Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 62-65
"Zu dritt werden wir nicht überleben"
Von Sandra Danicke
Art Cologne, fine art fair Frankfurt, dc Düsseldorf - drei große Kunstmessen starten in diesem Monat fast zeitgleich in Deutschland: Wer geht da hin? Was gibt es zu sehen? Wie verhält man sich zur Konkurrenz? Kurz vor dem Showdown hat art den Machern Gérard Goodrow, Michael Neff und Walter Gehlen auf den Zahn gefühlt
Man müsse nur mal in die Knie gehen, dann werde man schon sehen, verspricht Walter Gehlen, begibt sich in die Hocke und strahlt. "Was für ein Auftritt!" Das Objekt, das den studierten Volkswirt derart begeistert, ist ein Pappmodell. Es zeigt jene Halle, in der am 19. April erstmals eine Düsseldorfer Messe für zeitgenössische Kunst eröffnet wird: die "dc duesseldorf contemporary". Deren Direktor und Geschäftsführer ist mit Walter Gehlen kein Mann aus der Kunst-Branche. Einer, der von Visionen spricht, von "Trend bestimmenden Positionen" und "rigorosem Qualitätsanspruch".
"Ist das nicht fantastisch?", ruft Gehlen, immer noch auf Augenhöhe mit der Papphalle, und deutet auf den mittleren Teil, der komplett verspiegelt ist. Der Effekt ist verblüffend: Die zehn Männlein, die in der simulierten Messelobby stehen, vermehren sich optisch um ein Vielfaches. "Damit man nie alleine ist, wenn man als erster auf die Messe kommt", erläutert Gehlen, der ansonsten gar nicht so klingt, als rechne er mit spärlich gefüllten Gängen. Dabei scheint ein wenig Skepsis durchaus angebracht. Schließlich muss sich die "dc", die von der Gruner + Jahr ArtEvents International GmbH betrieben wird, nicht nur gegen die erfolgreichste Kunstmesse Deutschlands, die zeitgleich stattfindende "Art Cologne", behaupten. Auch die vom Galeristen Michael Neff zum zweiten Mal verantwortete "fine art fair frankfurt", die nur eine Woche früher läuft, gilt als potenzieller Konkurrent um die Gunst der Galeristen und Sammler - ganz zu schweigen vom "Art Forum" in Berlin, das sich zum wichtigsten deutschen Kunststandort mausert. Zu dem finden im April auch noch Kunstmessen in den Nachbarländern Belgien und Österreich statt: die "ArtBrussels" und die "Viennafair".
Doch Zweifel scheint Walter Gehlen, der mit seinem Geschäftspartner Andreas Lohaus bereits die seit vier Jahren stattfindende "art.fair", eine Art Nebenmesse der "Art Cologne", organisiert hat, nicht zu kennen:
Die Messe werde eine Institution, da sei er sich absolut sicher. Schließlich gebe es im Rheinland ein hervorragendes Potenzial an Sammlern und Künstlern, das bis jetzt noch niemand so richtig ausgeschöpft habe. "Eine Messe, die für Aufbruch und neue Ideen steht, hat hier unbedingt gefehlt", erklärt der 37-jährige Gehlen enthusiastisch; manch einem mag das ein wenig großspurig vorkommen. Schließlich musste die im Vorfeld verkündete Teilnehmerzahl von 100 Galerien um knapp 30 nach unten korrigiert wer den, und auch vom zunächst geplanten, glamourösen Rahmenprogramm mit prominenten Musikern hat man sich schließlich verabschiedet.
Man will jetzt doch lieber keine "Bespaßungsveranstaltung für das internationale Jetset" liefern - eine Entscheidung, an der der kuratorische Bei rat der "dc" nicht unwesentlich beteiligt gewesen sein dürfte. Mit Ulrike Groos von der Kunsthalle Düsseldorf, Stephan Berg vom Kunstverein Hannover, Jens Hoffmann (ICA, London) und Heike Munder vom Migros-Museum in Zürich konnte man ausgemachte Kenner der aktuellen Kunstszene gewinnen; ein Advisory Board aus teilnehmenden Galeristen steht den Institutsleitern beratend zur Seite.
Auf diese Art konnte die "dc" so profilierte Galerien wie Casey Kaplan (New York), Zero (Mailand) oder Jocelyn Wolff (Paris) sowie diverse Kandidaten aus den USA, Kanada und Großbritannien zur Reise nach Düsseldorf bewegen. Aber auch zahlreiche kleine Galerien erhalten hier die Chance zum großen Auftritt, denn die Nachwuchsförderung, so Gehlen, sei für die Macher der "dc" von zentraler Bedeutung: "Die 'dc' ist ein Forum für richtungsweisende Impulsgeber". Eine eigene Abteilung wurde deshalb für Galerien reserviert, die von Künstlern betrieben werden, etwa Mother's Tankstation aus Dublin. Allein aus Düsseldorf werden mehr als zehn Galerien bei der "dc" vertreten sein und ihren Standort stärken. Die Auswahl der Künstler überlässt man allein den Ausstellern, die sich in Düsseldorf - anders als bei der Konkurrenz - nicht mit einer Präsentation bewerben mussten, sondern aufgrund ihres Programms ausgewählt wurden.
Gérard Goodrow, seit vier Jahren Leiter der "Art Cologne", gibt sich entspannt: "Wir sehen die ,dc' nicht als Konkurrenz zur ,Art Cologne', sondern - gemeinsam mit der ,Liste Köln' und ,Tease Art Fair' - als Satelliten an, die aufgrund unserer Anziehungskraft in das Rheinland gekommen sind und nun eine gute Ergänzung zur ,Art Cologne' bieten", erklärt Goodrow mit demonstrativer Gelassenheit, während er zwischen den Jugendstilkacheln seiner Kölner Altbauwohnung einen Tee zubereitet. Sicher, es gäbe da die eine oder andere Düsseldorfer Galerie, die man diesmal in Köln vermisse, räumt der 43-jährige Deutsch-Amerikaner ein, "dafür haben wir andere gewonnen".
Die ganz großen internationalen Namen muss man allerdings auch auf der "Art Cologne" mit der Lupe suchen. Zu viele attraktive Messen buh len längst weltweit um Aufmerksamkeit.
Während amerikanische Anbieter in Köln eher rar sind (Goodrow:
"Die Europäer sind sowieso viel avantgardistischer."), kann man hier immerhin mit einer ganzen Reihe asiatischer und skandinavischer Galerien aufwarten.
Dass es mit der zur Schau getragenen Selbstsicherheit vielleicht doch nicht so weit her sein könnte, davon zeugen immerhin diverse Reformen, mit denen man im vergangenen Herbst begonnen hat, das angestaubte Image der "Art Cologne" ein wenig aufzupolieren (art 11/2006). So arbeitet man auch in Köln mittlerweile mit Innenarchitekten und Beleuchtungsdesignern zusammen, plant bombastische Installationen im Außenraum von Anthony McCall oder Gary Hill und hat nicht zuletzt die "Art Cologne" ins Frühjahr verlegt, weil im Herbst schon zu viele Messen stattfinden.
Trotz allem: "Wir setzen auf Stabilität und Tradition", erklärt der Messeleiter, der früher für das Auktionshaus Christie's tätig war, lehnt sich in seinen Sessel und knabbert lässig an einem Keks.
Wenn überhaupt, dann sei die Frankfurter Messe als Konkurrent gefährlicher als Düsseldorf, lässt sich Goodrow doch noch entlocken, denn im Gegensatz zu Gehlen und seinem Marketingleiter Andreas Lo haus "ist Michael Neff innerhalb der Kunstszene eine gestandene Persönlichkeit. Und Vertrauen spielt im Kunstmarkt nun mal eine entscheidende Rolle." Doch guter Ruf und beste Kontakte alleine ergeben noch keine erfolgreiche Messe. Und die Voraussetzungen sind in Frankfurt nicht eben günstig. Schließlich war die "Art Frankfurt" bis zur Berufung des Galeristen Neff als Messeleiter 2005 eine Veranstaltung, die eher kraftlos wirkte und deswegen auf internationale Besucher und Anbieter keinen großen Reiz ausgeübt hatte. Michael Neff weiß, dass es nicht genug ist, seine Verbindungen spielen zu lassen.
Deshalb ist er vor allem damit beschäftigt, durch fantasievolle Befreiungsschläge für Aufmerksamkeit zu sorgen. Hatte er im vergangenen Jahr eine eher museal organisierte Schau mit relativ wenigen, dafür meist zugkräftigen One-Man-Shows arrangieren lassen, die im rauen Industrieambiente einen robusten Charme entfalteten (art 5/2006), lässt er in diesem Frühjahr nicht nur Sparkassenteppich und Topfpflanzen, sondern gleich auch noch sämtliche Wände und Stände entfernen. Rund 50 Galerien, darunter Hauser & Wirth aus Zürich, Marion Meyer aus Paris oder Sales aus Rom, werden unter dem Titel "Quality Street" - benannt nach einer Konfektsorte - ausschließlich Skulpturen präsentieren, vom 15-Meter-Koloss bis zum Miniatur-Objekt. Orte, an denen die Besucher relaxen oder Besprechungen abhalten können, sollen allein auf eine zentrale Lounge beschränkt sein. Stühle und Tische will Neff nur in der Cafeteria dulden.
"Wir zerren doch alle drei an den gleichen 100 Top-Galerien", erklärt der 39-jährige Frankfurter seine Radikallösung.
"Da muss man schon et was Besonderes bieten und sich von den anderen absetzen." Eine normale Messe sei ihm überdies viel zu spießig gewesen, nicht zuletzt habe er damit auch zu wenige der einflussreichen Galerien erreichen können, gesteht Neff freimütig. Nächtelang habe er überlegt: "Wie würde ich selbst gern gelockt werden? Mit einem radikalen Experiment." Wer die zur Loftwohnung umfunktionierte Fabriketage sieht, in der Michael Neff zu Hause ist, mag über das Ergebnis seiner Überlegungen kaum staunen. Riesige Skulpturen von Thomas Bayrle und Michael S. Riedel stehen in einer fast wandlosen Hallenarchitektur. Statt heimeligem Ambiente herrscht hier jene radikale Großzügigkeit, die Neff auch seiner Messe verordnet hat.
Es scheint, dass Neff den richtigen Riecher hatte: Die Liste der (ausschließlich europäischen) Messeteilnehmer kann sich sehen lassen.
Diverse Kandidaten schauen sich allerdings zeitgleich bei der Konkurrenz um. So haben sich Luis Campaña, Bärbel Grässlin und Johann König auch auf der "Art Cologne" eingemietet, während Georg Kargl, Sies & Höke oder Voges + Partner je einen Stand auf der "dc" gebucht haben.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen sieht Michael Neff die Zukunft skeptisch:
"Zu dritt werden wir nicht überleben können." Ob er es sei, der als erster die Waffen strecke, oder die Macher der "dc", "darüber entscheiden letztlich die Verkäufe". Seine Idealvorstellung:
"Mit einer einzigen Kunstmesse in Deutschland könnten wir an der Spitze sein. Es ist einfach bedauerlich, dass wir die Kräfte nicht bündeln."
Kasten:
Kunst und Konfekt Alle Messen im April im Überblick fine art fair frankfurt: 13.-15. April.
Rund 50 Galerien stellen unter dem Titel "Quality Street" nur zeitgenössische Skulpturen aus. www.fineartfairfrankfurt.info Art Cologne: 18.-22. April.
Rund 180 Galerien zeigen Zeitgenössisches und Klassische Moderne. www.artcologne.de dc duesseldorf contemporary: 19.-22.
April. 74 Galerien präsentieren überwiegend junge Kunst auf dem Messegelände. www.dc-fair.de ArtBrussels: 20.-23. April.
Im Expozentrum Brüssel stellen 150 Galerien für Gegenwartskunst aus 20 meist europäischen Ländern aus. www.artbrussels.be Viennafair: 26.-29. April.
Im Messezentrum Wien: rund 100 Galerien für zeitgenössische Kunst, viele aus Osteuropa. www.viennafair.at
Neuling mit Ambitionen:
Walter Gehlen will mit der "dc" Düsseldorf als Messestandort wiederbeleben
Agent Provocateur:
Michael Neff schafft bei der Frankfurter "fine art fair" Messekojen gleich ganz ab
Die Düsseldorfer "dc" will keine Bespaßungsveranstaltung für das internationale Jetset werden, sondern eine Messe mit Visionen
Steuermann der "Art Cologne": Gérard Goodrow will die älteste deutsche Kunstmesse behutsam reformieren
Für die "Art Cologne" sind die anderen Messen nur Satelliten, die der "Mutter aller Kunstmessen" nichts anhaben können
