Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 8
Aristokratie versus Bürger
Von Bettina Hennig
Serie: "Lust und Drama des 18. Jahrhunderts", Trend: Rokoko-Revival (2/2007)
Ich habe mich sehr über ihren Schwerpunkt "Im Rausch des Rokoko" gefreut, zumal ich gerade zu diesem Thema promoviere. Allein: Mir ist aufgefallen, dass auch Sie einen Mangel an Bewusstsein für die Verschiedenheit der einzelnen Stile und Moden dieser bewegten, vorrevolutionären Zeit haben. Bestes Beispiel dafür ist die Doppelseite 24/25, auf der Sie eine Anzeige des Designer-Duos Dolce & Gabbana als Reminiszenz an den "überfeinerten Chic des Rokoko" ausweisen.
Nein, das ist kein Rokoko, sondern überfeinertes Empire. Der Unterschied besteht nicht nur darin, dass beim Empire Reifröcke, Korsetts, Korsagen und Perücken komplett fehlen und im Gegensatz zum Rokoko alles fließt und frei ist von Zwängen - selbst die Haare werden nur mit natürlicher Coiffeurkunst in Form gebracht, zum Beispiel durch Eigenhaarzöpfe.
Der Unterschied besteht vor allem in dem politischen Hintergedanken beider Moden. Rokoko ist eine höfische Mode, Empire eine bürgerliche. Sie hat Anleihen in der römischen Antike und symbolisiert die Republik, die Freiheit (auch von Korsagen) und die Gleichheit des Menschen. Im Empire geht es nicht - wie im Rokoko - um ein kompetitives Verhalten des Höher (die Perücken) und Weiter (Röcke), sondern um die Gleichheit, eine der Forderungen der revolutionären Trias Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Es geht um die Einfachheit, die Schlichtheit, die Bescheidenheit als Gegenprogramm zum Protzverhalten der Aristokratie.
, Hamburg
