Ausgabe: 04 / 2007
Seite: 103

Masse und Macht

Von

BERLIN: KUNST UND PROPAGANDA

Die Ausstellung leistet einen wichtigen Beitrag zum ästhetischen Verständnis des 20. Jahrhunderts, findet Historiker und Kritiker Gustav Seibt. Zu den Dogmen der Ästhetik gehörte nach 1945 die politische Konfrontation von abstrakter und figurativer Kunst:

Abstrakt sei die Kunst der freien Welt, denn sie ist autonom, nicht funktionalisierbar, modern; figurativ, im weitesten Sinn realistisch aber sei die Kunst totalitärer Staaten mit ihrem Appell an die Masse, ihrer Beschönigung sozialer Gewaltverhältnisse und ihrer optimistischen Geschichtsphilosophie.

Alle Debatten um Formalismus und Realismus in der späten Moderne folgten dieser Landkarte. Einen Nachklang dazu erlebten wir in Deutschland im Bilderstreit nach dem Untergang der DDR. Das neue Aufblühen figurativer Malerei, vor allem der spektakuläre Erfolg der neuen Leipziger Schule, hat das Problem kurzfristig überdeckt. Gelöst ist es nicht.

Die Ausstellung über "Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930-1945" im Deutschen Historischen Museum (DHM) ist - ihrem Ort entsprechend - keine Kunstschau. Die ausgestellten Bilder, Skulpturen, Fotografien und Baupläne werden als historische Zeugnisse vorgestellt. Trotzdem erhellt die Schau den Ursprung jener Nachkriegsdichotomie.

Die Werke stammen aus der totalitären Blütezeit des 20. Jahrhunderts, als die bürgerlichen Demokratien auf dem Rückzug und die Diktaturen in Italien, der Sowjetunion und in Deutschland die Zukunft zu repräsentieren schienen. Der bedrückende Gesamteindruck, den die Schau vermittelt, hat mit dieser, nur knapp abgewendeten historischen Möglichkeit zu tun.

Eine Welt von , in der das Subjekt nichts gilt, das hätte sich durchsetzen können.

Die Ausstellung arbeitet einen wichtigen Bestand nationalsozialistischer Kunst auf, der dem DHM aus dem Besitz des Bundes zugefallen ist. Kühn ist die Kombination mit der amerikanischen Sammlung von Mitchell Wolfson aus Miami Beach, die auch die Propaganda- Kunst des New Deals einbezieht.

Das Wagnis einer Asymmetrie im Vergleich - auf der einen Seite Italien, Deutschland, Russland, auf der anderen die Vereinigten Staaten -, hat sich gelohnt.

Die US-Kunst teilt manche formale Züge mit dem diktatorischen Gewaltstil der Epoche; aber sie ist die einzige, die innere Widersprüche der Gesellschaft zur Anschauung bringt, beispielsweise in den beeindruckenden, auch staatlich geförderten Fotoserien vom sozialen Elend jenes "Drittels der Nation", das nicht am kapitalistischen Wohlstand teilnehmen konnte.

Der Besucher dieser faszinierenden Schau ist gehalten, weniger die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede, nicht zuletzt in der Qualität wahrzunehmen.

Die durchgehende Belanglosigkeit der NS-Malerei mit ihren frostigen Akten, kantigen Gesichtern und ländlichen Kulissen sticht nicht nur vom formalen Witz mancher futuristischen Bildfindung ab, die Mussolinis Kopf zum Logo und damit fast zur Karikatur verwandelt; auch die sowjetische Malerei zeigt enormes Gefälle im Niveau und hat mit Alexander A. Deinekas Sportlerbildern Ikonen des 20. Jahrhunderts hervorgebracht.

Abstrakt-demokratisch versus figurativtotalitär, diese Frontstellung wird im DHM sowohl erklärt wie relativiert.

Termin: bis 29. April. Katalog: Michel Sandstein Verlag, 34 Euro, im Buchhandel 48 Euro. Internet: www.dhm.de