Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 116-117
Die Lösung stand auf der Rückseite
Von
NS-Raubkunst: Provenienzforschung in Hamburgs Kunsthalle - ein Vorbild
Ute Haug von der Hamburger Kunsthalle ist die einzige fest angestellte Provenienzforscherin an einem deutschen Museum. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Erforschung der NS-Zeit. 147 Fälle konnte sie bereits klären, an 100 weiter en arbeitet sie gerade.
Ihr jüngster Erfolg ist die freiwillige Rückgabe eines Selbstbildnisses von Cornelis Pietersz Bega (1620 bis 1664), das die Hamburger Kunst halle den Erben des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goud stikker (art 4/2006) übergeben hat. Mit Ute Haug sprach art-Autorin Kia Vahland: art: Wie haben Sie die Herkunft des Bega-Bildes geklärt?
Haug: Der entscheidende Hinweis fand sich auf dem Werk selbst.
Auf der Rückseite lugte unter dem Aufkleber der NS-Kulturbehörde eine ältere Plakette mit der Angabe "Heerengracht 458" hervor.
Ich wusste: Das war die Amsterdamer Adresse von Jacques Goudstikker, der 1940 auf der Flucht vor den Deutschen starb.
Nach Entfernen des anderen Aufklebers fand sich eine Nummer, die auf das von Goudstikker geführte Inventarbuch hinwies. Eine weitere Plakette auf der Bildrückseite belegte, dass das Werk noch 1940 in seiner Kunstsammlung war - also zu einem Zeitpunkt, als Goudstikker fliehen musste und Hermann Göring die Kunstsammlung und die Kunsthandlung beschlagnahmte.
Wie kam die Ölskizze dann in die Hamburger Kunsthalle?
Da Göring sie für seine Sammlung nicht für Wert erachtete, landete sie auf Umwegen bei einem Hamburger Einrichtungshaus, das sie noch 1940 der Kunsthalle verkaufte.
Goudstikkers Erben er fuhren durch meine Recherche vom Verbleib und freuten sich über die Rückgabe.
Bisher erkunden aber nur wenige Museen freiwillig die NS-Vergangenheit ihrer Bestände. Nun hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann angekündigt, die Provenienzforschung zu stärken.
Was müsste Ihrer Meinung nach konkret geschehen, um die jetzige Situation zu verbessern?
Wirklich hilfreich wäre eine zentrale Einrichtung für Provenienzforschung, die Grundlagenforschung betreiben und Dossiers zu den einzelnen jüdischen Sammlern erstellen sollte. Sie müsste im Austausch mit den Museen steh en, die die Herkunft der einzelnen Werke recherchieren. Dafür müssten natürlich Forscher eingestellt werden, möglicherweise, indem sich mehrere Häuser zusammentun.
Ich selbst arbeite sowohl für die Kunst halle als auch für das Museum für Kunst und Gewerbe und erwirtschafte Einkünfte, wenn ich andere Museen oder Bildbesitzer berate.
Nun gibt es ja schon eine zentrale Einrichtung, die Koordinierungsstelle in Magdeburg. Reicht das denn nicht?
Die Koordinierungsstelle ist leider eine reine Verwaltungseinrichtung, die keine Forschungen betreibt. Ihre Datenbank ist keine wissenschaftliche, sondern eine, in der Such- und Fundmeldungen zu finden sind. Diese Meldungen werden unverändert ins Internet gestellt und nur selten weiter recherchiert.
Das private Museum Georg Schäfer in Schweinfurt weigert sich zur Zeit, seine problematischen Bilder zu überprüfen. Was kann man in solchen heiklen Fällen unternehmen?
Privatmuseen müssen enteignete Bilder nicht zurückgeben, einige tun es glücklicherweise trotzdem.
Ich wünsche mir eigentlich ein Klima, in dem alle Beteiligten möglichen Problemfällen auf den Grund geh en: Museumsleute, Privatsammler, Kunsthändler.
