Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 121

Innenstadt-Reparatur gelungen

Von Adrienne Braun

Architekur: Ulms "Neue Mitte" macht Bausünden vergessen

Die Neue Straße in Ulm sollte in Richtung Zukunft führen: viel Platz für den Verkehr. Was in den fünfziger Jahren als Fortschritt galt, entpuppte sich schon bald als üble Bausünde. Denn die breite Straße zerteilte die Altstadt von Ulm - oder besser, was der Krieg davon übrig gelassen hatte. Doch Ulm hat noch einmal einen Neubeginn gewagt und mit dem Großprojekt "Neue Mitte" die Planungsfehler der vergangenen Jahrzehnte korrigiert - und zwar vorbildlich. Dort, wo sich zuletzt mehr als 30 000 Autos am Tag über die vierspurige Stadtautobahn schoben, ist ein neuer Stadtkern entstanden.

Der Verkehr wurde schlicht verbannt, die Neue Straße überbaut und damit der Münsterplatz und das historische Rathaus, die der gewaltige Autostrom voneinander trennte, wieder in einen städtebaulichen Zusammenhang gebracht. Fußgänger können nun ohne Lärm und Abgase durch die Altstadt gehen. Am neu entstandenen Hans-und-Sophie-Scholl- Platz hat Stephan Braunfels, der Architekt der Pinakothek der Moderne in München, zwei markante Bauten errichtet: Die Sparkasse Ulm hat zwei schlanke Riegel aus Sichtbeton und Glas für ihr Dienstleistungszentrum erhalten.

Und imposant ragt die Spitze des neuen Kaufhauses Münstertor wie ein Tortenstück auf den neuen Platz. Noch im Bau befindet sich ein anderes Gebäude der "Neuen Mitte": Der Münchner Architekt Wolfram Wöhr errichtet derzeit eine Kunsthalle für den Unternehmer Siegfried Weishaupt, der seine umfangreiche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst hier präsentieren will.

Viele deutsche Städte leiden bis heute unter den Planungsfehlern der Nachkriegszeit, Ulm hat gewagt, dieses Problem anzugehen und mit seiner "Neuen Mitte" eine überzeugende Lösung gefunden, bei der sich historische Substanz und qualitätsvollezeitgemäße Architektur bestens ergänzen.

Der Weg hierhin war allerdings lang - schon 1975 sprach sich der Gemeinderat für ein neues Innenstadtkonzept aus. Einen ersten Akzent in der Altstadt setzte 1993 bereits der amerikanische Bau meister Richard Meier, der hier sein damals heftig diskutiertes, elegantes Stadthaus er richtete. Mehr als zehn Jahre später lieferte der deutsche Architekt Gottfried Böhm seinen Beitrag zur Reparatur der Ulmer Innenstadt und baute für die Zentralbibliothek eine lichte Glaspyramide, die an den berühmten gläsernen Louvre-Eingang erinnert und einen Hauch Paris ins kleine Ulm brachte.

Internet: www.ulm.de