Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 124
Der Tod des Patriarchen
Von Axel Hecht
Oetker-Sammlung: Weder Bielefeld noch Münster erben
Die "Russische Tänzerin" von Ernst Ludwig Kirchner war 1998 gerade als Plakatmotiv zum 30-jährigen Bestehen der Kunsthalle Bielefel d gewählt worden, da ging die expressionistische Schönheit dem Haus verloren:
Rudolf August Oetker, Eigentümer des Gemäldes, kündigte den Leihvertrag. Die Strafaktion war Antwort auf einen kurz zuvor erfolgten Ratsbeschluss: Im Bielefelder Stadtparlament hatte die Mehrheit von SPD und Grünen beschlossen, den Beinamen der Kunsthalle "Richard-Kaselowsky- Haus" zu streichen. Von da an stimmte die Chemie zwischen dem demokratischen Gemeinwesen und der Unternehmer-Dynastie nicht mehr.
So konnten nur naive Zeitgenossen den Tod des Patriarchen - Oetker starb jüngst im Alter von 90 Jahren - mit der Hoffnung verbinden, die Kunsthalle würde das eine oder andere Werk aus seiner umfangreichen Sammlung erben.
Rolf Mühlmann, Unternehmenssprecher von Oetker in Bielefeld, verkündete in dürrer Wirtschaftsprosa: "Die Sammlung steht nicht zur Disposition. Sie gehört zur Holding." Das ist der Preis für den späten Sinneswandel. Ursprünglich hatte sich Oetker seinen Zehn- Millionen-Mark-Zuschuss zum Bau der Kunsthalle mit der Zusage vergelten lassen, das Museum nach seinem Stiefvater "Richard- Kaselowsky-Haus" zu nennen. Als der Stadtrat 1998 die Zusage früherer Kommunalpolitiker zurücknahm, weil die Nazi-Vergangenheit Kaselowskys zunehmend als Erblast empfunden wurde, zog Oetker die Leihgaben - fünf Bilder und einige Plastiken - ab.
Einen Einblick in die Sammlung Oetker erhielt die Öffentlichkeit 2003. Damals stellte das Westfälische Landesmuseum in Münster rund 250 Werke aus - von altdeutscher Tafelmalerei bis zu niedlichen Porzellanfiguren.
Die "Süddeutsche Zeitung" kritisierte seinerzeit, es "mangelt an Glanzlichtern, an Überraschungen, an Originalität". Das wird den Sammler gekränkt haben.
Und Münster hat die Präsentation der Oetker-Kollektion langfristig gesehen keinen Vorteil gebracht:
Das Landesmuseum, so ließ Sprecher MühLmann durchblicken, wird wohl auch nichts erben.
