Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 50-59

Familienplanung

Von Ute Thon

Mera und Donald Rubell sind amerikanische Sammler der Extraklasse. Ihr Privatmuseum in Miami setzt Maßstäbe. Im Interview sprechen sie über Pioniergeist, Kinderaugen und die leidigen Trophäenjäger

Künstler verehren sie, Museumsleute schauen mit Neid auf ihre Schätze, und andere Sammler versuchen, sie zu imitieren. Donald und Mera Rubell gehören zu den einflussreichsten Sammlern weltweit. Das würde man allerdings nicht ahnen, wenn man ihnen zufällig in einer Galerie begegnet.

Selten am Vernissageabend, sondern eher morgens, wenn nur die wahrhaft Kunst besessenen unterwegs sind.

Das freundliche Ehepaar, beide um die 60 Jahre, kommt ohne geschwätzige Kunstberater aus. Dennoch gehören sie zu denen, die Talente wie Cindy Sherman, Richard Prince oder Jason Rhoades schon früh entdeckt haben.

In 40 Jahren haben sie eine fantastische Sammlung zusammengetragen, darunter auch Werke bedeutender deutscher Künstler wie Anselm Kiefer, Thomas Ruff, Gregor Schneider und Rosemarie Trockel. Vor zehn Jahren eröffneten die ehemalige Grundschullehrerin und der Gynäkologe aus New York, die heute ein Hotelunternehmen leiten, mit ihren Kindern Jennifer und Jason ein Privatmuseum in Miami: Die Rubell Family Collection setzt Maßstäbe, nicht nur für den kulturell unterbelichteten Süden der USA.

Wenn die "Art Basel" in Miami zur Messe trommelt, steht das internationale Kunst-Jetset vor dem ehemaligen Lagerhaus im Wynwood-Distrikt Schlange.

Für das art-Gespräch zog sich Don, wie Donald Rubell überall genannt wird, in die Bibliothek zurück - nicht ohne zu betonen, dass er die 27 000 Kunstbände fast alle gelesen hat. art: Herr Rubell, aus Amerika hört man in letzter Zeit immer wieder, dass Sammler unglaublich viel Geld für Kunst ausgeben, 135 Millionen Dollar für einen Klimt, 102 Millionen für einen Picasso. Da gewinnt man den Eindruck, es ginge nur noch um das Aufstellen neuer Preisrekorde. Können Sie da mithalten?

Donald Rubell: Nein. Mit diesen Leuten habe ich wenig zu tun. Ich sammle ausschließlich zeitgenösssiche Kunst, da sind die Preise noch nicht ganz so hoch. Mir geht es auch nicht um finanzielles Prestige oder das reine Anhäufen von Kunst. Aber es gibt eben Leu te, die brauchen ihre Trophäen - Trophäenfrau, Trophäenhaus, Trophäenkunst ...

Wie sind Sie überhaupt zum Kunstsammler geworden?

Meine Frau und ich begannen vor über 40 Jahren. Damals spielte ich noch Tennis als Leistungsport. Auf einem Tunier war mir langweilig, und ich ging mit Mera ins Museum. Das begeisterte uns und im Nu waren wir wie besessen.

Wir lasen alles, was wir über Kunst in die Hände bekamen, und wenn wir in New York waren, besuchten wir an einem einzigen Wochenende nicht selten 50 Galerien.

Was haben Sie zuerst gekauft?

Wie viele Leute haben wir mit limiterten Editionen begonnen, aber schon bald haben wir Originale von Künstlern wie Carl Andre, Cindy Sherman und Francesco Clemente gekauft. Von Keith Haring haben wir sogar das erste und das letzte Werk erworben, das er jemals verkauft hat. Inzwischen ist die Sammlung auf ungefähr 6000 Werke angewachsen, darunter auch viele deutsche Künstler. Bei uns sammelt übrigens die ganze Familie. Inzwischen nehmen wir auch unsere Enkelkinder auf Kunstreisen mit. Kinder haben einen sehr klaren Blick. Das ist hilfreich.

Denn wenn man in ein bestimmtes Alter kommt, braucht man junge Augen, um Kunst zu betrachten.

Aber wer bestimmt letzlich über einen Ankauf?

Wir entscheiden per Mehrheitsbeschluss.

Dabei gibt es keinen Altersbonus. Bei Unstimmigkeiten muss man für seine Idee kämpfen und versuchen, die anderen umzustimmen. Meist sind wir uns einig. Aber es gab auch schon Fälle, wo wir deshalb etwas nicht gekauft haben.

Wie muss ein Kunstwerk aussehen, damit es Ihre Aufmerksamkeit erweckt?

Die wohl wichtigste Eigenschaft ist das Fehlen von Vertrautheit. Es muss dein Denken verstören und ein bisschen Unwohlsein hervorrufen. Die Arbeiten, die wir heute am liebsten mögen, sind die, die uns anfangs am meisten verunsichert haben, wie zum Beispiel Charles Rays Skulpturengruppe "Oh Charley, Charley, Charley ..." Es gibt immer diesen Reflex, sich zu dem hingezogen zu fühlen, was man schon kennt. Aber das ist zu einfach.

Vor zehn Jahren haben Sie in Miami die "Rubell Family Collection" eröffnet, ein 4000 Quadratmeter großes Privatmuseum für Gegenwartskunst.

Bis dahin war die Stadt ja eher für schönen Strände und brutale Drogendealer bekannt, nicht aber für ihre Kunstszene. Warum haben Sie sich also gerade für diesen Standort entschieden?

Wir kamen 1993 aus geschäftlichen Grün den nach Miami. Damals gab es dort keinerlei Interesse an zeitgenössischer Kunst. Das kann man sich in Europa gar nicht vorstellen, weil das kulturelle Verständnis dort tiefer verwurzelt ist. In Amerika ist es vielerorts nur sehr oberflächlich.

Da wollten Sie Pionierarbeit leisten?

Erst mal ging es nur darum, unsere Sammlung in Miami unterzubringen.

Wir kommen ursprünglich aus New York. Dort quoll unser Haus über vor Kunst, obwohl die meisten Sachen eingelagert waren, was in New York extrem teuer ist. Deshalb überlegten wir, in Miami, wo die Immobilienpreise relativ niedrig waren, ein großes Lagerhaus zu kaufen. Dabei kam uns dann die Idee, die Kunst auch einem breite res Publikum zugänglich zu machen. Im Grunde sind wir das unseren Künstlern schuldig. Denn die Kunst, die wir besitzen, gehört uns nicht wirklich.

Sie gehört der Allgemeinheit.

Ihr Gebäude wurde vorher von der Polizei als Lager für beschlagnahmte Drogen und Hehlerware genutzt. Wie reagierten die Leute, als Sie dort provokante Arbeiten von Künstlern wie Paul McCarthy oder Maurizio Cattelan ausstellten?

Es macht doch einen großen Unterschied, ob man etwas nur für sich kauft oder ob man es den Augen der Öffentlichkeit preisgibt. Das ist in etwa so, als ob man plötzlich seine Unterwäsche auf der Straße trägt. Es dauerte eine Weile, bis wir dazu die nötige Courage aufbrachten. Zunächst waren wir sehr selbstkritisch und dachten, wir könnten nur bestimmte Werke zeigen. Doch dann merkten wir, dass die Leute wirklich neugierig darauf sind, einen anderen Blickwinkel gezeigt zu bekommen.

Und wir selbst lernten, aus der Sammlung heraus Konzepte zu entwickeln.

Eigentlich kauft man ja zunächst immer nur indivuelle Werke. Erst durch den Ausstellungsgedanken entdeckt man Ähnlichkeiten und Spannungen zwischen einzelnen Werken.

Wie öffentlich ist Ihre Sammlung?

Die Sammlung ist das ganze Jahr über geöffnet, mittwochs bis sonntags von zehn bis 18 Uhr. Wir haben zwischen 70 000 und 80 000 Besucher im Jahr - auch viele Schulklassen. Die wichtigsten Kunsthochschulen aus der Umgebung lehren mittlerweile ihre Kurse über zeitgenössische Kunst hier. Kürzlich hatten wir eine ganze Woche lang eine Klasse aus München zu Besuch.

Das kann den Ablauf ganz schön durcheinander bringen. Aber wir lieben so etwas.

Gerade zeigen Sie unter dem Titel "Red Eye" eine große Ausstellung mit Künstlern aus Los Angeles. Ist das der neue Hot Spot?

Kalifornische Künstler wie McCarthy, Mike Kelley und Charles Ray bilden schon länger einen wichtigen Teil unserer Sammlung. Deren Werke aus den achtziger und neunziger Jahren wollten wir gern zusammen zeigen. Gleichzeitig interessierte uns, was heute in Los Angeles los ist. Also sind wir hingeflogen - zwölf mal in den letzten 18 Monaten. Morgens um neun kamen wir an, durchkämmten Künstlerateliers, Galerien und Museen, und am nächsten Abend ging es mit der Nachtmaschine wieder zurück.

Daher auch der Titel "Red Eye". So nennt man die Nachtflüge zwischen Ost- und Westküste, bei denen man wegen Schlafmangels oft mit roten Augen ankommt. Wir haben spannende neue Künstler entdeckt, Aaron Curry, Thomas Houseago und Nathan Mabry. L. A. ist nicht in seiner Geschichte gefangen, sondern bietet ein offenes, dynamisches Milieu.

Sie haben offenbar einen guten Riecher für neue Trends. Bereits vor über zwei Jahren organisierten sie eine große Ausstellung mit Leipziger Malern wie Neo Rauch, Matthias Weischer, David Schnell und Tim Eitel.

Die Schau war extrem erfolgreich. Sie tourt immer noch durch Amerika und ist ein absoluter Publikumsmagnet.

Im MASS MoCA in North Adams, Massachusetts, kamen 100 000 Besucher, in Santa Fe rund 30 000, und jetzt läuft sie gerade im Frye Art Museum in Seattle. Außerdem haben wir eine Einzelschau mit Werken von Eberhard Havekost organisiert, die gerade im Katzen Arts Center in Washington für Begeisterung sorgte. Wir schicken unsere Ausstellungen gern auf Reisen, dazu veröffentlichen wir aufwändige Kataloge - eine unglaubliche Methode, enorm viel Geld zu verlieren!

Verkaufen Sie gelegentlich Kunstwerke des Geldes wegen?

Sicher wäre das manch mal einfacher.

Aber ich habe meine Prinzipien: Verkaufe niemals deine Kinder, deinen Hund oder deine Kunst. Wir haben in all den Jahren weniger als 40 Arbeiten wieder abgestoßen. Deshalb müssen wir auch weiter arbeiten, um unsere Sammelleidenschaft zu finanzieren.

Wir betreiben Hotels in Miami, Washington und New York. Und auch dort ist die ganze Familie eingespannt.

Andere Sammler sind weniger zimperlich.

Charles Saatchi beschwor erst vor kurzem mit seiner Sammlung den "Triumph der Malerei". Jetzt lässt er viele seiner Gemälde schon wieder versteigern.

Wir sind gut befreundet und schätzen uns gegenseitig, weil wir beide verrückt nach Kunst sind. Aber Charles größte Leidenschaft ist das Kaufen.

Fast scheint es so, dass er total das Interesse verliert, nachdem er seine Neuerwerbungen einmal gezeigt hat. Er ist ein Jäger.

Wo machen Sie Ihre Entdeckungen, auf Messen, in Galerien oder direkt im Künstleratelier?

Wir kaufen fast nie außerhalb des Galeriensystems.

Nur bei ganz jungen Künstlern bitten wir den Galeristen manchmal, einen Atelierbesuch für uns zu arrangieren. Denn bei denen ändert sich das Werk oft radikal. Und natürlich gehen wir auch auf sehr viele Messen.

Welche sind für Sie die wichtigsten?

Die "Art Basel" in der Schweiz ist, was die allgemeine Qualität der Kunst angeht, sicher die beste Messe der Welt.

Danach kommt gleich die "Art Basel Miami Beach" mit ebenso hoher Qualität, aber einem jüngeren Angebot.

Sie ist inzwischen für Amerika, was die "Art Basel" für Europa ist. Und sehr interessant ist auch die "Frieze" in London, die ganz auf klassische Positionen verzichtet, dafür aber die frischeste Kunst hat. Dort findet man am ehesten etwas Neues. Aber auch die Berliner Messe "Art Forum" ist wichtig für uns. Dort zeigen die Galerien andere Sachen, die sie nicht nach Basel bringen würden. Die "Art Cologne" war früher sehr aufregend, jetzt weniger, obwohl die Messemacher offenbar schwer daran arbeiten, sie wieder interessanter zu machen.

Die "Art Basel" hat Miami endgültig ins Rampenlicht der internationalen Kunstszene katapultiert. Wie wirkt sich das auf die Stadt aus?

Die Gegend rund um unser Museum hat sich total verändert. Früher war das ein verrufenes Quartier. Jetzt gibt es über 60 Galerien in Laufnähe, und viele Künstler haben hier ihre Ateliers.

Inzwischen zieht es sie auch aus anderen Städten nach Miami. Denn die Mieten sind günstig, die Lebenshaltungskosten niedrig und man findet schnell Kontakt zur hiesigen Kunstszene.

Miami ist sicher noch nicht Berlin.

Aber es gibt hier inzwischen viele Leute, die zeitgenössische Kunst sammeln, es gibt gute Ausstellungen und sogar ein paar Absolventen der Kunstakademie, Hernan Bas und Mark Hand forth, die international Beachtung finden.

Und wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Sammlung?

Sie soll sich ständig weiterentwickeln.

Eine Kunstsammlung ist nur solange relevant, wie sie sich verändert. Ich hoffe, in 100 Jahren bestaunen die Leute die Werke, die unsere Ururenkel gerade gekauft haben.

Ausstellung: "Red Eye", bis 31. Mai, Miami.

Literatur: "Not Afraid", Phaidon Verlag, 2004, 69,95 Euro.

Internet: www.rubellfamilycollection.com

Nur Gefälliges zu kaufen, wäre zu einfach: Donald und Mera Rubell vor Paul McCarthys Skulptur "Cultural Gothic" (1992)

Cindy Sherman (hier "Untitled Film Still #21", 1978, 76 x 102 cm) haben die Rubells schon früh entdeckt

Anziehungskraft durch Abstoßung: Charles Rays Figurengruppe "Oh Charley, Charley, Charley ..." (1992)

Jason Rhoades, der letztes Jahr überraschend starb, hat den Platz für seinen "Untitled Chandelier" ("Kronleuchter ohne Titel", 2004) noch selbst gewählt

Thomas Ruff hat die Sammlerfamilie porträtiert (von links): "Jason Rubell" (1989), "Mrs. Rubell" (1988) und "Mr. Rubell" (1988)

Vom Deutschen Tim Eitel stammt das Acrylbild "Kleine Anhöhe" (2003, 24 x 24 cm)

Maurizio Cattelans Selbstbild mit Filzanzug und Garderobe:

"La rivoluzione siamo noi" ("Die Revolution sind wir", 2000)

"Mir geht es nicht um Trophäen, um finanzielles Prestige oder das reine Anhäufen von Kunst"

Bronzeskulptur "A Very Touching Moment" (2006, Höhe 160 cm) von Nathan Mabry

Thomas Houseagos "Box Figure" (2006, Höhe 104 cm, Gips, Hanf und Stahl)

"L. A. bietet ein offenes, dynamisches Milieu": Aaron Currys "Shack # 15" (2006)

"Kunst muss verunsichern, dein Denken verstören und ein bisschen Unwohlsein hervorrufen"

"Die Sammlung öffentlich zu machen, war so, als ob man seine Unterwäsche auf der Straße trägt"

Ehemals Gynäkologe und Lehrerin, heute richtungsweisende Sammler: Don und Mera Rubell

Industrieambiente für Klassiker der Pop Art: Keith Harings "Untitled" (1982) und "Finding God" (1982) von Gilbert & George

In dem Gebäude der Rubells lagerte Miamis Polizei einst beschlagnahmte Drogen

"Früher war die Umgebung unseres Museums total verrufen. Jetzt gibt es über 60 Galerien in Laufnähe"