bonhomie. Und wer so wildernd durch Europa zieht, ist vermutlich gar nicht das maskuline Raubtier, das er in seinen Tagesrapporten preist. Wenigstens hat er nichts bereut. Das spricht sehr für ihn. Und das pralle Sexualkataster sollte man auch nicht unterschätzen.

Nicht, weil es so prall geraten, sondern weil es so gewissenhaft geführt ist.

Das Jahrhundert hat die systematische Aufzeichnung erfunden. Alles wurde jetzt in Tabellen eingetragen.

Die Geschlechtsteile schwedischer Flora und die Bettenerfolge spanischer Frauenbezwingungskunst. Tabellen haben die Eigenart, nie enden zu können.

Noch heute klickt man auf ein Excel-Blatt, und der Liniensegen quillt aus dem Computer, als sei der Weltvorrat an Zellen und Zeilen in ihm gespeichert.

Tabellenlektüre ist schwierige, selten erfreuliche Lektüre.

Zwölf Bände Casanova, das führt auch den willigsten Tabellenfreund an die Grenze seines Fassungsvermögens. Und zehn Bände La Nouvelle Justine nebst Histoire de Juliette, sa soeur, die schafft nur, wer dem armen Donatien Alphonse Marquis de Sade eine Art Leseopfer an sein verpfuschtes Leben bringen möchte.

Wobei das Peinigende nicht einmal ist, wie der Roman einen in die lichtlosen Abgründe der Fantasie zwingt, wie unmoralisch er die Tugendabsicht scheitern lässt, alle Hoffnungen auf gut menschliche Restbestände zerstört, sondern, dass es gar kein Roman ist.

Peinigend ist diese schrecklich lange Excel-Liste des Schreckens, die monströse Aufzeichnung und Auszeichnung der Amoral, dieser litaneihafte Entwurf von Gewaltverhältnissen, in denen die Körper gerade nicht als entfesselte, nicht als selbstbestimmte leben, leiden, Lust empfinden.

Sagen wir es so: Wir halten uns auf mitten im Lust forschenden Jahrhundert.

Und Forschung ist nicht immer unterhaltsam. Man sollte also von der Ars Erotica, von den galanten Illustrationen, Liebhaberdrucken im Schmuckschuber, von den anzüglichen Bildbestellungen in ehrenwerten Malerateliers, vom pornografischen Markt, der trotz Zensur und Verbot prächtig funktionierte, nicht gleich auf unvordenkliche Freizügigkeit und paradiesische Emanzipation der Geschlechter schließen. Libertinage im 18. Jahrhundert war nicht die Wiederaufführung des spät römischen Klischees. Der Libertin ist einer, der es genau wissen will, was es mit der Lust auf sich hat.

Zumindest lässt sich von ihr reden, trefflich von ihr handeln. Und was das Jahrhundert eigentlich entdeckt hat, ist nicht die Lust, die immer schon entdeckt ist. Entdeckt hat es die Selbstbeobachtung, die Selbstbeschreibung bei der Lust. Die Lust am selbstreflexiven Umgang mit der Lust. Immer geht es um Schauen, Anschauen, Zuschauen, Draufschauen, Drunterschauen, Reinschauen.

Nie zuvor hat das begehrende Auge seine voyeuristische Leistung so präzise vermessen. Und was das begehrende Auge immer nur geahnt hat, ist ihm angesichts seiner voyeuristischen Leistung vollends bewusst geworden, dass es ja vielleicht doch zu den primären Geschlechtsteilen zählt.

Schauen und Reden übers Schauen.

Man könnte auch sagen: Schau- Experimente am Körper. Wie bei Candide, diesem wunderbar unbelehrbaren Helden des Voltaire, dem wir zuschauen müssen, was der Candide-Körper alles aushält, bis der Bildungsirrweg endlich zu Ende ist und der Unbildbare sein Fräulein Kunigunde in den Armen halten und doch nicht vom dummen Philosophengeschwätz lassen kann, dass alles wohl geordnet und dies die beste aller Welten sei. Was nicht so lustig, was ziemlich traurig ist.

Das Beste an dieser Welt ist eben doch die Lust an der Trauer über die Lust.

ZWEI HERREN, EINE DAME, EIN TAG ZUM SPIELEN und nur ein paar Schritte vom Lustschloss hierher unter die alten Bäume im Park, wo das Spielgerät hängt, TÜV-geprüft und zugelassen für den kleingeselligen Zeitvertreib.

Im Spiel, sagt man, übe das Kind den Ernstfall ein. Im Spiel entdeckt das erwachsene Bewusstsein die kindlichen Anteile des Ernstfalls. Spiel ist geregelte Regression. Regression heißt, den Körper ein paar Winkelgrade nach hinten biegen - wie der Galant, der es sich im Unterholz gemütlich gemacht hat. Auf die Fall- und Bewegungsgesetze ist Verlass, auf den männlichen Mitspieler am Schaukelzügel auch. Man braucht also nur ein paar Zweige weg zu biegen, um am Scheitelpunkt der Amplitude die schönste Aussicht zu haben. Zumal die Dessous-Forschung weiß, dass Unterwäsche im 18. Jahrhundert noch nicht die Regel war. Es gehört zur Raffinesse des Bildes, dass es so tut, als ginge es um harmloses Vergnügen und delikate Überraschung. In Wahrheit ist alles Routine.

Nur der Seidenschuh, der sich vom Fuß der Schauklerin löst, könnte nach Berechnung der ballistischen Kurve den Spielfortgang noch beeinflussen.

BÄUCHLINGS IST NEU.

"Unschuldiger Blick", "soeben fraulich erblüht", "rosige Nacktheit". Es ist wirklich rosig, was die amtliche Bildbeschreibung alles indiziert hat.

Dabei hatten wir das alles schon. Bäuchlings hatten wir noch nicht.

Kaum eine der Nacktdarstellerinnen in 2000 Jahren Bildgeschichte, die sich so aufs Sofa gelegt hätte wie Louise O'Murphy.

So anzüglich, so rosig die Keuschheitsregel verletzend, an die sich noch jede offizielle Inszenierung der Nacktheit gehalten hat. Die junge Frau möchte es soweit bringen wie die Pompadour.

Dass ihr Körper ihr entscheidendes Kapital ist, weiß sie so gut wie ihr Maler. Die beiden sind Komplizen. Und bäuchlings haben sie Erfolg.

Als Ludwig XV. die Bildempfehlung zu Gesicht bekommen hat, soll er entzückt gewesen sein, wie die Hofnachrichten meldeten. Er nahm sich seine neue Mätresse und merkte gar nicht, wie sie ihn nahm, wie sie sich bäuchlings, also höchst eigensinnig an der Blickregie beteiligt, die das alte Stück vom Anschauen und Hinschauen neu aufführt.

MAN KANN DER GESTEIGERTEN LUST eine apparative Raffinesse nicht absprechen. Bewegt man Glied und Glieder an einer Stelle, gerät die ganze Leibermechanik in Bewegung.

Jedenfalls denkt man bei solchen Kopulationsmolekülen nicht unbedingt an den befreiten Körper und die entgrenzte Fantasie. Was die Sade-Lektüre so bedrängend macht, ist nicht nur die völlige Abstinenz des augenzwinkernd Lasterhaften, Unsittlichen, nicht nur das Fehlen niedlicher Stimulanzien wie Venus und Amor, die Abwesenheit des zeichenhaften Begleitschutzes, wie er zum erotischen Tableau gehört.

Finsterer noch sind die Bilder des versklavten Körpers, seiner rigiden Anpassung an die Bedingungen sexueller Abhängigkeit.

Man hat den minuziösen Bericht, den der Marquis de Sade von den Schwestern Justine und Juliette gegeben hat, sogleich verboten und verbrannt - umsonst. Die Gescheiteren des Jahrhunderts haben doch schon gewusst, dass Aufklärung keinen Glücksweg weist und an den schwarzen Imaginationen unerträglich nur ist, was sie an unerträglicher Menschenrealität abbilden.

DIE BAUAUFGABE IST GÄNZLICH AUS DER MODE GEKOMMEN.

Man lässt sich heute eine Stadtvilla errichten, ein Loft entkernen oder plant ein Privatmuseum.

Und keiner bestellt mehr ein Lustschloss beim Architekten.

Das mag am entwickelten Lustverständnis liegen, wohl aber auch daran, dass Elbe aufwärts und Elbe abwärts längst alles bebaut, belegt, geschützt und niemand mehr so stark wie weiland August der Starke ist, dass er einfach sagen könnte, Pöppelmann, hier ist gut sein, hier wird geklotzt. Damals verbrachte die Gräfin von Cosel heitere Tage im Schloss, strich dem Monarchen die Sorgenstirn glatt, bis es zur Trennung von Tisch und Bett kam. Und wie immer in Lebenskrisen begegnete August, der geborene Absolutist, jedem Anflug von Schwermut mit umfangreichen Gestaltungsideen. 1723 war der wasserseitige Trakt vollendet - mit sphinxgesäumter Landebucht für des Herrschers Gondel, wenig später das so genannte Bergpalais. Matthäus Daniel Pöppelmann sorgte für die Einhaltung der barocken Regel.

Zacharias Longuelune gab seinen frühklassizistischen Kommentar dazu. Nun wissen wir immer noch nicht, welchen bevorzugten Lustbarkeiten die Nobeleinrichtung Lustschloss einmal diente. Heute kommt man mit den Kindern vorbei und schaut, wie groß die Kamelie geworden ist, die sie damals in Japan bestellt haben. Und vielleicht war ja überhaupt die größte Lust aller Lüste, einfach sagen zu können, Pöppelmann, hier ist gut sein, hier wird geklotzt.

KÖNNTE MAN SAGEN, WIE HOCH DIE SONNE STEHT, ob es Morgen ist oder bald Abend? Niemand schaut hier auf die Uhr. Ist das Schiff schon da? Ist es unser Schiff? Wer will das alles wissen, wo doch nur die Liebe zählt. Heitere Gelassenheit.

Reisevorbereitungen ohne Stress.

Was braucht man viel Gepäck, wenn man sich selber hat. Venus, die steinerne unter dem Baum, nimmt Amor die Pfeile aus den Spielhändchen.

Die Arbeit ist getan. Dort im Dunst, auf der Insel mit dem lockenden Namen Kythera, wird sie den Liebenden die Kleider abnehmen. Nun wäre der Aufbruch der Liebespilger aber missverstanden, wenn man die Liebe erst drüben beginnen, erst drüben sich erfüllen lassen würde. Kythera ist nicht die Glücksheimat, nach der sich alle sehnen und die doch keiner je erreicht hat. Kythera ist nur ein anderer Glückszustand, einer, für den die Worte und die Bilder nicht mehr zuständig sind. Kythera ist nicht später, Kythera ist drüben.

Drüben, wohin die gierigen Blicke nicht reichen, wo die Augen nichts finden, weil die Körper sich gefunden haben. Das ist die eigentliche Botschaft des wunderbar diskreten Bildes. Liebe ist, was keine Zukunft kennt und keine Vergangenheit braucht. Liebe ist ewige Wiederholung - wie die Rocaille, das Ornament der Epoche, ewige Wiederholung ist. Wie die Liebe ist auch das Jahrhundert ganz mit sich beschäftigt. Erst viel später wird man von Reiseverbindungen nach Kythera träumen, die es früher einmal gegeben haben soll und die das entschlossene Menschengeschlecht irgendwann wieder einrichten wird.

HARTNÄCKIG HÄLT SICH DAS GERÜCHT, man habe Gold gesucht und Porzellan gefunden. Jedenfalls wusste man jetzt, wie man aus Kaolin, Feldspat und Quarz eine feinkeramische Masse brennt. Aber es bedurfte dann doch wieder der begabten Hände des Kunsthandwerkers, um aus der chemischen Verbindung ästhetisches Wohlgefallen zu gewinnen. Immer hat man die Geschichte der Alchemie nur aus dem Blickwinkel von Teufelspakt und Geheimwissen erzählt und dabei übersehen, dass die Wundererwartung nichts anderes ist als das uralte Motiv der Kunst. Und so waren denn, kaum dass sie damit begonnen hatten, Tonerde zu schlämmen und kristallisiertes Siliciumdioxid zu zerstoßen, auch schon die Künstler zu Stelle. Franz Anton Bustelli zum Beispiel. Viel weiß man nicht über ihn. Vielleicht stammte er aus Locarno.

Irgendwann kam er über die Alpen nach München, wo Kurfürst Max III. Joseph die 1747 gegründete Porzellan-Manufaktur Nymphenburg mit Aufträgen für die höfische Tafeldekoration versorgte.

Besonders Bustelli tat sich mit seinen klein plastischen Liebesabenteuern hervor. Und wenn man auch heute die Sensation nicht mehr ganz versteht, die Schäfer, Schäferin und mythische Ziege Amaltheia auslösten, dann muss man eben wissen, dass bis dato die Konditoren für den herrschaftlichen Tischschmuck zuständig waren und die Ziege Amaltheia ohne Verfallsdatum schon einen Fortschritt bedeutete.

DAS JAHRHUNDERT IST WEIT FORTGESCHRITTEN, hat einige Falten bekommen, und die Haare unter den Perücken sind aschgrau geworden. Überhaupt, wer trägt jetzt noch Perücken? Wem die Guillotine den Kopf gelassen, der hat den kostbaren Schädel von den alten Staubfängern befreit.

Gehören die Beiden noch zum Personal des 18. Jahrhunderts?

Luise und Friederike von Preußen, Schwestern aus dem Hause Mecklenburg, Schwiegertöchter des Königs. Lässig lehnt die Ältere an der Jüngeren, legt den Arm um ihre Schultern, Hand auf Hand, stilles, glückliches Einvernehmen, ein Bund, der auch dann nicht unwahr geworden ist, wenn das Leben ihn längst zerrissen haben wird. So ist sie eben, die 89er-Generation des 18. Jahrhunderts. Ein wenig schwärmerisch ist sie geworden, altklug lächelnd über die Maskenspiele der Vernunft, die ihre Väter, die "68er" einmal veranstaltet haben. Geschlossen das Theater der Empfindungen, kein Interesse mehr an den Ausstellungen der Lust, an den öffentlichen und privaten Darstellungsformen der sich frei denkenden Seele. Was ist geschehen? Verändert haben sich die Gefühle.

Bürgerlicher sind sie geworden.

Und mit den Gefühlen haben sich auch die Körper verändert, äußern ihre Gefühle nicht mehr bloß in den Gebärden des Schicklichen und Unschicklichen, sind an ihren Gefühlen nun ganz beteiligt - von den sanft gekämmten Haaren bis zum Knie unter dem antikischen Kleid, das sich so fein am Schwesterndoppelkörper entlang fältet.

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LU S T U N D D R A M A D E S 1 8 . JAHRHUNDERT S Folge 1: Auf der Bühne - Die höfische Inszenierung der Macht Folge 2: Mehr Licht - Der Siegeszug der Aufklärung Folge 3: Hinterm Vorhang - Galanterie und Erotik Folge 4: Ins Dunkle - Die Dämonen der Vernunft

Kasten:

D I E C H R O N I S T E N D E R B E G I E R D E François Boucher (1703 bis 1770). 1765 hatte er es endlich geschafft.

"Erster Maler des Königs". Und der König ließ sich auch von den abfälligen Urteilen nicht beeindrucken, zu denen die Salonkritiker mehr und mehr Anlass sahen. Was sind schon Kritiker, wenn Marquise de Pompadour geruht, dem Maler des allergnädigsten Monarchen Modell zu sitzen? Am Fall Boucher ist vor allem interessant, wie weit es die Kunst bringt, wenn sie nahe bei der Macht bleibt. Boucher konnte alles, Landschaft, Figur, Szene, verfügte über die malerischen Mittel so souverän wie über die zeichnerischen, beherrschte die monumentale Dekoration gerade- so elegant wie die intime Grafik - und spielte doch in jedem Fach, in jeder Technik nichts anderes als großes Theater. Das Atelier hatte er im Louvre, wo die mächtigen Strategen und Schranzen ein- und ausgingen. Das kunstgeschichtliche Letzturteil ist nicht immer gerecht mit diesem Werk umgegangen. Der Maler habe sich nur noch für den nackten weiblichen Körper interessiert und seine Gesichter seien immer ausdrucksloser geworden. Was für ausdrucksstarke Gesichter hätte er denn malen sollen, wo doch alle diesen Badeschaumstil so mochten, mit dem er die Nacktheit für die Etikette rettete?

Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos (1741 bis 1803).

Im 81. Brief der Marquise de Merteuil an den Vicomte de Valmont stockt einem doch der Atem, wenn er einem nicht schon längst weggeblieben ist: "Diese erste Nacht, von der man sich gemeinhin eine so grausame oder süße Vorstellung macht, bedeutete für mich nur eine Gelegenheit, Erfahrung zu sammeln:

Schmerz und Lust, ich beobachtete alles ganz genau und sah in diesen verschiedenen Empfindungen nur Fakten zum Sammeln und zum Überlegen." Härter, illusionsferner, zynischer ist das aufgeklärte Verhältnis zur Lust nie beschrieben worden als in dem unvergleichlichen Briefroman "Gefährliche Liebschaften." Immer steht in diesem Jahrhundert jemand hinter dem Vorhang, schaut durchs Schlüsselloch, lauscht an der Tür - auch und vor allem an der eigenen. Gefährlich sind die "Gefährlichen Liebschaften", von Choderlos de Laclos, nur, weil sie sich so hart, illusionslos, zynisch ereignen. Ein Menschenexperiment wie bei Wolfgang Amadeus Mozarts "Così fan tutte". Menschenexperimente gehen nicht gut aus. Aber am Ende weiß man, was man geahnt hat. Donatien Alphonse François Marquis de Sade (1740 bis 1814). Nun lässt sich gegen den göttlichen Führungswillen kein triftiges Argument vorbringen. Aber dass sich der Weltenlenker aus der Weltgeschichte zurückgezogen haben muss, das dämmerte im 18. Jahrhundert doch wohl manchem.

Möglich, dass beim Rückzug tatsächlich die beste aller Welten hinterlassen wurde, wie Gottfried Wilhelm Leibniz schon noch unterstellen wollte. Nur dass die verlassenen Weltenbewohner allein deshalb zum Guten, zum Besseren, zum Besten begabt seien, das erschien immer zweifelhafter. Der Marquis de Sade hatte sich nicht weniger vorgenommen, als alle Zweifel endgültig zu zerstreuen. Leicht hatte er es nicht im beschränkten Leben, der eher sanftmütige Kavallerieoffizier aus altem provenzalischem Adel. 27 Jahre saß er in Haft, und die war noch nicht geschützt von Menschenrechten hinter Gittern. Verurteilt wegen Sittlichkeitsdelikten, Kritik an der Revolution und Büchern, die nur ein unheilbar Geisteskranker geschrieben haben konnte. Unheilvoll jedenfalls seine langfädige Beweisführung, dass keine Tugendabsicht irgendeine Lichtchance gegen die Schwärze der Fantasien haben kann. Pornosofie hat man das minuziöse Räsonnement genannt, mit dem de Sade den Schmerzlust-Weg seiner Romanschwestern Justine und Juliette begleitet. In Wahrheit ist die Sade-Lektüre, als ob man dem Weltenlenker zusehen würde, wie er sich aus der Weltgeschichte zurückzieht.

Thérèse philosophe. Eines der klassisch gewordenen erotischen Bücher aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, immer wieder neu aufgelegt und neu illustriert. Der Autor ist nicht bekannt, die meisten Illustratoren auch nicht. Als Geschichte diente ein Prozess aus dem Jahr 1731, in dem der Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard angeklagt wurde, sein Beichtkind Marie-Catherine Cadière verführt zu haben. Im antiklerikal grundierten intellektuellen Klima der Zeit beschäftigte der Fall durchaus, besonders aber die frivole Schaulust. Merkwürdig, wenn man heute die unter Kennern hoch geschätzten verschiedenen Ausgaben vergleicht: biederste Rammelerotik mit aufgeknöpften Kniehosen und umständlichster Gymnastik im Alkoven.

Jean-Honoré Fragonard:

"Die Schaukel" (1767, 81 x 64 cm)

François Boucher:

"Ruhendes Mädchen" (1752, 59 x 73 cm)

Immer steht in diesem Jahrhundert jemand hinter dem Vorhang, schaut durch das Schlüsselloch oder lauscht an der Tür

Marquis de Sade: Illustration aus "La nouvelle Justine" (1797)

Schloss Pillnitz bei Dresden, erbaut 1723/24

Die Botschaft des Bildes lautet:

Liebe ist Gegenwart

Jean-Antoine Watteau: "Pilgerzug zur Insel Kythera" (um 1717, 129 x 194 cm)

Am Ende des Jahrhunderts war der Ton plötzlich nüchterner geworden, bürgerlicher: Das Theater der Empfindungen ist geschlossen

Franz Anton Bustelli:

"Liebespaar in der Ruine" (um 1756, Höhe 26 cm)

Johann Gottfried Schadow:

"Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen" (1797, Höhe 172 cm)

HANS-JOACHIM MÜLLER