Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 42-47
Wenn Kunst zum Spielball von Investmentbankern wird
Von Ute Thon
Millionen-Dollar-Fonds, Top-Ten-Listen, Wertsteigerungskurven für Künstler - der aktuelle Kunstboom ruft die Spekulanten auf den Plan. Doch wer Kunst als reine Geldanlage sieht, verpasst vielleicht das Wichtigste
Die Zukunft des Kunstmarkts könnte in Hamburg-Bahrenfeld liegen. In einem aufgeschickten Gewerbegebiet, vier Stockwerke über dem örtlichen Aldi- Markt, hängen in einer weiß getünchten Dachetage millionenschwere Bilder von Gerhard Richter, James Rosenquist und Andy Warhol. Nicht zum Bewundern. Sie sind das Anlagekapital der Kunstinvestment-Firma "Art Estate". Goldene Eier also, die sich über die Jahre prächtig vermehren sollen. Die Art Estate AG wurde vor einem Jahr gegründet und bringt jetzt den ersten geschlossenen Kunstfonds Deutschlands heraus. Was genau man sich darunter vorzustellen hat, erklärt Art-Estate-Geschäftsführer Johannes Heinzmann mit dem Charme eines Versicherungsvertreters so: "Wir wollen nicht sagen, dass eine Beteiligung an unserem Kunstfonds die gesetzliche Rente ersetzen kann. Aber wer heute seine finanzielle Zukunft sichern will, der kommt ohne eine aus unterschiedlichen Bausteinen bestehende private Vorsorge nicht aus." Dann spricht der Diplom-Betriebswirt viel von "Vermögensportfolios", "Assetklassen", "Bei mischungen" und "Kunst als Wachstumsmarkt".
Im Klartext geht es darum, Leute der mittleren und gehobenen Einkommensklasse davon zu überzeugen, Anteile an den Bildern der Art Estate zu erwerben. Dazu muss man kein Kunstfreund sein. Genauso wenig, wie man ein Handy haben muss, um Telecom-Aktien zu besitzen. Bei Herrn Heinzmann zu Hause zieren Urlaubsfotos vom Death Valley und von der Costa Blanca die Wände. Auch die Warhols und Richters hat seine Firma nicht zur geistigen Erbauung, sondern allein wegen ihres Wertsteigerungspotentials zusammengekauft.
Als Shopping-Liste dienten Top-Ten- Tabellen wie der "Kunstkompass" der Zeitschrift "Capital". In 15 Jahren sollen die Kunstwerke dann wieder abgestoßen und der erwartete Millionengewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet werden. So jedenfalls die Theorie.
Kunst als Investment zu betrachten, ist kein total neues Phänomen.
Schon August der Starke wusste, dass die verschnörkelten Preziosen, die er im 18. Jahrhundert für seine Wunderkammer im Grünen Gewölbe sammelte, nicht nur teuren Wandschmuck darstellten, sondern auch ein stattliches Anlagevermögen. Jeder Sammler ist entzückt, wenn sein aus Leidenschaft erworbenes Kunstwerk über die Jahre auch an Wert gewinnt. Doch gerade findet ein Paradigmenwechsel statt. Der exklusive Club von Kunsthändlern, Kunstsammlern und Kunstwissenschaftlern, der jahrzehntelang den Transfer von Kunstwerken regelte, wird aufgemischt von einer Meute aggressiver Kunsteinkäufer, denen es nur noch um Gewinnmaximierung geht. Die schwindelerregenden Verkaufs preise, die heute auf Kunstauktionen erzielt werden, bringen das Blut von Investment-Bankern in Wallung:
104 Millionen Dollar für einen Picasso, den die Besitzer einst für 30 000 Dollar gekauft hatten. 80 Millionen Dollar für einen Jasper Johns, der mal 15 Millionen Dollar kostete, 17 Millionen Dollar für ein Bild von Warhol, das vor zehn Jahren gerade mal eine Million Dollar wert war. Das sind Gewinnspannen, von denen Aktienbesitzer nur träumen können.
Inzwischen berichten auch einschlägige Wirtschaftsmagazine regelmäßig über Kunst als "alternative Wertanlage". Die "Financial Times Deutschland" druckte kürzlich eine große Sonderbeilage zu dem Thema und offerierte ihren Lesern in einer Online- Auktion gleich zehn Werke junger Künstler zum Kauf - als Starthilfe für die gewinnbringende Kunstsammlung.
Auch das "Wall Street Journal" meldet unter der Überschrift "Wealth Managers get bullish on art", dass Anlageberater ihren Kunden immer häufiger zu Kunstinvestments raten. In kurzer Zeit wurden zwölf Kunstfonds gegründet.
Neben der Hamburger Art Estate, die mit einer Mindesteinlage von 2500 Euro und einem Gesamtvolumen von 7,4 Millionen Euro eher an Kleinanleger denkt, sorgt der Londoner Fine Art Fund für Schlagzeilen, bei dem man mindestens 250 000 Dollar investieren muss und dafür eine Traumrendite von 15 Prozent in Aussicht gestellt bekommt.
Schuld an solchen vollmundigen Versprechungen sind Michael Moses und Jianping Mei, zwei junge Wirtschaftsprofessoren der New York University, die auf der Suche nach einem exotischen Forschungsthema auf Kunst und Aktien kamen - wahrscheinlich, weil ihre Uni in Laufnähe des Galerienviertels Soho liegt. Das verblüffende Ergebnis ihrer Studie, in der sie anhand von Auktionsergebnissen die Preisentwicklung von Kunstwerken mit der von Aktien verglichen: Wer in den letzten 50 Jahren in Cézannes, Picassos oder Warhols investierte, hat damit fast ebenso viel verdient, wie jemand, der sich Stahl- oder Technologieaktien zulegte. Der "Mei Moses Fine Art Index", eine gezackte Fieberkurve, die an der Millionen-Dollar-Achse steil nach oben klettert, darf inzwischen in keinem Investmentratgeber fehlen.
Das Problem mit solchen Prognosen ist jedoch, dass man Kunstwerke nur bedingt mit Aktien vergleichen kann. Zwar gibt es Künstler und Kunstepochen, deren Preise immer weiter steigen, und deren Wert auch dann als relativ sicher gilt, wenn die Börsenkurse abstürzen. So hält sich der deutsche Maler Gerhard Richter seit Jahren beständig auf den vorderen Rängen der Top-100-Künstler - gerade wurde bei Sotheby's in London wieder eines seiner abstrakten Bilder für den Rekordpreis von 4,2 Millionen Euro verkauft.
Doch richtigen Profit macht nur, wer solch ein Bild schon früh erwarb, als Richters Werke noch günstig waren.
Die Einkäufer des Art-Estate-Fonds, die mit Stolz auf drei Richter-Werke in ihrer Sammlung verweisen, haben die kleinformatigen, eher zweitrangigen Leinwände dagegen erst kürzlich für rund 230 000 Euro pro Stück gekauft.
Ob sich dieser Wert noch unbegrenzt steigern lässt, ist fraglich. Denn im Kunstmarkt zählt nicht nur der Name eines Künstlers, sondern auch, ob das entsprechende Werk bedeutend ist. Überhaupt ist es mit dem Verkauf von Kunst so eine Sache. Anders als Aktien kann man ein Bild nicht einfach abstoßen. Man braucht einen Käufer, der just in dem Moment bereit ist, die geforderte Summe zu entrichten.
Auktionshäuser lassen sich diese Vermittlung teuer bezahlen und kassieren bis zu 20 Prozent des Verkaufspreises ein - ohne Verkaufsgarantie.
Dass sich trotz des Malerei-Booms auch begehrte Ware manchmal schwer absetzen lässt, bekamen kürzlich die Besitzer von Gemälden von Neo Rauch und Matthias Weischer zu spüren.
Beide Künstler sind derzeit international extrem gefragt. Dennoch blieben bei Sotheby's im letzten Oktober zwei ihrer Bilder unverkauft (art 12/2006), vermutlich weil den Bietern der Schätzpreis von 300 000 bis 448 000 Euro dann doch zu hoch erschienen.
Zudem lehrt die Erfahrung, dass aus den Stars von heute schnell Ladenhüter von morgen werden können. Wer spricht heute beispielsweise noch von Elvira Bach, Rainer Fetting oder Salomé, drei schillernden Vertretern der Achtziger-Jahre-Bewegung der Neuen Wilden? Wie unberechenbar der Kunstmarkt ist, zeigt aber auch die Entwicklung im klassischen Bereich. So brachen in den vergangenen Jahren die Preise für Auguste Renoir um die Hälfte ein, obwohl Bilder des impressionistischen Malers eigentlich als todsichere Geldanlage galten.
Christina Schroeter-Herrel rät dagegen, beim Kunstkauf nicht nur auf die monitäre, sondern auch auf die "ideelle Rendite" zu achten. Als Leiterin der Abteilung "Kunstberatung" der Deutschen Bank berät die Kunsthistorikerin wohlhabende Kunden bei der Wahl von Werken, vergleicht für sie Preise, begleitet sie zu Galerien, Messen und Auktionen - ein Service, den inzwischen verschiedene Banken anbieten. "Die Nachfrage gerade nach zeitgenössischer Kunst ist stark gestiegen", sagt Schroeter-Herrel. "Doch oft kaufen die Leute nicht mit ihren Augen, sondern nur mit den Ohren, das heißt, sie interessieren sich häufig nur für Künstler, die die aktuellen Ranglisten anführen." Ernsthaften Sammlern ist die Goldgräberstimmung auf dem Kunstmarkt schon lange suspekt. "Bei den letzten Auktionen in New York gab es viele Werke, bei denen ich mitbieten wollte. Aber bevor ich überhaupt meine Hand heben konnte, war der Preis schon in der Stratosphäre", sagt Donald Rubell, ein bedeutender US-amerikanischer Sammler (siehe Seite 50). An statt überteuerten Kunsttrophäen nachzujagen, macht Rubell jetzt seine Entdeckungen unter jungen, noch unbekannten Künstlern in Los Angeles. Nur aus Gründen der Gewinnmaximierung zu sammeln oder sich gar an einem Kunstfonds zu beteiligen, findet er eher befremdlich.
"Warum sollte ich Geld in einen anonymen Fonds investieren, wenn ich mir statt dessen ein richtiges Kunstwerk kaufen kann?" MITARBEIT: KATHERINA KOESTER
Grafik:
Eine Million Dollar zum Ersten, Zweiten, Dritten ...
Verkaufte Lose bei den Auktionshäusern Christie's und Sotheby's, die über eine Million Dollar brachten
Flachware oder Plastik - was ist gefragt?
Anteil verschiedener Kunstepochen am Weltauktionsmarkt 2005 Anteil verschiedener Kunstgenres am Weltauktionsmarkt 2005
Renoir oder Rohstoff?
US-Wissenschaftler Jianping Mei und Michael Moses verglichen die Preisentwicklung von Kunstwerken auf Auktionen mit der Entwicklung des Aktienindex Standard & Poor
"Marktwert hat wenig zu tun mit bleibenden Werten. Geld spricht, aber wenn es um die Substanz von Kunst geht, hat es nicht viel zu sagen" Robert Storr, Dekan der Yale School of Art, Leiter der 52. Biennale in Venedig
Andy Warhols "Mao" (1972) wurde 2006 bei Christie's für 17,4 Millionen Dollar versteigert.
1996 brachte ein ähnliches Bild bei Sotheby's rund eine Million Dollar 1740 %
Cézannes "Stillleben" (1895) wurde 2000 bei Christie's für 18,2 Millionen Dollar versteigert, sechs Jahre später brachte es bei Sotheby's 37 Millionen Dollar 203%
Jasper Johns "False Start" (1959) wurde 1988 bei Sotheby's für 15,5 Millionen Dollar versteigert. 2006 verkaufte es David Geffen für 80 Millionen Dollar 561%
Charles Saatchi kaufte Damien Hirsts "Hai"-Skulptur (1991) für 75 000 Dollar.
2005 verkaufte er sie für 12 Millionen Dollar an den US-Sammler Steven Cohen 16 000 %
Tabellenführer & Absteiger:
Acht Künstler, die sich in den letzten zehn Jahren auf der Top-100-Liste behaupten konnten, und solche, die in derselben Zeit von der Hitliste verschwunden sind
Gerhard Richter (Rang 2 Ô Rang 1)
Bruce Nauman (Rang 1 Ô Rang 2)
Sigmar Polke (Rang 3 Ô Rang 3)
Rosemarie Trockel (Rang 7 Ô Rang 4)
Louise Bourgeois (Rang 34 Ô Rang 5)
Georg Baselitz (Rang 5 Ô Rang 6)
Cindy Sherman (Rang 4 Ô Rang 7)
Mike Kelley (Rang 8 Ô Rang 10)
Joseph Kosuth (Rang 32)
Reinhard Mucha (Rang 38)
Francesco Clemente (Rang 44)
Per Kirkeby (Rang 46)
Matt Mullican (Rang 49)
Richard Artschwager (Rang 62)
Julian Schnabel (Rang 68)
A. R. Penck (Rang 69)
Quelle: Capital "Kunstkompass" 1997, 2006
"Jeff Koons, Richard Prince, Cindy Sherman und Takashi Murakami haben die Stärke ihres Marktes den Auktionen zu verdanken" Amy Cappellazzo, Kodirektorin, Christie's Abteilung für Nachkriegs- und Gegenwartskunst
"Größe und Geschwindigkeit des Kunstmarkts haben sich verzehnfacht. Schuld daran ist teilweise auch das Internet" Sadie Coles, Galeristin, London
Die teuersten Bilder aller Zeiten:
Klimt: "Adele Bloch-Bauer I" 135,0 Mio. $ (2006)
Picasso: "Junge mit Pfeife" 104,2 Mio. $ (2004)
Picasso: "Dora Maar mit Katze" 92,5 Mio. $ (2006)
Van Gogh: "Porträt des Dr. Gachet" 82,5 Mio. $ (1990)
Renoir: "Bei der Mühle von La Galette" 78,1 Mio. $ (1990)
Rubens: "Das Massaker der Unschuldigen" 76,7 Mio. $ (2002)
"Viele Sammler erwerben Kunst nach dem Staubsaugerprinzip.
Gekauft wird mit der Hoffnung, dass das eine oder andere Werk eine Wertsteigerung erfährt" Jean-Christophe Ammann, Kunsthistoriker, Kunstberater der UBS-Bank
