Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 60-61
Der neue Markt
Von Petra Schmidt
Sattsam bekannte Möbelklassiker wurden schon immer auf Auktionen gehandelt; doch neuerdings produzieren auch Gestalter-Stars neues Design direkt für den Kunstmarkt
Marc Newson liebt das Surfen. Da verwundert es nicht, dass der australische Designer nun auch ein Luxusbrett aus Nickel für den Surfkönig Garret McNamara entworfen hat. Erstaunlicher ist schon, dass Ende Januar eine Reihe dieser silberfarbenen Metallbretter in der wohl berühmtesten Galerie der New Yorker Kunstwelt gezeigt wurden - der Gagosian Gallery. Wo sonst Anselm Kiefer, Damien Hirst oder Richard Prince ihre neuen Arbeiten präsentieren, wurden nun die Sportgeräte eines Stardesigners angeboten.
Auch jenes Brett soll darunter gewesen sein, das der Surfgroßmeister höchst selbst bei einem Test im Wellenreiter-Paradies Teahu-po'o auf Tahiti verlor, und das ganze 15 Meilen entfernt am Strand wieder auftauchte. "Am nächsten Tag auf dem Weg zum Flughafen," erzählte Newson, "habe ich einen großen polynesischen Typen mit diesem glänzenden Stück Weltraummüll unter dem Arm gesehen." Wie viel er dem Jungen wohl als Finderlohn zahlte? Sicherlich keine 75000 Dollar (57000 Euro). Für diesen Betrag wurde das Strandgut, das unbeschädigt blieb, schließlich in New York angeboten.
Design oder Kunst? Jahrzehntelang waren die Kriterien klar. Design galt als Gebrauchsdisziplin und sollte dem Diktat der Funktion gehorchen, während der Kunst ein hoher kultureller und finanzieller Wert beigemessen wurde. Nun scheinen diese Stereotypen nicht mehr zu gelten. "Es scheint, als ob der Museumsshop das Museum übernommen hätte", lästert das amerikanische Magazin "The New Yorker" über die Marc-Newson-Ausstellung bei Gagosian. Mögen die Medien noch spotten, der Markt hat schon längst entschieden: Die so genannte Design Art hat sich zur eigenständigen Disziplin entwickelt, die längst in den Kunstmarkt integriert worden ist.
Zunächst waren es nur seltene Design- Klassiker, die in den vergangenen Jahren hohe Preise erzielten - etwa Jean Prouvés Bullaugentüren von 1949 (532000 Euro) oder Carlo Mollinos Glastisch aus dem gleichen Jahr (knapp drei Millionen Euro). "Aber der Design- Klassiker-Markt war irgendwann aus verkauft", sagt Thorsten Bröhan aus Berlin, Designsammler der ersten Stunde. Für einen gerade erst geschaffenen Markt wurde Nachschub benötigt.
Seit im Dezember 2005 die Messe "Design Miami Basel" startete und im Jahr darauf Newsons frühes Möbelstück "Lockheed Lounge" (1986) bei Sotheby's in New York 968 000 Dollar (732 000 Euro) erbrachte, zeigt sich ein neuer Trend: Aktuelles Design ist genauso kunstmarktfähig wie etwa zeit genössische Malerei.
Nun drängen berühmte Designer in die Galerien und Auktionshäuser.
Bei einer Phillips-Auktion (New York 2005) wurden zwei Prototypen versteigert:
Der Tisch "Aqua Table" von Zaha Hadid erbrachte 231 000 Euro, die Bank "Liquid Bench" von Ross Lovegrove kam auf 179000 Euro. Objekte von Ron Arad, Jasper Morrison und Ingo Maurer er zielen ebenfalls hohe Preise und wer den teilweise in Galerien angeboten. Aber welche Käufer interessieren sich für das aktuelle Design? Wer investiert sein Geld lieber in einen Tisch statt etwa in ein Gemälde oder eine Fotografie?
"Es sind die neuen Reichen", erklärt Alexander Payne vom Auktionshaus Phillips de Pury. "Sie suchen nach zeitgenössischem Möbel-Design passend zu ihren Kollektion moderner Kunst und Fotografie." Dazu gehören Sammler wie die die französischen Multimilliardäre François Pinault und Bernard Arnault, die ihr Geld mit Luxusmarken à la Louis Vuitton verdienen, oder der New Yorker Modedesignerin Donna Karan. Sie betrachten das Sammeln von Design quasi als eine Ergänzungsdiszplin - gekauft wird das Sofa zum Bild. Auch die wachsende Zahl von Design-Museen besonders in Asien soll zusätzlich Druck auf die Preise ausüben. Dabei zählt vor allem die Exklusivität. "Wenn wir eine Ausstellung in New York, Maastricht, Miami oder wo auch immer haben, und es sind sehr, sehr teure Stücke dabei, dann gehen die teuersten Stücke als erste weg", staunt der britische Gestalter Ron Arad über die Dynamik des Marktes. Seine Spiegel- Installation "Paved with Good Intentions" verkaufte sich während der Design Miami 2005 für 1,2 Millionen Dollar (915 000 Euro). Noch verneint Arad energisch, dass er sich selbst als Künstler sehe - doch die Etablierung auf dem Kunstmarkt könnte durchaus dafür sorgen, dass ein alter Designertraum Wirklichkeit wird und die Gestaltung von Alltagsgegenständen endlich per se künstlerisches Prestige genießt.
Mit welchem rasanten Tempo es sich in diese Richtung entwickelt hat, zeigt das Beispiel des Sammlers Ramis Barquet. Er war es, der die legendäre Lockheed Lounge für eine knappe Million Dollar erwarb. Das Geld sei gut angelegt, gab der Amerikaner sich damals siegessicher. Nun bietet er die Liege für 2,5 Millionen Dollar (knapp zwei Millionen Euro) in seiner neuen New Yorker Design-Galerie Sebastian + Barquet in der 24. Straße an. Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt die Gagosian Gallery.
Zum Verkauf in der Galerie Gagosian: "Nickel-Surfbrett" (180 x 41 x20 cm) von Marc Newson (Porträt rechts)
Marc Newsons legendäre "Lockheed Lounge" (1986) erbrachte bei Sotheby's 968 000 Dollar (732 000 Euro)
Wohnst du noch ... ... oder sammelst du schon? Stardesigner erobern mit Editionen den Kunstmarkt
ZAHA HADID Die irakisch-englische Architektin und Designerin entwickelte den Prototyp des Tisches "Aqua Table" 2005. Bei Phillips in New York erzielter Auktionspreis:
231 000 Euro
ROSS LOVEGROVE Der in Wales geborene Designer ist bekannt für weiche, fließende Formen.
Der Prototyp der Bank "Liquid Bench" erzielte 2006 beim Auktionshaus Phillips einen Preis von 179 000 Euro
MAARTEN BAAS Der niederländische Designer bietet eine künstlich verkohlte Version von Gerrit Rietvelds Möbelklassiker "Zig Zag Chair" an - die Edition ist auf 25 Stück limitiert und signiert
DROOG Das holländische Kollektiv Droog Design präsentierte sich auf der Art Basel Miami Beach, hier mit dem Tisch "Body Table" des Ateliers van Lies hout für 24 000 Euro
RON ARAD "Big Easy Mixed" heißt dieser Sessel (1990) des israelischen Designers; die Edition umfasst 20 Exemplare und kostet in der Kölner Designer's Gallery // Gabrielle Ammann 60 000 Euro
