Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 34-40

"Ich sammle die Kunst nicht für den Keller"

Von Ute Thon

Sie ist jung, reich und ziemlich kühn. Julia Stoschek hat in kürzester Zeit eine umfangreiche Videokunstsammlung aufgebaut. Jetzt baut sie in Düsseldorf ein Privatmuseum

Klack, klack, klack. Julia Stoscheks Absätze knallen auf dem nackten Beton, als sie mit forschem Schritt die Bau stelle inspiziert. Die Arbeiter, die dort Balken sägen, Estrich gießen und Decken verputzen, schauen nur kurz auf und grüßen mit beiläufigem "Hallo". An den Anblick der jungen Frau mit dem rabenschwarzen Haar, schwarzem Pelzmantel und den hochhackigen Lackstiefeln haben sie sich inzwischen gewöhnt.

Die stylische Bauherrin schaut öfter vorbei. Und ihr extravagantes Schuhwerk hindert sie nicht daran, fünf Meter hohe Leitern zu erklimmen, um die zukünftige Dachterrasse zu begutachten. "Dort hinten kommt die Open-Air-Leinwand hin", sagt sie begeistert und deutet über den Giebel in Richtung Rhein.

Julia Stoschek lässt im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel eine 100 Jahre alte Fabrik, in der ganz früher Bühnenbilder gefertigt wurden, dann Damenkorsetts und zuletzt Bilderrahmen der Firma Conzen, zum Wohnloft und Showroom für ihre Kunstsammlung umbauen. Dass eine 31-jährige Betriebswirtin aus Bayern ein Privatmuseum in Düsseldorf eröffnen will, es wäre das erste in dieser Stadt, sorgt in der Szene für Stirnrunzeln - noch dazu, wenn sie freimütig gesteht, erst seit ein paar Jahren ernsthaft Kunst zu sammeln.

Nicht nur im Rheinland sind die Sammlerpersönlichkeiten in der Regel über 60, männlich und forcieren ihre Kunstsinnigkeit erst gegen En de einer glorreichen Berufskarriere. Bei Julia Stoschek geht das alles etwas schneller. Die vermögende Unternehmerstochter - sie ist Mitgesellschafterin des Coburger Autozuliefererunternehmens Brose - kaufte ihr erstes Kunstwerk mit 27 Jahren, und zwar ein Bild des spanischen Künstlers Pep Agut. Zwei Jahre später saß sie im Kuratorium des Berliner Kulturinstituts Kunst-Werke und zählte Prominente aus dem Kunst betrieb wie Klaus Biesenbach, Maurizio Cattelan, Ingvild Goetz, Hans Ulrich Obrist und Nancy Spector zu ihrem Netzwerk. Zu Atelierbesuchen jettete sie um die Welt, gründete ein Förderstipendium für junge Künstler und organisierte "Salons" am Potsdamer Platz.

Dort unterhält die Firma Brose im 15. Stock des Beisheim-Centers eine großzügige Repräsentanz.

Im vergangenen Jahr nutzte Stoschek einen Teil der Räume für eigene Ausstellungen.

Während des "Art Forums" trafen sich dort geladene Gäste zum stilvollen Brunch, genossen den Panoramablick über Berlin und staunten beim Anblick von zwei schwitzenden Frauen in einer Holzkiste, die wie am Fließband "Tropical Breeze"-Erfrischungstücher herstellen - eine beklemmend- komische Videoinstallation der 31-jährigen New Yorker Künstler in Mika Rottenberg.

Die Presse reagierte geradezu hysterisch auf die "Kunstsammlerin mit Röhrenjeans und Stilettos" ("Welt"), den "Paradiesvogel mit bronzenem Teint" ("Kölner Stadtanzeiger"), wobei das Augenmerk oft mehr auf Stoscheks Aussehen lag als auf ihrem Engagement für die Kunst. Seit kurzem ist sie mit dem Fotokünstler Andreas Gursky liiert - neues Futter für die Klatschkolumnen. Zur Gefahrenabwehr regelt nun Markus Müller, der erfahrene Pressechef der Kunst-Werke, ihre Medienkontakte - und sitzt bei Interviews neben ihr.

"Ich mache das alles selbst, es gibt keine Berater", sagt Julia Stoschek fast ein bisschen trotzig. Sie will um jeden Preis den Eindruck vermeiden, andere flüsterten ihr ein, welche Kunst sie zu kaufen und zu zeigen hat. Deshalb hat sie für ihre Sammlung auch keinen prominenten Kurator angestellt, sondern plant die Eröffnungsausstellung selbst. Natürlich ist ihr bewusst, dass ihre Aktivitäten mit Skepis beäugt werden, auch weil ihr der nötige Stallgeruch fehlt. Bildende Kunst spielte in ihrer Familie bislang kaum eine Rolle. Zwar hegte sie schon als junges Mädchen eine vage Faszination für die schönen Künste - ihre Großmutter war Schauspielerin, und die Eltern interessieren sich für Industriedesign und Architektur. Doch sie studiert zunächst einmal Betriebswirtschaft.

Privat begeistert sie sich für edle Pferde und schnelle Autos.

Sie ist Mitglied im Bundeskader der Dressurreiter und fährt einen 356er Porsche.

Wann genau der Moment kam, als Julia Stoschek sich entschloss, Kunstsammlerin zu werden, weiß sie nicht mehr genau. Vielleicht war es in New York, diesem pulsierenden Epizentrum von Kunst und Kommerz, wo sie Ende der neunziger Jahre ein Praktikum bei der Dresdner Bank absolvierte und in ihrer Freizeit durch Museen und Galerien streifte. Jedenfalls fing sie irgendwann Feuer, besonders für Videokunst, Fotografie und Installation. "Ich bin mit Video groß geworden", sagt sie über ihre besondere Affinität zu dem relativ jungen Medium.

"Von klein auf sind alle großen Ereignisse meines Leben auf Video aufgezeichnet worden. Das ist das Medium meiner Generation." Mittlerweile umfasst ihre Sammlung rund 350 Arbeiten. Dabei konzentriert sie sich vor allem auf junge Künstler. So besitzt sie vier Arbeiten des Düsseldorfers Manuel Graf (Jahrgang 1978), der modernistische Interieurs zur Musik von Pink Floyd explodieren lässt. Von der US-Künstlerin Jen De Nike (Jahrgang 1971) hat sie zwei Videos über spielerisches jugendliches Kampfverhalten, und von dem Brasilianer Thiago Rocha Pitta (Jahrgang 1980) einen malerischen Dreieinhalbstundenfilm über eine Reise zwischen Rio und São Paulo.

Darüber hinaus hat sie auch eine Arbeit von Doug Aitken, der in New York gerade eine große Installation an den Außenwänden des MoMA präsentierte, und Werke von Marina Abramovic ´, Dan Graham und Katharina Sieverding, den Pionieren der Foto-, Körper- und Installationskunst.

Kontakt und Austausch mit den Künstlern sind ihr dabei ganz wichtig.

Oft besucht sie sie in ihren Ateliers und schaut sich Arbeiten mehrmals an, bevor sie sich zum Kauf entschließt. "Für mich ist das alles immer auch ein Lernprozess und zwar ein sehr schöner und sehr aufregender", sagt sie.

Die Sammlung schon vier Jahre nach ihrem Entstehen öffentlich zu machen, findet Julia Stoschek nur konsequent.

"Ich sammle nicht für den Keller", erklärt sie. "Wenn ich eine Arbeit besitze, will ich sie auch zeigen." Was im Falle von raumgreifenden Video installationen im normalen Wohnzimmerambiente eher schwierig ist.

Nun lässt sie eine 3500 Quadratmeter große, denkmalgeschützte Fabrik in der Schanzenstraße, am Rande des ehe maligen Düsseldorfer Güterbahnhofs, speziell für die Präsentation von Film- und Videoarbeiten herrichten.

Nach Plänen der Berliner Architekten Kühn Malvezzi werden Wände und Decken durchbrochen, Fensterfronten verkleidet - "aber es wird nicht nur schwarze Räume geben", betont die Hausherrin. Auf dem Dach entsteht eine Terrasse mit Projektionsfläche unter freiem Himmel, im Keller ein Kinosaal und ein klimakontrollierter Raum zur Lagerung der empfindlichen Mastertapes. "Es geht mir nicht um Selbstbeweihräucherung. Ich will die Kunst ihrer Bestimmung zuführen, nämlich sie auszustellen und einem Publikum zugänglich zu machen." Bereits im Juni, mitten im heißen Kunstsommer mit Venedig-Biennale, Documenta und Skulptur.Projekte.

Münster soll Eröffnung sein. Nach vorheriger Anmeldung und bei freiem Eintritt können Besucher dann an einem Tag der Woche die "Julia Stoschek Collection" besichtigen.

Natürlich habe Sammeln auch etwas mit Eitelkeit und Exhibitionismus zu tun. "Wenn ein Sammler sagt, er sei nicht eitel, dann lügt er wahrscheinlich", sagt Julia Stoschek.

Statt einer marktschreierischen Egoschau schwebt ihr als Vorbild für ihr Haus aber eher das diskrete Modell der Sammlerin Erika Hoffmann vor, auch eine ehemalige Unternehmerin aus dem Rheinland, die sich vor Jahren mit ihrem Mann in Berlin-Mitte niederließ und nun ihren großzügigen Kunstloft immer samstags für Besucher öffnet. Zudem wäre eine museumsähnliche Einrichtung, die sich vornehmlich der Präsentation und Konservierung zeitgenössischer Videokunst widmet, nicht nur in Deutschland etwas Besonderes.

Bleibt noch die Frage, warum es Julia Stoschek in die entgegengesetzte Richtung zieht, wo doch gerade so viele prominente Sammler, wie zum Beispiel Christian Boros, Heiner Bastian und Thomas Olbricht, ins hippe Berlin drängen, um dort protzige Ausstellungshäuser für ihre Kunstschätze zu errichten. "Vielleicht will ich einfach nicht das machen, was alle machen", sagt sie mit einem geheimnisvollen Lächeln. "Wenn keiner kommt, ist es auch nicht schlimm."

Julia Stoschek in den zukünftigen Räumen ihrer Sammlung:

"Wenn keiner kommt, ist es auch nicht schlimm" (Foto:

Mareike Foecking)

Filmstills aus Clemens von Wedemeyers Video installation "Das Bildermuseum brennt" (2004, 27 Minuten)

Schwitzen für die Kunst: Mika Rottenbergs Videoinstallation "Tropical Breeze" (2004)

Spielerisches Kampfverhalten:

Jen DeNikes Fotoarbeit "Sasha" (2003, 127 x 152 cm)

Bilder aus Paul Pfeiffers Fotoserie "Four Horsemen of the Apocalypse" (2004, 175 x 145 cm)

Trumpf in Julia Stoscheks Sammlung:

Doug Aitkens Dreikanal-Videoinstallation "Interiors" (2002, 27,40 Minuten)

Marina Abramovic´ ' Foto "The Hero" (2001, 120 x 120 cm) ist als Hommage an ihren Vater gedacht

Lernprozess: Thomas Demands Fotoarbeit "Fence" (2004, 180 x 238 cm)