Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 54-59
Der Zar der Moskauer Szene
Von Susanne Altmann
"Die Geschichte der russischen Kunst seit 1990 und die Geschichte meiner Galerie sind identisch", behauptet Marat Guelman - und zwar zu Recht. Ein Porträt des umstrittenen Strippenziehers der neuen russischen Kunst aus Anlass der 2. Moskau-Biennale. Klar: Auch hier ist Guelmans Galerie maßgeblich beteiligt
Besucher: Gehst du in die Kirche? Virtueller Marat: Nein. Besucher: Gehst du in die Synagoge? Virtueller Marat: Nein. Besucher: Bist du Materialist oder Metaphysiker? Virtueller Marat: Mir scheint, ich habe das schon gesagt: Ich bin - Galerist.
Den uneingeweihten Besucher wundert der seltsame Dialog, der ihn da auf der Website von Russlands wichtigster Galerie für Gegenwartskunst begrüßt. Was treibt Inhaber Marat Guelman nur dazu, seine Identität derart zu betonen?
Guelman ist der bedeutendste russische Händler für Zeitgenössisches.
1960 im moldawischen Chisinau geboren, begann er schon Mitte der achtziger Jahre, Kunst zu sammeln und Ausstellungen zu organisieren. Dabei interessierte er sich weniger für den damals hippen Moskauer Konzeptualismus, sondern entdeckte im Hinterland neue Talente. Und gleich im November 1990 gründete der unangepasste Kunstpionier aus der Provinz in Moskau seine eigene Galerie - die erste im rasch zerfallenden Sowjetreich.
Seit damals gehören Berühmtheiten wie Witalij Komar & Alexander Melamid, Boris Mikhailov, Oleg Kulik oder Walerij Koschljakow zu seinem Stammpersonal. Warum also dieser Wirbel um die Berufsbezeichnung Galerist?
Dafür gibt es durchaus gewichtige Gründe, denn selbst vielen Russen ist Guelman weniger als Mann der Künste geläufig, sondern vielmehr als einflussreicher Politstratege. Im Gespann mit dem zwielichtigen Kreml- Berater Gleb Pawlowski organisierte Guelman von 1995 bis 2002 landesweite PR-Kampagnen und Wahlkämpfe; einige Politiker, so heißt es, habe er regelrecht in den Sattel gehoben. Zu seiner hochkarätigen Klientel gehörten Boris Jelzin - dessen Abschied aus der Politik 1999 er maßgeblich mit inszenierte -, der vorbestrafte Maschinenbauingenieur und heutige ukrainische Premier Wiktor Janukowitsch sowie Präsident Wladimir Putin selbst.
2003 erdachte und lancierte Guelman gar eine neue Partei, die nationalistische "Heimat" ("Rodina"). Sie hatte nur einen Zweck: Die Zersplitterung der Parteienlandschaft weiter voranzutreiben, um Putin als starken Mann da stehen zu lassen. Vor dieser Kulisse wirkt er fast wie eine postsowjetische Reinkarnation von Dr. Jekyll und Mr.
Hyde.
Denn auf der anderen Seite fördert er offensiv gesellschaftskritische Positionen: Im Galerieprogramm und mit provokativen Ausstellungen umgibt er sich bevorzugt mit Unruhestiftern wie Oleg Kulik, Alexander Brener oder der Gruppe Blue Noses.
Guelmans Zögling Awdej Ter-Oganjan wurde 1999 wegen Blasphemie angeklagt und verurteilt: Er hatte während einer Performance Ikonen zerhackt; seither lebt Oganjan als politischer Exilant in Prag. Für seine Ausstellung "Russland 2", die 2005 während der ersten Moskauer Biennale stattfand, musste sich Guelman gar vor Gericht verantworten. Eine Allianz aus konservativen Künstlern und Politikern sowie rechtgläubigen Christen bezichtigte ihn der Verunglimpfung von vaterländischen und christlichen Wer ten. Unter den Klägern übrigens auch Dimitri Rogosin, Ex- Vorsitzender der weiland von Guelman ausgebrüteten "Heimat"-Partei. Dessen radikale Anhänger operieren auch gern mit antisemitischen Parolen - Guelman selbst ist jüdischer Herkunft:
Der Geist, den er heraufbeschwor, will nicht zurück in die Flasche. 2004 brachen Unbekannte in seine Kiewer Filiale ein und hinterließen an den Wänden Schmierereien wie "Juden, geht nach Moskau".
Der kunstsinnige Machtmensch kann in all diesen Facetten seiner Person weder Schizophrenie noch Widerspruch erkennen. Er habe sich lediglich entsprechend seiner Fähigkeiten als Propagandist, Medienprofiund Politdienstleister verdingt. Doch seither haftet ihm der Ruf des gewissenund prinzipienlosen Manipulators an.
2004 wollte er mit diesem Image aufräumen und quittierte seinen Dienst als Vizechef des russischen Ersten Fernseh-Kanals (ORT), dessen Analyse- Abteilung er zwei Jahre lang mit aufgebaut hatte. Seitdem betont er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: "Galerist ist meine Identität." Diese Kehrtwende erklärt er damit, dass man in der heutigen russischen Politik nichts mehr bewirken könne: "Wenn alles von oben kontrolliert wird, sind Intellektuelle nicht mehr gefragt." Die Kunstszene als Schmollwinkel des abgehalfterten Polittechnologen?
Keineswegs, denn ein anderer, gewichtiger Grund für Guelmans offiziellen Rückzug von der politischen Bühne besteht darin, dass in Russland seit 2001 ein funktionierender Kunstmarkt entsteht. Nun interessieren sich auch russische Sammler für die eigene Kultur - anders als in den frühen neunziger Jahren. Zwar versprachen jene Riesensummen, die damals wie etwa bei Sotheby's für russische Kunst gezahlt wurden, ein leuchtende Zukunft, doch die erhofften Verkäufe innerhalb des Landes blieben aus. Der Grund, so Guelman: "Sogar die Bewertungskriterien für russische Kunst wurden nicht in Moskau, sondern in Köln und New York aufgestellt." Mittlerweile laufen die Geschäfte aber exzellent: Russische Gegenwartskunst wird nicht mehr nur im Ausland verkauft. Die neuen Reichen des Landes haben Blut geleckt und Guelman versorgt sie mit Ware. Es sind meist junge Unternehmer unter 40, die genau wissen wollen, wo sie ihr Geld anlegen. Sie halten sich Assistenten und spezielle Berater; ein Sammler eröffnete kürzlich sogar ein Privatmuseum. Auch persönliche Begegnungen mit Künstlern stehen bei der jungen Käuferelite hoch im Kurs.
Gut geeignet für derlei Treffen ist zweifellos der gesellige Wjatscheslaw Misin aus Nowosibirsk. Der ist dem internationalen Kunstpublikum aus den Kurzfilmen der Blue Noses bekannt - für putzige Nacktperformances mit Kollegen Alexander Schaburow.
In kürzester Frist haben sich die Preise für Werke der "Blauen Nasen" mehr als verdreifacht. Von Auflagenbeschränkungen hält der Kunsthändler offenbar nicht viel: Die Videos, deren Einzelpreis umgerechnet 4000 Euro beträgt, gingen bereits 80 Mal über den Galerietresen in der Moskauer Malaja- Poljanka-Straße.
Ein zweiter Schauplatz, auf dem sich Marat Guelman unübersehbar tummelt, ist die Kunstmesse Art Moskwa, die im Mai ins elfte Jahr geht.
Auch hier kommt keiner an ihm vorbei; schließlich hat er das Projekt 1996 mitbegründet und bereits davor mit der heute legendären "Art Myth" einen Messeversuch gestartet. Offiziell wurden auf dem Kunst-Jahrmarkt - das russische Wort lautet tatsächlich "Jarmarka"- 2005 geschätzte 2,8 Millionen Dollar und 2006 bereits 4,4 Millionen umgesetzt. Guelman verdiente allein auf zwei Messen im Jahr 2006 eine halbe Million Dollar.
Und zweifelsfrei kann sich der umtriebige Selbstvermarkter auf seine Fahnen schreiben, dass große Museen wie die Neue Tretjakow-Galerie oder das Russische Museum in St.
Petersburg auch endlich Gegenwartskunst wahrnehmen - über den klassischen Moskauer Konzeptua lismus hinaus. Gewohnt unbescheiden darf Guelman also behaupten: "Die Geschichte der russischen Kunst seit 1990 und die Geschichte meiner Galerie sind identisch." Heute wie in den späten Achtzigern baut Marat Guelman Newcomer aus Südrussland und östlichen Kunstprovinzen auf; er präsentiert Georgier wie Alexander Dschikija, Tschetschenen wie Alexander Kallima, Sibirier wie die "Blauen Nasen" oder den Kasachen Erbossyn Meldibekov. Die meisten namhaften Gegenwartskünstler des Landes sind ihm ohnehin verpflichtet; ein Abhängigkeitsverhältnis, das der clevere Impresario weiter ausbaut. So gründete er kurz nach dem 15-jährigen Bestehen seiner Galerie im März 2006 die "Marat- Guelman-Kunststiftung" - als besonderes Geburtstagsgeschenk.
Dafür konnte er die betuchten Unternehmer und Sammler Viktor Bondarenko und Alexander Smusikow gewinnen.
Unter dem Dach der Stiftung vereinten die drei Gründer ihre hochkarätigen Kunstsammlungen von Marc Chagall, Chaim Soutine und Ilja Repin bis Waleri Koschljakow und Oleg Kulik und bestücken damit Sonderausstellungen zwischen Bilbao und St.
Petersburg. Der Fonds soll handverlesene Künstler des Guelman-Stammpersonals dauerhaft unterstützen. Außerdem betreibt die Stiftung unter der Adresse www.GiF.Ru die wichtigste Informationsdatenbank zur Gegenwartskunst in Russland im Internet.
Und ganz so wie der einflussreiche Wahlkampfmanager Guelman einst seine Propaganda mit einer "Stiftung für Effektive Politik" ausstattete, gönnte er sich nun ein machtvolles Instrument für Kulturpolitik.
Ganz ohne Neider wächst das ehrgeizige Guelman-Imperium freilich nicht. Im Oktober 2006 wurde Marat Guelman Opfer einer anonymen Gewaltattacke.
Zehn maskierte Männer mit Militärstiefeln drangen in die Galerieräume ein. Sie verwüsteten das Büro, zerstörten die gerade ausgestellten Werke von Alexander Dschikija und brachen dem Galeristen die Nase. Jetzt installierte er in seinen eher bescheidenen Erdgeschossräumen ein Überwachungs system und engagierte Bodyguards für seine Tochter. Über die Ursache der gefährlichen Randale kann Guelman jedoch nur spekulieren - der Fall wurde bislang nicht aufgekärt.
Bereits am Vortag hatten Zollbeamte auf dem Moskauer Flughafen den Londoner Galeristen Matthew Bown an der Ausreise nach England gehindert und von Guelman geliehene Werke konfisziert. Auf diesen, als suspekt eingestuften Fotoarbeiten der Blue Noses räkeln sich drei nackte Männer, die Masken von Bush, Bin Laden und Putin tragen. Bown durfte zwar mit dem nächsten Flug weiterreisen - die Werke hingegen verblieben beim russischen Zoll, und zwar zur Untersuchung durch Experten des Kunstministeriums. Vermutlich haben sich die Angreifer auf die Galerie von dieser staatlichen Maßnahme ermutigt gefühlt - zusätzlich zu der Tatsache, dass Guelman ohnehin als Feind auf einer Internetliste russischer Neofaschisten geführt wird.
Seinerseits legte er im Web einen Katalog von Rechtsextremisten an - in seinem Online-Tagebuch mit dem unmissverständlichen Titelgalerist. livejournal.com. Dort meldet sich der obsessive Blogger fast täglich. Die Eintragungen reichen von politischen Kommentaren - Der Fall Chodorkowskij:
Wer wird der Nächste sein? - bis zum prekären Zustand des Gesundheitswesens.
Daneben gibt "galerist" Nachhilfe in Sachen Gegenwartskunst inklusive aktueller Auktionspreise und liefert geschwätzige Einblicke in die eigene Privatsphäre.
Auch hier prangert Guelman die Kreml-Politik an, die ein gutes Klima für rechtsradikale Gewalt schaffe.
Doch es entspräche nicht seinem Naturell, sich entmutigen zu lassen oder auch nur für einen Moment die Sprache zu verlieren. So veranstaltet er momentan eine Großausstellung mit dem schmissigen Motto "Kunst oder Tod". Diese begleitet die 2. Moskau- Biennale 2007 und zeigt Künstler als ständig bedrohte Spezies. Die 21 Beiträge stammen von Guelmans erprobten Hausprovokateuren wie AES, Oleg Kulik, Awdej Ter-Oganjan oder den Blue Noses neben international weniger bekannten Künstlern wie Arsen Sawadow und Juri Albert.
Und weil Guelman wohl bereits wieder Übergriffe auf die Kunst einplant, hat er neulich Michail Schwydkoi, den ehemaligen Kulturminister und Chef der staatlichen Agentur für Kultur und Filmkunst, um besonderen Schutz für die Schau "Kunst oder Tod" gebeten. Das mag nötig sein, sieht aber gleichzeitig wie ein geschickter Werbeschachzug des Marketingexperten Guelman aus. Doch eigentlich hat er solche Maßnahmen im März 2007 gar nicht nötig.
Zeitgleich zu Biennale und Ausstellung landet Marat Guelman schon den nächsten Coup. Er bezieht neue Räume auf dem Gelände einer verwaisten Weinabfüllerei namens "Winzavod" (Weinfabrik). Mit "Winzavod" erfüllt er sich den Traum von einem Moskauer Kulturbiotop wie in Soho oder Chelsea. Darum nimmt er seine Kollegen von vier weiteren erfolgreichen Galerien gleich mit auf das Areal. Denn damit die Vision von einer Kunstfabrik funktioniert, gilt es stolze 20 000 Quadratmeter zu bespielen.
Die Gestaltung des gesamten Komplexes hat der Experimental-Architekt Alexander Brodskij übernommen.
Keine Überraschung: Gehört er doch zum Inventar der Galerie Guelman und hat bereits die Vorstadtvilla seines Galeristen entworfen.
Internet: www.guelman.ru, http://galerist.livejournal.com, www.gif.ru
Kasten:
Kunst und Kälte Die 2. Moskau-Biennale für zeitgenössische Kunst Die Premiere 2005 verlief furios, aber nun soll alles noch größer und spektakulärer werden. Acht Kuratoren, darunter Daniel Birnbaum (Frankfurt am Main), Hans Ulrich Obrist (London) und Rosa Martínez (Barcelona) laden 80 Künstler zu einer ganzen Reihe von Schauen ein. Drei große Ausstellungsorte, das frühere Lenin-Museum, das Schuschew-Architekturmuseum und ein Shopping-Center stehen zur Verfügung, dazu ungezählte Nebenschauplätze.
Acht Künstler von Jeff Wall bis Yoko Ono bekommen Einzelschauen.
Vielleicht nicht die größte Biennale der Welt - aber ganz bestimmt die coolste: nachts bis minus zwölf Grad Celsius.
Termin: 1. März bis 1. April Info: http://2nd.moscowbiennale.ru
Kampf für Kunst und gegen Rechts: Marat Guelman
Kommentar der Blue Noses zur ewigen Macht des Geheimdienstes: "Russland unter dem Stiefel der Tscheka" (2006, 67 x 100 cm)
Kunst mit Küchenutensilien: Schau der Blue Noses 2004 in der Moskauer Galerie
Im Oktober 2006 verwüsteten maskierte Täter die Galerie, Guelman wurde verletzt
Die besten Talente findet Guelman in der Provinz: Erbossyn Meldibekow etwa stammt aus Kasachstan ("Pol-Pot", 2000, 62 x 80 cm)
Die Reichen haben Blut geleckt - Guelman versorgt sie mit Ware
Auch große Museen wie die Moskauer Tretjakow- Galerie zeigen nun Guelmans Künstler: "Küchensuprematismus" (2006) von den Blue Noses nimmt ironisch Bezug auf die Heldentaten der russischen Moderne
Im Online-Tagebuch prangert Guelman rechtsradikale Gewalt an
