Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 129

Effektvoll

Von Till Briegleb

Architektur II: Bottas Turiner Kirche "Santo Volto"

Die Kirche "Santo Volto" ist von einem ganz besonderen Friedhof umgeben - dem Friedhof der Turiner Autoindustrie. Dessen Grabstelen bestehen aus abgesägten Stahlträgern, das riesige Skelett einer Fertigungsanlage wirkt wie die Aussegnungshalle, und als neue Vegetation wachsen etliche Wohnhochhäuser in Blassrosa und Lindgrün aus der Brache des einstigen Fiat- Werks. Desperater als das städtische Um feld an der Kreuzung "Piero della Francesca" kann ein Ort kaum sein.

Neues Leben werde er diesem toten Ort mit seiner Architektur ein hauchen, versprach der Tessiner Architekt Mario Botta und entwarf dazu eine Kirche, die mit dem Design einer Industrieanlage kokettiert. Wie ein Zentralbau aus gewaltigen Ablüftungsrohren tritt "Santo Volto" auf. Dass es sich bei der kantigen, rot verklinkerten Komposition aus Schloten um eine Kirche handelt, erklärt sich nur durch ein Kreuz aus Glasbausteinen in der Südfront.

Im Inneren dieser sonderlichen Kreuzung aus Fabrikarchitektur und Baptisterium verbirgt sich dann ein Raum, der wieder einmal Bottas Genie für sakrale Inszenierungen beweist. Sieben monumentale, dreieckige Stützen streben aus einem kreisrunden Grundriss zur Decke und vereinigen sich dort in einem Punkt, der durch ein grelles Licht akzentuiert wird. Nicht minder wirkungsvoll fallen durch die himmelwärtigen Öffnungen der sieben "Schlote" die Sonnenstrahlen in das Kircheninnere. Edle Wandverkleidungen aus Ahornlamellen, Steinbänder und ein weiß-schwarz-roter Dreiklang aus Naturstein unterstützen die erhabene Wirkung der inneren Gestaltung, die in ihrer Möblierung allerdings nicht frei von Kitsch ist. Hinter dem Altar zeigt ein Pixelbild aus rotem Marmor das "Antlitz" Jesu, wie es das "Turiner Grabtuch" überliefern soll - das Tuch selbst, das der Kirche ihren Namen gab, wird nur selten öffentlich gezeigt.

Mario Botta, der vor allem in den achtziger und neunziger Jahren mit seinem Repertoire aus angeschnittenen Grundformen und streifenförmiger Oberflächenstruktur eine sehr inspirierte steinerne Baukunst schuf, der da nach aber in seinem Kanon zu erschlaffen drohte, ist mit "Santo Volto" endlich wieder eine aufregende Architekturerfindung gelungen. Sein eindrucksvoller Turiner Sakralbau schafft die schöne und schwierige Balance zwischen skurril und würdig, die der Selbstdarstellung einer modernen katholischen Kirche angemessen scheint - und vielleicht auch zur Auferstehung der Fiat- Brache beitragen kann.

Kasten:

Mario Botta, 64-jähriger Schweizer Architekt, zählt zu den bedeutendsten Vertretern einer betont lyrischen Postmoderne. Nach ersten Zusammenarbeiten mit Le Corbusier und Louis I. Kahn Ende der Sechziger entwickelte Botta seinen originären Stil der architektonischen Elementarformen, die er mit geometrischen Einschnitten öffnete. Seit Mitte der neunziger Jahre hat Botta diverse bedeutende Kirchenbauten wie die Kathedrale von Evry, die Kirche in Mogno und die Kapelle Monte Tamaro (alle 1995) errichtet, im selben Jahr wurde auch das von ihm entworfene Museum of Modern Art in San Francisco fertiggestellt.

Aktuelle Projekte: die "Ethnikí"-Versicherung in Athen, eine Bibliothek in Einsiedeln und eine Metrostation in Neapel.