Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 48-49
Das Preis-Rätsel
Von Kito Nedo
Wie wird der Wert eines Kunstwerks bestimmt? Sind Preise willkürlich? Kann man die Wertentwicklung steuern? Gerd Harry Lybke, Galerist und Pate der neuen Leipziger Malerei, gewährt einen Blick hinter die Kulissen
Zuallererst: Preise interessieren mich nicht. Der Wert einer Arbeit misst sich nicht am Preis. Das ist ja wohl klar, oder? Ein professioneller Künstler ist nicht an Geld interessiert, sondern an Unsterblichkeit, an Kunstgeschichte - und die zieht das Geld mit sich. Der Preis ist nur eine Strategie. Das heißt, man setzt einen Preis nicht hoch an, weil man viel Geld verdienen will, sondern: Die gute Nachricht auf einer Ausstellung ist, dass es verkauft ist.
Wenn wir also dennoch über Preise reden müssen, gilt: Alle Künstler beginnen bei Null. Nehmen wir mal an, unser Beispielkünstler hätte studiert (viele haben das auch nicht), dann fängt man nach dem Studium mit einem sehr geringen Preis an. Der Preis ist so gut, dass jemand, dem die Arbeit gefällt, nicht darüber nachdenken muss, ob er kauft oder nicht. Da gibt es natürlich verschiedene Ebenen von Nicht-nachdenken-über-Geld, aber bei einer Studentenarbeit gibt es eben Preise, die um die 1000 Euro herum liegen - um jetzt mal eine Zahl zu nennen. Das ist der Anfang. Dann kommen die Leute und fragen: "Und was kostet ein David Schnell? Den gab es doch mal für 1000 Euro!" Dann sage ich: "Ja, als der gerade mit dem Studium fertig war, da gab es den mal für 1000 Euro. Jetzt kosten die Bilder zwischen 30 000 und 160 000 Euro." Dann sagen die Leute: "Mensch, Wahnsinn, der hat sich ja richtig entwickelt!" Also: Alle fangen bei Null an, egal, wie sie heißen. Aber: Nur für die wenigsten Künstler entwickeln sich die Preise so, dass sich das nicht in einer wellenförmigen Bewegung, sondern in einer stetig ansteigenden Strecke widerspiegelt.
Diesen Anstiegswinkel zu halten, das ist eine wichtige Sache.
Preise sind nicht willkürlich, sondern definieren sich aus dem, was eine Biografie mit sich bringt, inwieweit ein Künstler in seine Generation hineinwirkt. Ob ein Künstler mit seiner Arbeit andere - bewusst oder unbewusst - beeinflusst. Am stärksten gilt das momentan sicherlich für Neo Rauch. Er hat die Tür für Malerei aufgemacht.
Er ist in seiner Generation einer der wichtigsten Künstler, die sich mit Malerei beschäftigen. Seine Bilder kosten heute zwischen 60 000 und 400 000 Euro. Aber wie gesagt, ich arbeite schon so lange mit den Künstlern zusammen, deswegen sind Preise für uns nicht relevant. Bis 1996 haben wir immer im Minus gelebt, das war mit "Eigen + Art" kein Problem, denn es geht um Kunst an sich.
Als Galerist macht man die Preise nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Künstler. Für die Malerei gibt es ja tradierte Vorgaben für die Preisgestaltung, Formeln wie: Höhe plus Breite mal Faktor X. Daher auch die Regel: Kleine Arbeiten sind preiswerter, und größere Arbeiten sind teurer.
Das war schon immer so. So kommt man zu einem ungefähren Preis - wobei der Faktor X etwas mit "Wichtigkeit" und der Frage zu tun hat, ob es sich um eine gute oder weniger gute Arbeit handelt. Ein Kunstwerk wird nie danach bemessen, ob der Künstler plötzlich angefangen hat, mit Rubinen und Gold zu arbeiten.
Prinzipiell ist der Preis eines Werkes unabhängig von der Materialität und vom Arbeitsaufwand oder der Arbeitsdauer, die der Künstler in die Produktion investiert hat. Wenn der Künstler also sagt: Dort sind zwei Kühe und drei Goldbarren und ringsherum Schlamm - dann ist das für den Wert der Arbeit nicht wichtig. Ein professioneller Künstler hat auch nur einen einzigen Preis, egal, wo dieses Werk auftaucht, ob in seinem Atelier, in der Galerie, im Museum oder sonstwo.
Bei den anderen Medien, wie Fotografie oder Video ist es natürlich schwieriger, das Richtige zu finden. Da fängt man wieder sehr, sehr niedrig an, wie etwa bei den neuen Fotoarbeiten von Martin Eder. Wenn man merkt, dass man drei oder fünf Fotos aus der Edition für 8000 Euro schon am ersten Messetag in Miami verkauft hat, weiß man, dass man irgendwas richtig gemacht hat, nicht nur als Künstler, sondern auch im Preis. Denn dann hat man einen Preis, der akzeptiert ist.
Dann kann man sagen, okay, wir können ein Stück höher gehen, um die Grenze zu spüren, an der die Leute nicht sofort kaufen, sondern sagen:
Das überlege ich mir noch mal. An dieser Grenze überlappen sich Interesse, Preis und Inhalt. An so einem Punkt darf man mit dem Preis nicht höher gehen sondern muss wieder daran arbeiten, dass das Werk auch stimmt. Wird das Bild verkauft, teilen sich der Künstler und die Galerie den Preis 50:50. Alle Kosten, wie die Messen, die Galerieräume und so weiter, liegen ganz allein beim Galeristen.
Das ist weltweit so. Aber das ist eine ganz olle Kamelle, das muss man niemandem mehr erzählen.
Die Leute, die Kunst als Investitionsobjekt verstehen, haben bei mir keine Chance. An die verkaufe ich nichts. Um diesen Fehler zu machen, habe ich zu wenig Ware. Wer den Künstler und seine Kunst weiterbringt, das sind die Museen und öffentlichen Sammlungen. Ein Investor tut das nicht. Würde ich an den verkaufen statt an ein Museum, würde ich gegen mich selbst arbeiten.
Ich sage jedem, der zu mir kommt, dass sein Geld verloren ist: Du kaufst ein und dein Geld ist weg. Das ist keine Investition. Der Platz für Investoren sind die Auktionen, deshalb gibt es dort diese hohen Preise. Dort schaukeln sich dann die Preise immer höher. Aber das hat mit meiner Arbeit als Galerist wirklich überhaupt nichts zu tun.
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