Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 123-124

Wo bleiben die deutschen Stars?

Von Kito Nedo

Museen: Warum Berlins Neue Nationalgalerie auf wichtige Schauen verzichtet

Berlin sei eine "ignorante Bonzenrepublik", polterte der Maler Georg Baselitz in einem Zeitungsinterview. Besonders erbost zeigte sich der 69-jährige Künstler über die Neue Nationalgalerie in der Potsdamer Straße, in deren Sammlung sich kein einziges Baselitz-Werk befindet: "Zeitgenössische Künstler - und ich bin ein zeitgenössischer Künstler, auch wenn ich schon ziemlich alt bin - kommen dort nicht vor." Auch der renommierte Fotograf Andreas Gursky scheint nicht gerade gut auf das Museum zu sprechen sein, seit eine für Frühjahr geplante Ausstellung im Mies-vander- Rohe-Bau von Berliner Seite abgeblasen wurde. Gurskys Rache ist subtil. Journalisten, die den Künstler im Vorfeld seiner Münchner Retrospektive besuchten, berichteten von einem Papp- Modell der Nationalgalerie, das der Fotograf seinen Katzen als Kratzbaum überlassen habe.

Nicht nur außerhalb, sondern auch in der Berliner Kunstszene selbst schwelt seit Jahren Unmut gegen das Gebaren des Generaldirektors Peter-Klaus Schuster.

Gern zollt man dem Museumsgeneral Respekt für seine Leistungen um die Wiederbelebung der Museumsinsel, aber als engagierter Anwalt der Gegenwartskunst gilt Schuster nicht. Niemand kann verstehen, das nicht einmal Stars wie Isa Genzken, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Jonathan Meese, Da niel Richter oder Franz Ackermann, deren Ateliers buchstäblich vor der Haustür liegen, zu Ausstellungen in die Nationalgalerie eingeladen werden. Deutsche Gegenwartskünstler bekommen in London, New York, Hamburg, München oder Wolfsburg ihren großen Auftritt - aber nicht in Berlin.

An den Künstlern selbst liegt es nicht. Wie sehr sie daran interessiert sind, ihre Arbeiten im großen Rahmen in Berlin zu zeigen, bewies die neuntägige White- Cube-Ausstellung im Dezember 2005 in der Ruine des Palastes der Republik. Deren Organisatoren gelang es innerhalb von drei Wochen, mit einem minimalen Budget eine hochkarätige Gruppenschau zu realisieren. Dieses Beispiel wird vielfach zitiert, um zu zeigen, dass es den Staatlichen Museen vor allem an Inspiration und Initiative mangelt. Wie sonst sei es zu erklären, dass der GlaspaLast in der Potsdamer Straße wie eine Trutzburg gegen den Ansturm des Zeitgenössischen verteidigt wird, aber jedes Jahr vermeintlich risikolosen Blockbustern à la MoMA, Me lancholie oder Metropolitan monatelang als Schauplatz dient?

Sie könne die Kritik an der Nationalgalerie durchaus verstehen, sagt Angela Schneider, stellvertretende Direktorin der Nationalgalerie.

Das Haus, so gibt Schneider zu bedenken, sei jedoch nicht nur eine Kunsthalle, sondern auch ein Museum, das von Zeit zu Zeit seine Sammlung der Klassischen Moderne präsentieren müsse. Zudem sei die obere Ausstellungshalle nicht ohne weiteres für Präsentationen nutzbar.

Jeder ausstellungsbedingte Umbau der Glashalle koste rund 400 000 Euro, der Gesamtetat des Hauses liege nach Abzug der laufenden Betriebskosten bei "mehr oder weniger Null". Wegen dieser finanziellen Hürden habe man auch auf die Gursky-Ausstellung verzichtet. Die Jörg-Immerdorff- Schau 2006 konnte nur dank der Unterstützung privater Sammler stattfinden.

Denn große Projekte sind nur mit externer Finanzhilfe zu realisieren, die vor allem durch den Verein der Freunde der Nationalgalerie geleistet wird. Dies bestätigt auch Peter Raue, langjähriger Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, und nennt dies "keinen glücklichen Zustand". Gleichzeitig aber betont er, dass man sich lediglich um Finanzen Gedanken mache, auf die inhaltliche Ausrichtung des Hauses jedoch keinen Einfluss nehme. Die Nationalgalerie verschmähe die aktuellen Künstler keinesfalls, versichert indes Angela Schneider und verweist auf künftige Ausstellungspläne: So ist für das Jahr 2009 eine große Präsentation der Leipziger Schule ins Auge gefasst - immerhin zehn Jahre nach dem neuen Boom.