Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 117
Geraubt und erpresst
Von Stefan Koldehoff
Kunstrestitution: Umfangreiches Handbuch erschienen
Wie viele Menschen es genau waren, denen die Nationalsozialisten erst ihre Kunstsammlungen und danach oft auch ihr Leben nahmen, vermag niemand mehr zu sagen. Im gesamten Deutschen Reich waren es wohl Hunderttausende, wenn nicht Millionen Kunstwerke, die gestohlen wur den: geraubt, erpresst oder unter dem Druck verkauft. So gründlich gingen die nationalsozialistischen Kunstschergen damals vor, dass heute oft nicht einmal mehr die Namen derer in Erinnerung geblieben sind, die zwischen Jahrhundertwende und 1933 zum Teil fantastisch progressive Kollektionen zusammengetragen hatten. Max Silberberg, Walter Westfeld, Leo Lewin, Georg Hirschland, Leo Bendel oder der Berliner Bankier Max Steinthal sind heute vergessene Samml er, ihre Bilder oft in alle Welt verstreut. Dass der Schriftsteller und Kunstkritiker Paul Westheim einmal eine der progressivsten Kunstsammlungen der Weimarer Republik mit Werken von Grosz und Dix besaß, belegen nur noch Fotos. Westheim musste emigrieren, eine korrupte Kollegin riss sich Teile seines Besitzes unter den Nagel und verkaufte ihn.
Ein umfangreiches Handbuch der Historikerin Monika Tatzkow und des Juristen Gunnar Schnabel dokumentiert nun nicht nur, welche kulturellen Schätze damals ihren Besitzern enteignet wurden:
Der Band beschreibt auch akribisch, in welchen Fällen die Erben der ehemaligen Besitzer heute Anspruch auf Rückgabe ihr es Eigentums haben.
Nach der Lektüre des "Handbuchs Kunstrestitution weltweit " wird aber offensichtlich, was auch international auf Kritik stößt:
Anders als in vielen anderen Staaten findet Provenienzforschung in deutschen Museen, Auktionshäusern und Galerien so gut wie nicht statt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat nun angekündigt, dies endlich ändern zu wollen. Im "Handbuch Kunstrestitution weltweit" könnte nicht nur er wert volle Hinweise finden.
Buch: Gunnar Schnabel/Monika Tatzkow:
Nazi Looted Art. Handbuch Kunstrestitution weltweit. Proprietas-Verlag, 39,80 Euro. Internet: www.nazilootedart.com
